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Die Kleine trat noch einmal an ihre Kommode und kehrte in sämtlichen Kästen das Unterste zu ob er ft, bis sie die Gesuchten fand. Dann noch ein Blick in den Spiegel, und die beiden Mädchen konnten endlich gehen.
Renata mußte innerlich lächeln, mit welcher Wichtigkeit diese Toilette besorgt worden war,- aber hübsch sah die kleine Blondine auch aus, das gestand sie mit neidloser Bewunderung ein.
Sie gingen über den grasigen, alten Marktplatz und bogen dann zu Renatens Unbehagen in eine vielbesuchte, und namentlich an dem herrlichen Nachmittag sehr belebte Promenade ein. Frida sah und grüßte viele Bekannte, blieb auch wohl stehen und sprach mit ihnen, und das war für die fremde Gefährtin nicht immer angenehm,- sie wäre viel lieber ihren einsamen Weg auf dem Berge gegangen, aber sie wagte nicht, ihren Wunsch geltend zu machen, da Frida sie ja eingeladen, mit ihr zu gehen.
Endlich wandten sie sich wieder heimwärts, und Renata sah dem Ende dieses wenig befriedigenden Ausganges nicht ungern entgegen. Als sie sich vor dem Falknerschen Hause verabschieden wollte, litt es jedoch Frida nicht.
„Nein, Sie kommen mit hinauf, Mama wird jetzt daheim sein und sich freuen, Sie zu begrüßen."
Um dieser Aussicht willen folgte Renata der Aufforderung.
Als Frau Falkner, welche sie aufs herzlichste bewillkommnete und ihr gleich Hut und Mantel abnahm, sie freundlich länger zu bleiben bat, wandte sie die eintreteude Dunkelheit ein.
„Frau Nolte wird warten," sagte sie ans Fenster tretend, „lange kann ich nicht verweilen."
„Für einen sicheren Heimweg lassen Sie mich sorgen," beschwichtigte Frau Falkner, „und Frau Prediger weiß ja, wo Sie sind, also bleiben Sie ruhig noch hier, ich bin so glücklich, Sie einmal festhalten zu können."
Renata war abermals überwunden und ließ sich in das Nebenzimmer, das eigentliche Wohngemach führen, wo man sich gemütlich aufs Sofa niederließ. Bald war ein anregendes, erwärmendes Gespräch im Gange- der Wunsch eines einsamen heimatlosen Mädchens, hier daheim sein zu dürfen, war nur zu natürlich. Man dachte nicht daran, Licht bringen zu lassen, obgleich man sich immer mehr in die Dunkelheit hineinplauderte. Es war so heimlich, den flackernden, zuckenden Feuerschein der Ofenglut auf den Dielen zu beobachten, der wie im Gefühl seiner Heimatsberechtigung fiegesgewiß mit dem von drüben hereinfallenden Laternenlicht sein neckisches Spiel trieb.
„Mama," begann jetzt Frida, die bis dahin gähnend und stillschweigend im Sesiel gelehnt hatte, „wollen wir denn heute gar kein Licht anzünden? Es ist ja stockfinster."
„Ja, Kind, hole Licht. Da kommt auch Max, wie es scheint." 4
Schnelle Schritte näherten sich, und die Thür wurde mit einiger Hast aufgestoßen.
„Mein Himmel, sitzt Ihr denn hier, Mama?" rief eine jugendliche Männerstimme ins Zimmer.
3 /,Gewiß, mein Junge," antwortete die Hausfrau, „es wird gleich Licht kommen."
Frida, die sich bereits erhoben, blieb vor der Schwelle stehen, als sich noch ein anderer Schritt hören ließ.
„Viktor, ich bitte Dich, warte," sagte Max, „bis es Licht wird."
„Ach, Herr Burghofs, verzeihen Sie," tief lachend Frau Falkner, „wir empfangen Sie sehr finster!"
„Und mir wurde es darum bisher schwer, Worte zum Gruß zu finden," war die schlagfertige Antwort.
„O — Viktor!" rief Max lachend und hielt sich die Ohren zu.
Inzwischen beeilte sich Frida, die ersehnte Lampe zu bringen, aber fürs erste war die ganze Gesellschaft geblendet.
Die Hausfrau stellte nun die jungen Leute einander vor, ohne der verblüfften Gesichter der beiden Studenten gewahr zu werden.
Renata begegnete diesem Ausdruck, von dem sie nur flüchtig Notiz nahm, mit ruhigem Ernste, sie ahnte nicht im entferntesten, daß diese jungen Männer ihren Weg schon ge- kreuzt hatten. Nach einigem Nachfinnen erst kam ihr eine dunkle Erinnerung, Burghoffs Gesicht bereits gesehen zu haben.
Max lachte der jungen Dame durchaus nicht ins Gesicht, er sah im Gegenteil ziemlich bestürzt drein und fuhr sich verlegen mit den Fingern durch sein blondes Haar, während sein Freund ihn belustigt von der Seite beobachtete.
Frau Falkners Gewandtheit gelang es mühelos, ein lebhaftes Gespräch in Fluß zu bringen, und man gruppierte sich dabei zwanglos um den Sofatisch.
Frida schien jetzt das Gähnen vollständig vergeffen zu haben, wie umgewandelt war sie ausnehmend angeregt und heiter.
Nur Renata verhielt sich meist schweigend, sie fühlte sich in ihrer Fremdheit unbehaglich unter den fröhlichen, jungen Leuten- wie schön war es doch vorhin gewesen!
Der junge Falkner sagte ihr trotz seines einnehmenden Aeußern nicht besonders zu. Er hatte den Anflug von Verlegenheit vollständig überwunden und war sehr übermütig, vielleicht gerade deshalb, weis, wie er wohl bemerkte, Viktor auf sein Benehmen achtete. Auf Renaten machte letzterer einen weit günstigeren Eindruck. Er richtete auch zuweilen in gewandter Weise einige Worte an sie, aber da sie etwas befangen und einsilbig antwortete, kam kein rechtes Gespräch zwischen ihnen zustande, zumal auch Frida die Unterhaltung öfter kreuzte.
Nach kurzer Zeit erhob sich Renata, um den Heimweg anzutreten. Die beiden Herren sprangen sofort auf, ihre Begleitung anzubieten, die aber dankend abgelehnt wurde.
„Müssen Sie wirklich so eilen?" fragte Frau Falkner, als Renata der ihrer noch harrenden Arbeiten erwähnte, während Frida rief: „Sie haben aber auch immer so erschrecklich viel zu thun, das ist recht langweilig."
Ihr Abschied war kurz und kühl, während die freundliche Wirtin ihren jungen Gast hinausgeleitete.
„Das ist also das vielbesprochene Fräulein Wendelin?" fragte Max hastig seine Schwester, als die drei jungen Leute allein waren. Diese bejahte kurz und hätte gern ein anderes Thema angeschlagen, aber Viktor interessierte sich auch für das traurige Ereignis, das sich an den Namen knüpfte, und fragte nach diesem und jenem.
„Das Fräulein scheint ganz allein zu stehen," bemerkte er zum Schluß, „sie thut mit herzlich leid."
„Seb ja," gab Frida zu, „aber sie ist auch etwas sonderbar, ich weiß nicht recht viel mit ihr anzufangen. Eigentlich paßt sie beffer zu Mama, die ja auch beinahe für sie schwärmt."
„Warum sträubte sich denn die junge Dame durchaus gegen unsere Begleitung?" fragte Viktor die wieder eintretende Mutter.
„Das war wohl eine Art Schüchternheit, wenn es auch eher abweisend klang. Sie fühlt sich hier noch so fremd, und mit jungen Leuten hat sie wohl wenig verkehrt. . Ich hoffe, bei ihrer Jugend gewinnen wir sie bald dem frischen Leben wieder- es ist ein ganz eigentümlicher, für mich sehr anziehender Charakter."
Frida wurde immer schweigsamer und verstimmter, sie begriff das Interesse gar nicht, mit welchem Viktor den Mitteilungen ihrer Mutter folgte.
(Fortsetzung folgt.)


