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Nachdem er eine Weile in seinen Kleidern gewühlt hatte, zog er unter diesen ein sonderbares altes Taschenbuch oder vielmehr ledernes Futteral hervor, welches sorglich mit einem Bindfaden umschlungen war. Er brachte das Ding an die Lampe, um den Knoten zu öffnen, und ich war überrascht zu sehen, wie stark dabei seine Hände zitterten. Wahrhaftig, als ich dieses Zittern, sein gelbes, zuckendes Gesicht, die glühenden, funkelnden Augen und das eigentümliche Aussehen bemerkte, welches sein schwarzes Haar bei dem düsteren Scheine der Lampe hatte, da war ich ganz darauf vorbereitet, daß mir nunmehr eine entsetzliche Blutthat enthüllt werden würde. Mit einem gewiffen Schauder blickte ich auf den Lederumschlag- ich sah genau, was kommen würde- mit rollenden Augen sah ich ihn schon vor mir, in der einen Hand ein blutgetränktes Taschentuch, in der anderen einen rostigen Matrosendolch und dabei heiser flüsternd: Dies ist da§ Werkzeug des Mordes, siehe den Beweis, der unglückseligen, schrecklichen That! Herrgott, ich schwitzte ordentlich in dieser Vorahnung. Was kam, war aber anders. Aus dem Behältnis entnahm er das zusammengefaltete Stück einer Zeitung, welches mit einem grünen oder blauen Bändchen zusammengebunden mar. Er streifte dieses ab, entfaltete die Zeitung, legte einen Finger auf eine Stelle derselben und forderte mich flüsternd auf, der Lampe näher zu treten und zu lesen.
„Was zum Henker zitterst du denn so?" zischelte ich.
„Lies," murmelte er mit einem sonderbaren Flackern seiner Augen.
Die Zeitung war ein Exemplar der Londoner „Times" vom Februar 1840- sie war vergilbt, fettig und geknittert - ihr Aussehen verriet, wie unzählige Male sie geöffnet und wieder zusammengelegt worden war.
Die Stelle, auf die er gezeigt hatte, stand unten in der Ecke und war überschrieben:
„Die Königs-Eiche.
Alle Hoffnung auf die Erhaltung dieses Schiffes ist aufgegeben. Es ist bereits über elf Monate verschollen. Dieses schöne Fahrzeug, Eigentum der Messieurs Spiers in Liverpool, wurde in Sunderland 1838 gebaut und verließ Sydney am 1. Dezember. Seine Ladung bestand in Wolle, zwanzigtausend Sovereigns und Goldbarren im Werte von vierzigtausend Pfund. Die Zahl der Seelen an Bord betrug sechzig, darunter waren zehn Kajüten- und neunzehn Zwischendeck - Passagiere. Es wurde vier Tage nach dem Verlassen des Hafens von der Neuseelands-Barke „Emile" signalisiert, welche das Schiff unter 40° 15' Breite und 160° 3' Länge getroffen hatte. Seitdem wurde nichts mehr von ihm gehört."
Als ich von dem Blatte wieder aufsah, fragte Deacon leise:
„Hast du gelesen?"
Ich nickte und gab ihm die Zeitung zurück- er packte sie sorgsam zusammen und verbarg sie in den Tiefen seiner Kiste
Als er hiernach wieder auf Deck stieg, folgte ich ihm, verwundert über sein geheimnisvolles Benehmen und in hohem Maße neugierig, was er mir nun wohl erzählen würde.
Neunzehntes Kapitel.
Deacons Geheimnis.
Wir gingen auf den Platz zurück, den wir vorher verlassen hatten. Es war jetzt etwas mehr Wind, die Segel standen voller, rauschend schlugen die Wellen gegen die Backen, die Masten hatten eine hübsche Neigung angenommen. Dies war doch wenigstens „segeln" zu nennen. Noch einigeTage solche Fahrt weiter und die südöstlichen Passatwinde mußten uns durch das Takelwerk pfeifen.
„Haft du dir den Namen des Schiffes gemerkt," fragte Deacon.
„Gewiß, die „Königs-Eiche" war es genannt."
„Ich war Hochbootsmanns-Maat an seinem Bord." „Du?"
„Ja, ich- warum nicht? Ich war damals vierundzwanzig Jahre alt."
„Die Zeitung sagt, daß man niemals wieder von ihm hörte, nachdem die Neuseelands-Bark „Emilie" es getroffen hatte. Du wurdest also gerettet, und hast den Reedern niemals Bericht erstattet?"
„Das ist mein Geheimnis," sprach er feierlich.
„Ein Schiffbruch! Ist das alles?" rief ich sehr ent- täuscht, denn dies schien mir doch genau die Geschichte vom Berge und der Maus.
„Wer sagt, daß das alles ist? Allerdings handelt es sich um einen Schiffbruch, dabei aber doch noch um etwas mehr."
Er rückte nunmehr ganz dicht an mich heran, sah mir scharf ins Gesicht und begannn mit flüsternder Stimme:
„Wie ich dir schon sagte, war ich HochbootSmann an Bord der „Königs-Eiche." Sie war ein Schiff, registriert mit fünfzehnhundert Tonnen, ein Schiff, so lenksam und leicht zu steuern, wie mir nur je eins vorgekommen. Es machte herrliche Fahrt und hielt sich mit seinen Masten so gerade wie eine Herzogin in dem Ballsaal einer Königin. Wie es ins Unglück kam, weiß Gott allein. Kohlenschiffe, die vor achtzig Jahren gebaut wurden, haben es überlebt und schleppen noch heut' ihre Kohlen, aber die See ist un- berechenbar, und —*
„Mein Gott, ja," fiel ich ein- aber das ist doch keine Geschichte, die -"
„Bist du aber ungeduldig! So höre doch nur weiter. Also wir verließen Sydney am ersten Dezember und hatten bei gutem Winde alle Segel entfaltet. Die Brise war uns günstig bis Sonnenuntergang, dann aber sprang sie um, und wir mußten lavieren. So ging es einige Tage, während welchen wir keinem Schiff begegneten außer einer kleinen Barke, die von Neuseeland kam, und mit der wir auch Signale austauschten. Es war allen Leuten bekannt, daß Geld an Bord war, Geld und Gold, irgendwo hinten weggestaut, wieviel aber, das wußte keiner von uns. Wir machten uns wohl übertriebene Vorstellungen davon, denn es hieß, wenn man den ganzen Haufen gleichmäßig zwischen Passagieren, Offizieren und Mannschaft teilte, so würden auf jeden Kopf viertausend Pfund kommen. Danach rechneten wir aus, daß der Wert zweihundertvierzigtausend Pfund betragen mußte. Wieviel in Wirklichkeit vorhanden, hast du ja nun aus der Zeitung ersehen. Alles ging gut, bis eines morgens, so etwa gegen zwei Uhr, der Wind nach Süden umschlug. Wir befanden uns zu der Zeit etwa um den einhundertzwanzigsten Grad westlicher Länge, die Breite habe ich nicht erfahren können, und hielten Kurs Südwest. Es blies zunächst nur mäßig stark, aber so kalt, daß es einem ordentlich ins Gesicht schnitt. Nachher, um die Morgenwache, frischte der Wind mehr auf, und bei Tagesanbruch wurde er so heftig, daß die obersten Segel beschlagen werden mußten.
„Dem Kapitän gefiel das Aussehen des Himmels gar nicht- es war wahr, derselbe sah sonderbar aus, so wie ich ihn noch nie gesehen hatte, etwa wie wenn man durch ein Stück Eis auf etwas Blaues sieht. Immer mehr nahm der Wind zu. Die Oberbram-Raaen wurden getoppt und mehr und mehr Segel gestrichen. Um zwei Uhr nachmittags hatten wir den richtigen Orkan mit einer richtigen Kap Horn-See. Wir liefen nur noch mit ein paar dicht gerefften kleinen Segeln. Zum erstenmal lernte ich hier die Wogen des Stillen Ozeans kennen. Man sagt immer, die höchsten wären nicht über dreißig Fuß, aber ich will ewig ein Lügner genannt werden, wenn es nicht wahr ist, daß die Wogen hier die Höhe des Besanmastes erreichten. Wenn das Schiff in die Tiefe glitt, befand es sich zwischen Mauern grünen Wassers, die so hoch aussaheu, wie die Klippen bei Dover - es war so schrecklich, daß man hätte graue Haare kriegen können. Ich


