Ausgabe 
11.7.1899
 
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Lampe bringen?" Sie will antworten, aber sie kann es nicht. Es ist alles verquollen im Halse. Sie kann kaum Luft bekommen, aber endlich bringt sie ein paar Worte hervor:Ja, bitte."

Er holt selbst die Lampe und setzt sie auf den Schreib­tisch mitten unter die verstreuten Zettel und Briefe. Eine furchtbare Angst packt sie. Er wird doch nicht sehen, lesen,- erraten!

Geh, geh!" stößt sie hastig heraus.

Was ist Dir?" fragt Leonhard teilnahmsvoll.

Ich ich habe Papas Schreibtisch geordnet, und das hat mich sehr aufgeregt."

Er beugt sich zu ihr herab, um ihre Stirn zu küsfen. »Arme, arme Mama! All' die lieben Erinnerungen! Wie weh muß das thun."

Die lieben Erinnerungen!" tönt es höhnisch in ihrem Herzen nach.

Ja, mein Junge, weh, sehr weh!" murmelte sie. Laß mich noch ein Stündchen allein. Dann komme ich zum Abendbrote." Sobald die Thür sich hinter ihm ge­schlossen hat, rafft sie eilig die Briefe zusammen, die gelesenen und die ungelesenen, und steckt sie in den Ofen. Dann zündet sie ein helles Feuer an und wacht darüber, daß auch nicht ein Blättchen unverbrannt bleibe. Und wie die Flamme schnell und knisternd die Blätter verzehrt und in Asche ver­wandelt, so zerfällt in ihrem Herzen das ganze Glück der Ver­gangenheit in Schutt und Asche. Befleckt und zerstört ihre schönsten Erinnerungen, von denen sie hatte zehren wollen bis an das Ende ihrer Tage. Leerer und leerer wird es in ihrem Herzen, das von Liebe und Schmerz angefüllt war, zum zerspringen. Ihre Thränen trocknen. Das Weh, das jetzt in ihre Seele eingezogen, ist ein wildes, brennendes. Es verzehrt die Thränenströme und glüht wie Feuer in den brennenden Augenhöhlen.

Nun ist alles verbrannt und vertilgt. Sie wird keinen Mitwisser haben für ihr trauriges Geheimnis. Ihren Kindern wird das Bild des Vaters erhalten bleiben, so wie er ihnen im Leben erschienen ist, schön, gut, edel, leuchtend.

Dazu hilf mir, Du lieber Gott im Himmel!" fleht sie in brünstigem Gebet.Hilf mir! hilf mir!"

Von dieser Stunde ist Dorothea eine andere geworden. Ihre Gedanken haften nicht mehr an der Vergangenheit. Was das große Unglück nicht vermocht hat, die herbe Er­kenntnis hat es zustande gebracht: sie hat sie aufgerüttelt aus ihrem Phlegma und die schlummernde Energie in ihr geweckt. Dorothea übersieht ihre Lage jetzt vollständig- sie weiß, was auf ihren Schultern ruht, und sie beginnt Pläne zu machen für die Zukunft,- die Zukunft, die so düster und trostlos vor ihr liegt, vor der sie tausendmal entmutigt den Blick abwendet und der sie doch tausendmal von neuem wieder gerade ins Gesicht blickt. Und dabei kommt ihr ihre un­zerstörbare Gemütsruhe zustatten und auch ein wenig ihre kindliche Unerfahrenheit. Verzweiflung kennt sie nicht.

Ziel ist ganz erstaunt, wie sich Frau Dorothea in dew Zeiträume von drei Tagen verändert hat. Keine Thräne mehr, kaum eine Spur von Trauer in dem sanften Gesicht,- um die Lippen ein Zug von Entschlossenheit, der ihm fremd an ihr ist. Und einen fertigen Plan legt sie ihm vor. Sie will eine Wohnung in der Stadt mieten und Pensionäre nehmen. Das Nächstliegende, das, wonach Frauen in ihrer Lage immer zuerst greifen- und doch hätte er ihr den selbständigen Entschluß, die Umsicht, mit der sie alles bedacht hat, nicht zugetraut.

Alle Achtung! Sie sind ja eine ganz famose Dis­ponentin!" ruft er bewundernd.Wer das in Ihnen gesucht hätte!"

Sie lächelt ein trübes Lächeln.Ich selbst wohl am wenigsten. Es ist die harte Notwendigkeit, Herr Rechts­anwalt. Bin ich nicht gezwungen zu handeln, für meine

Kinder zu leben und zu arbeiten? Gott wird mir die Kraft dazu geben."

Und auf mich dürfen Sie jederzeit rechnen!" Dabei ergreift er ihre Hände und schüttelt sie kräftig.Ich war der Freund Ihres Mannes und werde schon darum stets der Ihre sein."

Ich danke," erwiderte sie. Es klingt etwas kühl für soviel Herzlichkeit, und sie entzieht ihm schneller als nötig ihre Hände. Warum hat er sie auch daran gemahnt, daß er der Freund ihres Mannes gewesen ist, sein bester Freund, vielleicht sein Vertrauter. So oft sie Ziel ansteht, fallen ihr die Briefe ein"als wir uns gestern bei Ziel trafen"

Gewiß war das eines von jenen Soupers gewesen, über die ihre Bekannten zuweilen hinter der vorgehaltenen Hand mit einander getuschelt hatten! Ihr Mann sprach über solche Dinge nie mit ihr. Er war bemüht, alles Un­schöne von ihr fernzuhalten, wie er sich ausdrückte. Auch als sie ihn direkt befragt, hatte er ausweichend geantwortet- die kleinen Feste seien ganz harmloser Natur- das gute Essen sei das beste daran. Und sie hatte ihm geglaubt, blindlings vertraut!

Ziel war, mehr den Aufforderungen der Kinder als ihren eigenen folgend, zum Abendbrote dageblieben. Nach Tisch kam das Gespräch auf das Kreuz, das man für das Grab bestellt hatte. Ueber die Inschrift, die man darauf anbringen wollte, war man noch nicht einig. Jeder brachte einen eigenen Vorschlag und verwarf den des anderen. Elschen hatte einen schönen Spruch vorgeschlagen.Befiehl dem Herren Deine Wege" oderIch bin die Auferstehung und das Leben". Martha protestierte energisch.Habt ihr je aus Papas Munde einen Bibelspruch gehört? Hat er je mit einem von uns über Religion gesprochen? Nein. Gewiß war er fromm wie irgend jemand," lenkte sie ein, um etwaige Widerreden im voraus zu entkräften.Aber er zeigte es nicht- und darum würde es mich ganz fremd anmuten, wenn ich auf dem Kreuze einen Spruch lesen müßte!"

Leonhard stimmte ihr bei, und Frau Dorothea meinte, ob man nicht ganz einfach:Ruhe sanft!" wählen wolle.

Abermals war es Martha, oie widersprach. Das sei farblos und nichtssagend- es passe für einen alten Mann, dem der Tod als Erlöser gekommen sei, nicht für einen, den er mitten aus dem schaffensfrohen Leben abberufen habe, wie ihren Vater.

Hab' ich recht, Herr Rechtsanwalt?" wandte sie sich jetzt direkt an Ziel.

In gewissem Sinne wohl," antwortete Ziel.Haben Sie selbst keinen Vorschlag zu machen, Fräulein Martha?"

O doch! und die Geschwister waren alle damit ein­verstanden. Aber Mama mag nichts davon wissen. Sie sagt, man dürfe seine Gefühle nicht öffentlich zur Schau stellen."

Das hat auch viel für sich," erwiderte Ziel.Ich für meine Person kann alle Arten poetischer Ueberschwänglich- keit schlecht verdauen, und nun gar in Stein gegraben."

Meine Inschrift ist weder poetisch noch überschwänglich," gab Martha zurück.Ganz kurz.Dem besten Vater, dem treuesten Gatten". Darunter der Name, Geburts- und Todestag. Wie finden Sie das?"

Kurz und treffend," stimmte Ziel bei.

Dorothea sah ihn unter den halbgesenklen Lidern prüfend an. Dann fragte sie halblaut, jedes einzelne Wort betonend:

Sie halten die Inschrift für treffend?"

Gewiß natürlich," antwortete Ziel etwas unbehag­lich. Er wußte nicht, worauf sie hinauswollte, aber Ton und Blick gefielen ihm nicht.Dem besten Vater, dem treuesten Gatten das ist doch sehr schön gesagt einfach und wahr und und nun ja sehr schön."

Du willst also wirklich nicht, Mama?" fragte Leonhard,