Ausgabe 
10.9.1899
 
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war sie mit einem zusammenlegbaren Schuhknöpfer gefällig. Aber sie war nicht nur zuvorkommend, praktisch, liebens­würdig, sondern auch reizend und graziös; sie schien eins mit ihrem Rade, das sie leicht und flink über den holprigen Pfad dahintrug. Es war eine Lust, dem heiteren Geschöpf nachzuschauen.

Schließlich hatten wir unser Ziel erreicht: ein neu­erbautes Jagdschloß des Kaisers, das der Besichtigung offen steht. Nun aber die Sorge um die Räder! Wenn man sie uns inzwischen entführte!Aber ich kann ihnen eine Sicher­heitskette geben/ sagte Fräulein Paula freundlich.

Ganz schön aber doch wohl nicht für acht Räder?" So boshaft ist die menschliche Natur, daß sie sich freut, wenn die Helferin, die allen geholfen, nun endlich festsitzt.

Nein, aber für sechs, wenn man sie dicht nebeneinander stellt. Hier." Und aus dem Wachstuchbeutel kriecht es, geschmeidig und schlank wie eine blitzende Schlange, eine lange, lange, ganz dünne Kette.Ach, das Dingelchen! Das ist wohl Ihre Fächerkette?"

Versuchen Sie, ob Sie sie zerreißen können!" Fünf Männerkräfte versuchen sich vergeblich daran, die Kette hält ihnen Stand.

Echt englischer Stahl," sagt das junge Mädchen, nun wirklich ein bischen stolz.

Fräulein Paula, Sie sind eine Fee, eine Zauberin, nein, noch mehr. Sie sind eine ganz famose Dame," ruft der Münchener Bildhauer hingerisfen. Er selbst ist im Besitz einer Sicherheitskette, die für zwei Rüder reicht, nnd nun konnte man das Jagdschloß von innen besichtigen.

Aber eine Lauheit hinsichtlich des eigentlichen Zweckes der Fahrt hat sich unserer bemächtigt; wir beiden Frauen sind es, die der allgemeinen Stimmung Ausdruck geben: Fräulein Paula, lassen Sie uns die Wundertasche bis zum Grunde sehen!"

Da ist vermutlich nicht mehr allzuviel zu sehen, das Fräulein wird sich endlich ausgegeben haben," wirft ein Herr herausfordernd ein.

Doch nicht wollen die Herrschaften nicht Platz nehmen?"

Da sitzen wir nun auf der kurzen Grasnarbe des Bodens, unter lang aufgeschossenen Kiesern; die Hitze brütet um uns, wir atmen den schönsten Kiefernadelextrakt, und vor uns dehnt das Jagdschlößchen Sr. Majestät seine schmucke, im Schweizerstil gehaltene Holzfa^ade, aber wir haben keine Augen dafür, denn Fräulein Paula sitzt vor uns und in ihren Händen ruht der wunderthätige Wachstuchbeutel ein höchst einfaches Gebilde, in der Mitte von zwei Ringen aus starkem, schwarzem Gummiband zusammengehalten, oben und unten mit schwarzen Wollbändern zum Anknüpfen an den Rahmen versehen.

Zuerst, meine Herrschaften: ein Nähneceffaire, Ihnen zum Teil schon bekannt, blaue Seide, weißer Zwirn, schwarzer Zwirn, Nähnadeln, Fingerhut, schwarze und weiße Steck­nadeln, dazu ein paar Knöpfe, ein Stückchen schwarzes Band. Ferner: ein Notizbuch, Visitenkarten, Postkarten, ein Blei­stift; dann ein zusammenlegbares Messer mit doppeltem Gehäuse, an dem sich nie jemand verletzen kann. Dazu das Gegenstück: eine Schere mit Elfenbeingriff, die ebenfalls doppelt zusammenzulegen ist; an ihrer Seite befindet sich eine Nagelfeile." Sie nimmt jedes Stück mit spitzen Fingern auf und hält es zur Besichtigung in die Höhe.Jetzt kommen wir zu den Toilettenutensilien. Das Seifenpapier sahen Sie schon, leider hatte ich die Handtücher, ganz dünne, japanische Papierservietten, vorhin vergessen. Dort sind sie. Hier Kamm, Bürste, Haarnadeln und feine Lockennadeln außerdem Puderbüchse mit Quaste und Spiegelchen hier der Brennapparat." Ein Spiritusbehälter von der Größe einer Bonbonniere und ein schmales Stäbchen, das plötzlich

dreifach auseinanderspringt und sich wie ein Dolch zückt die Brennschere.Die werden wir gut gebrauchen können!"

Und wie ans dem Zaubersacke eines Taschenspielers stiegen aus dem Wachstuchbeutel immer neue, immer wunder­barere Sachen hervor: etwas Salicylwatte und Lanolin- crente für Verletzungen, ein Migräne stift, ein Fläschchen mit Eau de Cologne, ein Büchschen mit Salz, ein anderes mit Liebigs Fleijchextrakt, Chokoladenplätzchen und Colakakcs. ein paar braune Ersatzschuürbünder für die Schuhe, zwei ganz dünne Taschentücher. Der Beutel scheint doppelte Böden und Versenkungen zu haben; je mehr man heraus­nimmt, um so voller erscheint er. Freilich sind sämtliche Geräte in der Größe wie für eine Däumlingsprinzessin und so leicht wie möglich gehalten, aber die Genialität der Aus­tüftelung und der Verpackung bleibt deshalb nicht minder wunderbar.

Wir staunen und staunen, und die Besichtigung des Jagdschlosses reizt uns immer weniger.

Als wir mit dem Achtuhrzuge wieder in unserem Heimatstädtchen ankamen, stellte es sich heraus, daß die Laternen, daß Jacken, Ueberzieher, Lodenkapes mit Kapuze, wie die Unterwäsche zum Wechseln sehr unnütz gewesen sind, daß aber von den hundert Dingen, die Fräulein Paula verpackt hat, kaum ein einziges unbenutzt geblieben ist.

Das ist wirklich ein ganz famoses Mädchen," sagte der Münchener Bildhauer, als er sich vor unserer Thür von uns verabschiedete,soviel praktischer Sinn und soviel Fürsorge für andere Wenn man dagegen solchen egoistischen und hilflosen Junggesellen, wie man selbst ist, annimmt"

Nun, dies ist hoffentlich nicht unsere letzte gemein­schaftliche Tour gewesen," sagte ich lachend.Auf die nächste nehmen wir natürlich Fräulein Paula wieder mit und dann wollen wir sehen, welche Wunder wir weiter erleben!"

Schachaufgabe.

Nachdruck verboten. Schwarz.

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Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer:

So lange wir vertrauen Auf unf'ren eignen Mut, Und hoffend vorwärts schauen. So lang ist alles gut.

Rebakion: k. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Unioerfitätl-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in (Siegen.