Ausgabe 
11.4.1899
 
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ISS

Bild gewähren, und mein geistiges Auge sah sie vor sich, wie sie unter aller Leinwand, jedes Segel voll und steif, in einer mondhellen Nacht in den Tropen leise rauschend die Wogen durchschnitt.

Andere Dinge, die bald mein Auge fesselten, trieben mich weiter und ließen mich bei den mir immer von neuem entgegentretenden Erinnerungen die Brigg schnell vergessen.

(Fortsetzung folgt.)

(Nachdruck verboten.)

Die Armenhausprinzessin.

Roman von O. Elster.

(Fortsetzung.)

Nur mit flüchtigem Blick streifte Elsie den Herzog, als sie sich beim Auftreten tief verneigte. Aber dieser eine Blick genügte, um sie erkennen zu lassen, daß der Fürst ein anderer geworden war. Ein sinnender Ernst, eine trübe Schwermut thronte auf seiner bleichen Stirn, lohte in seinem dunklen Auge. Die Lebenslust, dergöttliche Leichtsinn", der früher auf seinen lächelnden Lippen schwebte, in seinen stammenden Augen sprühte, war verschwunden. Ein ernster, stiller, sinnender Mann, so saß er regungslos da die Augen in träumerischer Wehmut auf die schlanke Gestalt der Sängerin gerichtet.

Als Elsie geendet und sich aufs neue tief verneigte, fiel ihr Blick wieder auf den Fürsten- Elsie fühlte ihr Herz schmerzlich zusammenzucken. Der Herzog saß da, den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt, die Stirn in die Hand gelegt, so daß diese die Augen beschattete. Er rührte sich nicht, aber es schien Elsie, als sei sein Antlitz noch blasser geworden.

Im Saal schien man zu erwarten, daß der Herzog, wie nach jedem Vortrage, seinen Beifall durch leichtes Klatschen der Hände kundgeben würde. Aber der Fürst blieb be­wegungslos und stumm sitzen, die feine, schmale, weiße Hand über die Augen gelegt. Das Publikum ward ungeduldig. Einzelne kecke, junge Herren am äußersten Ende des Saales klatschten, der Bürgermeister warf wütende Blicke nach den Verwegenen, die sich über die Hof-Etikette hinwegzusetzen wagten und lauter und lauter klatschten. Hier und da fielen andere in den Beifall ein und plötzlich brauste er auf und jubelte empor, wie ein wogendes, wallendes Meer, das die fesselnden Deiche durchbrochen. Elsie mußte notgedrungen noch einmal auf dem Podium erscheinen und sich tief ver­neigen.

Da fuhr der Herzog aus seiner sinnenden Stellung empor und winkte dem Bürgermeister, der sich zaghaft näherte, alle Hoffnung auf das Ritterkreuz zweiter Klasse aufgebend. Aber der Fürst streckte ihm mit herzlichen Gruß die Hand entgegen, während ein freundliches Lächeln um seinen Mund schwebte.

Ich danke Ihnen, Herr Bürgermeister, für den Genuß, den Sie und das Komitee mir bereitet."

Hoheit sind allzu gnädig!''

Ich möchte noch ein Lied von Fräulein Hannecken hören"

Hoheit brauchen nur zu befehlen".

Wollen Sie Fräulein Hannecken in meinem Namen bitten, das ihr gewiß bekannteWinterlied" zu singen? Das Fräulein würde mich dadurch zu tiefstem Dank ver­pflichten".

Der Bürgermeister verbeugte sich ehrerbietigst und eilte davon. Er traf Elsie im Begriff den Mantel überzuwerfen, um sich zu entfernen.

Fräulein Hannecken, Sie müssen ein Lied zugeben".

Nicht doch, Herr Bürgermeister ich fühle mich er­müdet".

Aber Seine Hoheit haben befohlen das Winterlied

ich weiß nicht, von wem es ist Hoheit meinten, Sie würden es kennen".

Ja, ich kenne das Lied, Herr Bürgermeister", ent­gegnete Elsie tief aufatmend.Und ich werde es fingen".

Ah, vortrefflich, vortrefflich! Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen? Ah, Fräulein Hannecken, Sie retten die Ehre des Tages!"

Elsie warf den Mantel ab. Ja, sie wollte jenes Lied noch einmal singen, dessen ergreifende Melodie sie zuerst dem Fürsten nahe gebracht. Sie wollte noch einmal Zwiesprache halten, Auge in Auge, Seele in Seele- sie wollte im Klange des Liedes ihm noch einmal alles, was ihr Herz empfand und erfüllte, aussprechen. Sie wollte sich noch einmal eins fühlen mit ihm, ohne daß die Welt, die Menschen ringsum es sahen, ohne daß die Menschen mit spöttischem Lächeln auf sie, die Armenhaus-Prinzessin, blickten, die gewagt hatte, ihre Augen zu einem Fürsten dieser Erde zu erheben.

Willst Du wirklich singen, Elsie?" fragte Klara von Hennersdorff besorgt.Du bist so erregt".

Ja, ich singe! Komm, Du mußt mich begleiten".

Sie trat auf das Podium zurück. Ein Beifallsturm empfing sie. Doch sie verneigte sich nicht- wie eine im Traum Befangene trat sie dicht an die Rampe der Bühne, die Augen auf den Herzog gerichtet, der hochaufgerichtet neben dem Sessel stand, dessen Lehne mit krampfhaftem Griff umklammernd. Ihre Augen trafen sich, und wie zwei Flammen loderten ihre Blicke zusammen und ein Leuchten des Glückes, der inneren Seligkeit zuckte es über beider Antlitz. Eine rasche Glut flammte in Elste's Wangen empor, und auch des Fürsten blasses Gesicht überflutete eine heiße Blutwelle.

Da schlug Klara von Hennersdorff die ersten Takte der Begleitung an. (gifte schrak zusammen, dann richtete sie sich empor und mit unendlich süßer, weicher, ergreifender Stimme Hub sie an:

Komm aus der engen Stadt, damit die Felder blühen . .

Atemlos lauschte die Menge. Atemlos lauschte der Fürst, die dunkelflammenden Augen in zehrendem Feuer auf die Sängerin geheftet. Geisterhafte Blässe überzog sein Antlitz. Seine Hand zitterte heftig. Er beugte sich weit vor, als wolle er der Sängerin zu Füßen stürzen. Noch niemals hatte Elfte, das fühlten alle Zuhörer, das fühlte Klara von Hennersdorff, das fühlte Elsie selbst, so ergreifend, so macht­voll, so tief erschütternd gesungen, wie in diesen kurzen, flüchtigen Sekunden.

Nach dem ersten und einzigen Verse des Liedes wollte Klara die Begleitung schließen. Doch Elsie gab ihr einen Wink, sie hatte selbst einen zweiten Vers hinzugedichtet, den sie oft für sich gesungen. Noch hatte ihn niemand gehört, heute wollte sie ihn singen, nicht der Welt, nicht den Menschen, sondern ihm allein und er würde sie verstehen!

Erstaunt intonierte Klara wiederum die Begleitung. In höchster seelischer Spannung blickte der Herzog auf Elsie, als sie sang:

Entflieh mit mir der Welt, der Menschen ödem Schwarme, Sag' mir ein liebes Wort, damit mein Herz erwärme;

Blick mir ins starre Bug', daß rinnen meine Thränen, Reich mir die weiße Hand, daß neu erwacht mein Sehnen.

Sing' mir ein trautes Lied, daß schwindet Sorg' und Kummer, Daß meine Seel' erwacht aus winterlichem Schlummer.

O lächle sanft mich an, daß bricht des Herzens Rinde

Leg' mir die Hand aufs Haupt, auf daß ich Frieden finde".

Der Herzog war auf den Sessel zurückgesunken und hatte das Antlitz in die Hände verborgen. Die Thränen drängten sich ihm gewaltsam in das Auge, er kämpfte ver­gebens gegen ein krampfhaftes Schluchzen an. Todtenstille herrschte in dem Saal. Niemand wagte durch lauten Beifall den weihevollen Augenblick zu stören, dessen erhabene Heiligkeit, dessen lief innerliche Wehmut jeden ergriff, jeden auf das Tiefste erschütterte.

Und Elsie stand da und blickte mit thränenverschleiertem Auge auf die zusammengesunkene Gestalt des über alles ge-