Samstag dm 11. November
lyoii lUgfctJW! MZWW
fWWT yi
Itllubiil
W//.I
Ut/Uth'
«
^■Odn guten Alten
««OEy In Treuen halten. Am kräft'gen Neuen Sich stärken und freuen, Wird niemand gereuen. E. (Seibel.
Miiijumiiiiunii.t' '■ 1 ........
Nachdruck verboten.
Der Gylsenhof.
Bine Erzählung von P. D i t f u r t h.
(Fortsetzung.)
Charlotte fand Renate in heißen Thränen, die wie eine Erlösung über sie gekommen waren.
„Renata, mein liebes Kind," sagte die tiefbewegte Frau, „Du gehörst mir als das Vermächtnis meiner Helene, und ich bin Deine Mutter. Denke weniger an das Unrecht Deiner armen Eltern, denke mehr an Gottes Gnade, die Dich dies Unrecht sühnen ließ."
„Ich will zu dem alten Mann," sagte Renata, ihre Thränen trocknend, „ich will zu ihm als meiner Mutter Tochter."
„Ja, komm mein Kind, noch lebt er!"
Leise atmend und mit geschlossenen Augen lag der Konsul da, als Charlotte mit Renata eintrat. Auf einen Wink der ersteren verließ Marianne das Zimmer.
Bei dem leisen Geräusch schlug der Greis die Augen auf, sie waren seltsam groß und träumerisch wie bei allen Sterbenden. Er verwechselte schon häufig die Personen und sprach oft mit längst Verstorbenen.
„Lieber Vater, ich bin es, Charlotte," sagte diese sanft und legte ihre Hand liebkosend auf sein weißes Haar.
„Ich bringe Dir noch jemand, den Du lieb hast," fuhr sie fort und führte Renata heran. „Hier ist Dein kleiner David, der mit Dir betete."
„Ja, ja, ich weiß es wohl," erwiderte er und sah das junge Mädchen, das blaß und mit klopfendem Herzen dastand, freundlich an. Wie schön war doch jetzt dies friedliche Greisenantlitz. Er streckte ihr die Hand hin, und sie sank an seinem Bett ins Knie.
„Vergieb uns unsere Schuld," sagte sie mit unterdrücktem Schluchzen und sah flehend zu ihm auf.
Ein wehmütiges Lächeln zog um seinen Mund, und er wiegte leise den Kopf.
„Ja, so war es!" sagte er traumhaft.
„Vater," sprach Charlotte, „dieses Kind bittet für seine Mutter, es ist Helenens Kind, sie weiß es heute."
Der weiße Kopf des alten Mannes fuhr empor, und ein Zucken flog über seine Züge.
„Helenens Kind!"
Zitternd sah Renata in seine aufglühenden Augen; noch einmal schien alle Lebenskraft wiederzukehren, seine Hand löste sich aus der ihren und krampfte sich zusammen: „Helenens Tochter — Gylfens Tochter — o der alte Mann wurde hintergangen."
Der alte Feind erhob sich noch einmal und stand drohend ba; sollte er triumphieren in der letzten Stunde?
Charlotte verstand den Sterbenden beffer als die arme Renata.
„Vater," begann sie wieder mit fester Stimme, „nicht dieses Kind und nicht wir haben bis zu dieser Stunde gewußt, daß Helene ihre Mutter war. Vater, segne das letzte Kind der unglücklichen Frau, die so schwer gebüßt hat, Du hast es ahnungslos lieb gewonnen, und es lehrte Dich ebenso ahnungslos vergeben."
Der Greis war zurückgesunken, und seine Augen sahen starr in die thränenmüden, stumm bittenden des blassen Mädchens. Es huschte ihm so sonderbar darüber hin, die vergangene Zeit stand dort und winkte ihm zu, und sie trug die Züge seines treuen Weibes, das ihm entgegensah von oben und fie wies auf die kniende Gestalt an seinem Bette. Und auch diese trug liebe Züge, ein süßes Gesicht, das er einst so lieb gehabt.
Aber dann sahen ihn ein paar Augen an in einem bleichen entstellten Gesicht, das er mehr geliebt, als alles auf Erden.
Er stöhnte auf: „Werner, werde ich Dsth finden?"
Jeder Atemzug Renatens war ein wortloses Gebet.
War der Kampf überwunden in der Seele de- Scheidenden?
„Warum kommt Helene nicht selbst?" tönte es jetzt von seinen Lippen.
„Meine Mutter ist tot," sagte Renata leise.
„Und — und Gylfen?"
„Mein Vater ist auch lange tot, ich bin ganz allein."
„Sie sind tot," murmelte der Konsul, „und sie waren nicht glücklich."
War es doch eine Genugthuung, die durch sein Inneres zog. Aber da stand noch etwas drohend. Es war die heiße Bitte um Vergebung, die er damals zurückgestoßen


