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dachte immer, das Schiff müsse unter dem furchtbaren Anprall der Wogen in Trümmer gehen.
„In dieser Weise hielt der Sturm eine ganze Woche an und jagte uns direkt nach Norden oder vielleicht ein wenig Nordwest. Der Schiffer suchte ein mutiges Gesicht zu zeigen, aber obgleich er ein ziemlich guter Seemann war, so war er doch nicht sehr kräftig; er sah immer kränklich aus."
„In der Kajüte wurden besondere Gebete abgehalten, wozu auch die Passagiere des Zwischendecks erschienen. Diese hatten es sehr schlimm, da sie stets bei geschlossenen Luken im Finstern, ohne etwas Warmes für den Magen, fitzen mußten, weil in der Küche kein Feuer angemacht 'werden durfte."
„Als der Sturm nachließ, befanden wir uns einige hundert Meilen nördlich von unserem Kurs. Der Kapitän nahm am Ende der Woche Messungen vor und bezeichnete die Breite so etwa auf sechsundvierzig bis stebenundvierzig Grad. Es war eine schreckliche Fahrt."
(Fortsetzung folgt.)
„Quäker-Oats".
„Was habt Ihr wieder für Geheimnisse?" — so frug scherzend der vielbeschäftigte Advokat Klinger seine reizende kleine Frau, als er sie mit ihren Freundinnen, der Frau Hauptmann Vilma und der dicken Schulrätin in traulichem Geflüster bei einander sah. Schier erschreckt waren die Frauen aufgesprungen, da Klinger die Thüre geöffnet hatte. Lilly, seine Frau, war ihm entgegen geeilt und machte Miene, den Eintretenden sanft zur Thüre hinauszuschieben. — Was giebt es, Ihr Weibchen? frug er noch einmal. Welches Komplot wird geschmiedet? Ist eine Frauenverschwörung im Zuge? Aber die also Apostrophierte ließ dem Frager keine Zeit, sich niederzulassen. „He Alter, schmeichelte sie, das sind Frauensachen, die kein profanes Männerohr vernehmen soll, und mit beinahe unbehaglichem Gebrumme verließ der Rechtsanwalt das Gemach, in welchem die Frauen tagten.
Die Sache war nämlich die: Seit wenigen Wochen war die Schulrätin wohlbestellte Präsidenten des großen Frauen- und Kinderschutzvereines „Providentia", der unter dem Protektorate einer hohen Dame in der Residenz sich gebildet und die Aufgabe hatte, alljährlich zwei Kränzchen, einen Ball, eine Reunion, eine Verlosung, einen Bazar, eine Ausstellung von Frauenarbeiten, einen Ausflug, eine Garden party, einen Blumenkorso, eine Schlittenfahrt, eine Lotterie und schließlich eine Matinöe zu veranstalten, alles zu dem wohlthätigen Zwecke, um bedürftige Frauen und blutleere Kinder mit Geld, Kleidungsstücken, Nahrungsmitteln, Sommeraufenthalt, Medikamenten und Spielwaren zu versorgen. Die Methode, auf dem Umwege über das Amüsement und die Zerstreuung Gutes zu schaffen, ist in unseren Hauptstädten viel verbreitet. Ohne der Wohlthätigkeit Schranken zu setzen, berät man in den Komitäs, tanzt auf den Bällen, intriguiert auf den Redouten, hält man freundliche Gesichter und kokettierendes Augenspiel bei den unterschiedlichen Bazaren feil, kurzum, man ist wohlthätig, weil man sich dabei zerstreut und man zerstreut sich, indem man Gutes thut.
Die dicke Schulrätin nun, eine sehr ehrgeizige Dame, deren Gatte bei den letzten Landtagswahlen beinahe in die Volksvertretung entsendet worden wäre, laborierte, seitdem sie Präsidentin der „Providentia" war, an einem erleuchteten Gedanken. Die Wohlthätigkeitsbälle machten ihr keine Freude, denn der gestrenge Gemahl war ein abgesagter Gegner solcher öffentlichen Vergnügungen. Bei Wohlthätigkeitskonzerten mußte sie zwei Stunden Musik mit in den Kauf nehmen, denn sie war absolut unmusikalisch, und bei einer Schlittenpartie hatte sie sich als junges Mädchen den Fuß gebrochen. So beschäftigte sie sich denn im Geiste mit einer neuen glorreichen
Einnahmequelle für die „Providentia", und diese glaubte sie gefunden zu haben und beriet heute mit ihren besten Freundinnen über die Art und Weise einer erfolgreichen Durchführung. Die Residenz sollte nämlich zum ersten Male das Schauspiel einer Kinderausstellung sehen. Die Sprößlinge der Ortsansässigen, die zarten Pflanzen im Alter von zwölf Monaten bis fünf Jahren, sollten öffentlich zur Schau gestellt werden, um dazuthun, über was für exquisite Mütter diese Stadt verfüge, welcher famosen Pflege die Kleinen sich erfreuten und welch wertvolles Geschlecht an Zukunftssoldaten und Bräuten in spe in der glücklichen Gemeinde emporsprieße. Das Land, die Stadt selbst, vor allem aber der Landesherr sollten um reichliche Subventionen angegangen werden. Die wohlhabenderen Aussteller, so war geplant, müssen für die Exposition ihrer Kleinen einen beträchtlichen Lagerzins zahlen, und von dem Erlöse hoffte man nicht nur eine reiche Einnahme für die „Providentia", sondern auch noch die Möglichkeit, die ärmeren Mütter, deren Sprößlinge bei der Prämiierung siegen, mit entsprechenden Prämien bedenken zu können.
Das war eine großartige Idee „echt amerikanisch", wie Lilly meinte, und in der Debatte handelte es sich jetzt, nachdem der Vorschlag prinzipiell genehmigt war, nur darum, ob man bronzene Medaillen oder Anerkennungs-Diplome verteilen solle. Selbstverständlich sollte neben dieser Ehrengabe und der zu verleihenden Geldprämie auch noch eine große goldene „Providentia-Medaille" gestiftet werden und der Mutter des beftgediehenen Musterkindes verliehen werden.
Wenige Wochen nach dieser Beratung war im Amtsblatte der Residenz zu lesen: Die vom Frauen- und Kinderschutzverein „Providentia" veranstaltete Kinderausstellung verspricht einen großartigen Verlauf zu nehmen. Fast sämtliche hervorragende Familien der Stadt, aber auch die Familien der Handwerker und Beamten haben die Beschickung zugesagt. Die Eröffnung der Ausstellung findet am Sonntag in den Thaltasälen statt. Se. Hoheit der Erbprinz Sebastian wird die feierliche Eröffnung vornehmen!
War das ein Gedränge, ein Auf- und Niederwogen, ein Durcheinander von Stimmen, ein Lachen, Jauchzen, Zirpen, Zwitschern und bewunderndes Wispern.
Großartig repräsentierte sich der Nachwuchs der guten Stadt. Rings um den Festsaal war eine Estrade angebracht. Darauf hatte man kleine Zeltchen postiert, mit Fahnen, Guirlanden und Reisig geschmückt, und in diesen Zellchen hatten die unterschiedlichen Babys, teils von Müttern und Wartfrauen, teils auch von vorsorglichen Komitee-Damen sorgsam behütet, Platz genommen. Das war ein Anblick, der das Herz lachen machte. Pausbacken und darin Grübchen, süße Stumpfnäschen, Rosenlippen, Patschhändchen, blonde Haare, meist mit zierlichen Rofabändern umschlungen! Und wie sauber gewaschen die Kleinen heute waren. Wie putzig sie sich in ihren weißen Kleidchen ausnahmen, wie selbstbewußt und gar nicht verlegen, oder auch nur im geringsten zum Weinen geneigt, sie auf die Menge herniederblickten, welche diesen köstlichen Eigenbau der Residenz bewunderte. Bedeutend war auch die Rede gewesen, mit der Seine Hoheit der Erbprinz das patriotische Unternehmen begrüßt und eingeleitet hatte: „Meine verehrten Damen und Herren, hatte ungefähr Prinz Sebastian gesagt, gerne bin ich bei Ihnen erschienen, um bei einem Unternehmen mitzuwirken, das dem Vaterlande und der Menschheit zur größten Ehre gereicht". Es war ungefähr dieselbe Rede, mit der der wackere Fürst jüngst die Jagdtrophäen-Ausstellung eröffnet hatte. Aber das thut dem Unternehmen keinen Eintrag, und als der leutselige Prinz hierauf beim Rundgange eines und das andere der Kinder in die fürstlichen Arme nahm, dasselbe zu küssen, kannte der Jubel keine Grenzen. Die Musik blies Tusch, wobei allerdings die Kleinen erschraken, und zum ersten Male die schrillen Quitschtöne des Mißvergnügens, wie man sie bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren zu vernehmen pflegt, laut wurden. Doch einige durchlauchtige Bonbons übten


