Ausgabe 
11.4.1899
 
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Schnurr-- und Kinnbart. Im ganzen machte er mit seinen glänzenden, blauen Augen, seiner wohlgeformten Nase, seinem hellbraunen Haar, seiner geraden, schön gebauten Gestalt, nicht steif wie die eines Soldaten, sondern graziös, mit dem behaglichen, etwas schlingernden Seemannsgang, den Eindruck eines schönen Mannes.

Seine Gefährtin gefiel mir aber noch besser und infolge- desien fürchte ich, habe ich sie länger angestarrt, als schick­lich ist.

Eine reizender aussehende, kleine Frau hatte ich noch gar nie gesehen. Klein kam sie mir wenigstens vor, mir, der ich eineinhalb Zoll über sechs Fuß in meinen Schuhen stand. Ihr braunes Haar trug sie geflochten und über einen Kamm gesteckt; ihre Augen waren von herrlichem, schmelzendem Braun,' Sittsamkeit und Ernst sprachen aus ihnen, dunkle, fein gezeichnete Augenbrauen beschatteten sie, das weiche Brünett ihrer Gesichtsfarbe war tief genug, um vermuten zu lassen, daß der Ort ihrer Geburt tief in Breiten gelegen haben mußte, die eine heißere Sonne hatten als unsere Insel; ihre Wangen waren von zartem Rot überhaucht. Sie war zum Anbeißen hübsch.

Ich vermochte meinen Blick gar nicht von ihr abzu­wenden, und das war kein Wunder, nachdem ich zwei Jahre hindurch hauptsächlich nur schwarze oder gelbe Gesichter mit Plattnasen, Schlitzaugen und vorstehenden Backenknochen ge­sehen hatte.

Das Paar setzte sich an einen Tisch, der dem, welchen ich einnahm, gegenüber stand, die Dame mit dem Gesicht, der Mann mit dem Rücken mir zugewandt. Während beide ihrem Frühstück zusprachen, that ich, als wenn ich ganz in meine Zeitung vertieft sei, in Wirklichkeit aber schielte ich meist verstohlen nach meinem lieblichen vis-a-vis, dessen Stimme mich bezauberte, und deffen Perlzähne ich jedesmal leuchten sah, wenn es lächelte oder sprach. Wer mochte wohl der Glück­liche sein, dem es gelungen war, diese Augen in Liebe auf­leuchten zu machen? Es war für mich kein Zweifel vor­handen, daß dieses Wunder von Schönheit versprochen oder vergeben, ich meine verlobt oder verheiratet sein milffe. Mit dem Manne vor mir aber nicht, das erkannte ich- nein, sein Benehmen war weder das eines Bräutigams noch das eines Ehemannes,- es war, ich kann nicht ausdrücken was es war, ich sah eben nur, was es nicht war. Ihr Benehmen war harmlos - freundlich und voll ruhiger Ver­traulichkeit, und das ist alles, was ich an dieser Stelle davon sagen kann.

Da ich Appetit auf einen Zug Tabak bekam, verließ ich das Zimmer, steckte mir draußen meine Pfeife an und schlenderte weg, um einen Blick auf den alten Ort zu werfen und mir einmal die Schiffe im Hafen anzusehen, aber ohne jeden Gedanken daran, mich etwa von hier aus einschiffen zu wollen.

Willig, wie mich die Notwendigkeit gemacht hatte, eine Zett lang als Vollmatrose unter Segel zu gehen, duldete es meine Würde doch nicht, auf etwas Geringerem als einem tausend Tonnen-Schiff zu dienen. Ich kannte ziemlich genau die Art Fahrzeuge, welche nach Bayport handelten oder dort anlegten. Es waren nur Dampf- oder Segel-Kohlenschiffe, Getreide- oder Holzschiffe. Die Vorderkastelle waren moderige, finstere, schmutzige Behältnisse, und was die Arbeit anlangte, so wurde alle Zeit, die nicht im Sielraum oder im Takelwerk zugebracht wurde, dem Pumpen gewidmet.

Die Gedanken eines mit einem bestimmten Entschluß umgehenden Menschen steuern immer einen befferen Kurs im Freien als in der Stube- sie kommen durch irgend etwas, worauf zufällig das Auge trifft, auf eine neue Idee oder finden in einer Unterhaltung neue Gesichtspunkte. Einsam an die Decke zu starren oder auf dem Teppich auf und ab zu laufen, mag für Poeten ganz gut sein, aber ein Mann, der sein Brot auf andere Art als durch die Einbildungkraft verdienen muß, kann nichts Besseres thun, als sich unter Menschen zu begeben.

Ich gelangte auf meinem Wege zunächst an die Werften. Diese waren groß, und die Molen erstreckten sich ein beträcht­liches Stück in die See hinein- sie gewährten einen schönen Nothafen für schlechtes Wetter. Die Quais, nahe an der Stadt, waren hauptsächlich von Schiffen besetzt, die Kohlen ausluden oder Ballast einnahmen. An manchen Stellen arbeiteten Dampskrahne, und eine Menge Schiffe, drei Reihen nebeneinander, lagen an der südlichen Mole, mit Leichtern längsseits der äußeren Reihe. Einige Schmacken fuhren aus dem Hafen- ein paar Dampfschiffe machten Dampf auf und sandten dichte Wolken schwarzen Rauches in das reine Blau des Himmels.

Der ganze Platz war voller Geschäftigkeit, und von da aus, wo ich stand, ungefähr in der Mitte des westlichen Hafendammes, übersah das Auge ein so heiteres, sonniges Bild, daß es das niedergeschlagenste Herz mit Freudigkeit und Hoffnung erfüllen mußte.

Mit zärtlichem Blick betrachtete ich die alte Stadt, sie war ja mein Geburtsort. Ich konnte das Dach des Ge­bäudes sehen, wo ich in die Schule gegangen war. Hier an der Werft angelte ich oft einen ganzen Nachmittag über ; ohne mich zu rühren, saß ich dabei, auch selbst im stärksten Regen und war glücklich, wenn ich einen Aal fing. Nicht ein Stein war hier, an den sich nicht irgend eine Erinnerung geknüpft hätte. Wie oft hatte diese Stelle auf See meinem Geiste vorgeschwebt, wie oft war ich während der dunklen Nachtwachen in Gedanken durch die engen Straßen gewandert bis hinauf auf die sonnigen Wiesen, auf benem ich mich als Knabe, auf dem Rücken liegend, unter Butterblumen gesonnt hatte. Ja, das waren schöne Träumereien gewesen- aber wie oft war ich aus ihnen auch jäh aufgeschreckt worden durch eine Welle, die plötzlich über mich htnstürzte, ober durch den barschen Ruf, Segel zu kürzen.

Ich blickte auf die verschiedenen Schiffe im Hafen mit kritischem und ich gestehe es auch etwas verächtlichem Auge. Meine letzte Reise hatte ich auf einem Schiffe gemacht, groß genug, daß eins dieser Fahrzeuge ihm als Langboot hätte dienen können. Große Schiffe haben die Eigentümlich­keit, zu bewirken, daß einer, der an sie gewöhnt ist, nase­rümpfend auf Topsegel - Schuner und Dreihundert-Tonnen- Barken herabsieht. Da bemerkte ich auf einmal eine Brigg, welche dicht am vordersten Teil des gegenüberliegenden Hafen- dammes lag, die meine Bewunderung erregte. Es war ein wahres Muster von einem Schiff, es erschien mir fehlerlos. Der Bug war rein und scharf, das Brustholz des Gallons eine anmutige Bogenlinie, mit einem schönen Schwung nach hinten- die leichte Schwellung deutete auf Dauerhastigkeit­um den schwarzen Rumpf lief ein weißer Streifen - den Bug schmückten hübsche, vergoldete Verzierungen, die das Schiffs­bild, ein weiß gemaltes Meermädchen, umgaben. Dieses Bild stand sehr im Kontrast zu den geschmacklosen GalionS der anderen Schiffe, von denen dir meisten ganz roh gearbeitete, stetschfarbig gemalte Frauengestalten waren, ja, eins sogar einen Mann in hellblauem Rock mit großem, schwarzen Hut darstellte. Ohne Zweifel sind die Schiffsbilder der Franzosen Meisterstücke gegen die unserigen.

Ich war überzeugt, daß Bayport nicht der Bestimmungs­ort der Brigg war. Einige Matrosen waren eben beschäftigt, die zerbrochene Vorbram-Raa auf Deck herabzulaffen. Dieser Unfall war wahrscheinlich bei einem Zusammenstoß geschehen, und vermutlich war auch bei derselben Gelegenheit ihre Seite berieben worden, denn ein Schiffsjunge war auf einem kleinen Gerüst am Backbordbug mit Anstreichen beschäftigt. Außer der Verletzung dieser Raa, welche in der Mitte so rein durch­gebrochen, wie eine Tabakrolle, erschien die Takelung des Schiffes so vollendet wie die eines Kriegsfahrzeuges. Es halte in der That gewissermaßen das Ansehen einer Marine- Brigg. Ihre Tops waren stark, sie hatte kurze Reulstengen, lange Raaen und war breit gebaut, was ihrem unteren stehenden Tauwerk eine große Ausdehnung gab.

Ich dachte, unter vollen Segeln müßte sie ein schönes