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ADM an kann Unwissende bequem gewinnen,
Bei Klugen ist noch leichter solch' Beginnen;
Doch wen ein Wissensbröcklein macht zum Thoren, Bei dem sind Brahmas Gründe auch verloren.
Indisch.
Nachdruck verboten.
Der Gylfenhof.
Sine Erzählung von P. D i t f n r t h.
(Fortsetzung.)
V.
Am anderen Morgen erhielt Renata ein zierlich gefaltete- Briefchen, worin Frida Falkner bat, sie doch zu einem Spaziergang abzuholen.
Der Nachmittag war mild und hell, wie selten einer in dieser Jahreszeit, und zum ersten Mal wieder fühlte die Trauernde etwas Lebensmut, als sie durch die belebten Straßen ging. Sie hatte nicht gedacht, daß die Sonne noch so hell scheinen könne und es so viel fröhliche Gesichter gebe, als ihr heute begegneten.
Die alte Marianne empfing sie im „Gylfenhof," wie das Haus im Volksmund hieß, und wies sie auf ihre Frage nach dem Fräulein in einen sich seitwärts abzweigenden Korridor. Fräulein Frida erwarte sie in ihrem Zimmer, Frau Falkner sei nicht daheim.
Das junge Mädchen wurde aber, als sie nach der bezeichneten Thür suchte, wieder irre und stand unschlüssig in dem langen, nur am Ende von einem Fenster erhellten Gange, bis sie in dem zunächst liegenden Zimmer sprechen hörte und schnell entschloflen anklopfte.
Eine Männerstimme rief „Herein!" und etwas zaghaft öffnete Renata, die das nicht erwartet hatte, die Thür. Sie sah in ein altmodisch mit dunklen Möbeln ausgestattetes Gemach, das zugleich infolge des nur durch dunkel verhangene Fenster einfallenden spärlichen Lichtes einen düsteren Eindruck machte.
Vor einem hohen, schwerfälligen Schreibtisch saß in einem geräumigen Lehnstuhl ein alter Mann mit schneeweißem Haar, der sich jetzt umwandte und das verblüfft auf der Schwelle verharrende junge Mädchen mit großen dunklen Augen starr ansah.
„Was wollen Sie, wer sind Sie?" fragte er barsch mit tiefer Stimme.
Renata blickte mit einem unheimlichen Gefühl den Alten an und stotterte: „Verzeihen Sie, — ich — wollte nicht stören, ich verfehlte wohl den Eingang."
„Laßt mich in Ruhe," murrte der alte Herr, „wo ist Charlotte? — Gehen Sie, sag ich," fuhr er mit verstärkter Stimme fort, und sein gebieterisch erhobener Arm scheuchte die erschrockene Renata hinaus. Ratlos blickte sie sich um und wollte schon die alte Dienerin wieder aufsuchen, als sich eine schräg gegenüberliegende Thür öffnete und Frida heraustrat.
Sie begrüßte freundlich die noch ganz Verstörte, setzte jedoch nach einem Blick in das erblaßte Gesicht Renata- Hinzu: „Wie sehen Sie denn aus, Fräulein Wendelin?"
„Ich bin etwas erschrocken, ich geriet an diese Thür, und da —"
/,Und da hat Sie mein Großvater erschreckt, nicht wahr?" siel Frida ein-
„Allerdings," sagte Renata, „ich mag ihn wohl gestört haben, es thut mir leid."
„Ach was, das schadet nichts," erwiderte Frida, „davon weiß er jetzt nichts mehr, kommen Sie nur einstweilen iw mein Zimmer, bis ich mich bereit gemacht habe."
Renata rief unwillkürlich beim Eintritt in das elegante, sonnig Helle Stübchen: „Ach wie wunderhübsch!" und trat an das einzige, aber große Bogenfenster, das die Aussicht nach dem Garten gewährte.
„O ja," meinte Frida, „es ist recht hübsch, aber es ist doch langweilig, in den Garten zu sehen. Ich wollte so gern ein Zimmer nach vorn heraus haben, aber Mama litt e- nicht. Bitte setzen Sie sich doch, Fräulein Wendelin," unterbrach sie sich, „ich bin gleich fertig. Mama ist auf Krankenbesuche aus, damit plagt sie sich so viel, ich begreife gar nicht, warum sie das thut."
So sprach der hübsche Mädchenmund immerfort, während die kleinen Hände vor dem Spiegel die Toilette vervollständigten.
„Ueber meinen Großvater werden Sie sich sehr gewundert haben," fuhr sie abspringend fort, „er hat sich etwas in den Kopf gesetzt und ist darum so wunderlich, eß ist furchtbar schwer mit ihm auszukommen, und ich bin immer ganz unglücklich, wenn er in das Wohnzimmer kommt. In seinen Räumen ist er ja auch am besten aufgehoben."
„Doch nun bitte, kommen Sie, liebes Fräulein; ach, entschuldigen Sie, nur noch meine Handschuhe."


