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Eine Radlerin comme il kaut.

Von C. Eysell-Kilburgsr.

------- (Nachdruck verboten.)

Wir waren unserer acht, als wir auf dem Bahn­hof zusammentrafen, drei Damen und fünf Herren; ein Stückchen unserer Tour, bis wir tiefer in die Landschaft gelangt sein würden, wollten wir mit dem Zuge zurücklegen.

Da wir eine Tagereise beabsichtigten und das Wetter trotz des heißen Tages etwas bedenklich aussah, so hatten die meisten von uns sich eine sehr gründliche Ausrüstung angelegen sein lassen. Namentlich auf den Herrenrädern türmte es sich unheimlich: Regenmäntel mit Kapuzen, beides aus dickem Lodenstoff, eingeschnallte Plaids, die reichlich Mundvorrat bargen. Ein Herr hatte seinen Ueberzieher mitgenommen, denn:Man weiß ja nicht, wie's Wetter wird"; ein anderer gestand schämig ein, daß er Wäsche zum Wechseln bei sich habe. An dem Rade einer jungen Frau war eine Hundepeitsche und ein Cyklometer angebracht, der auf dem ganzen Wege in nervösmachender Weise klirrte, dafür aber vergaß, die zurückgelegten Strecken ordnungs­mäßig anzugeben. Laternen hatten wir alle.

Nur ein junges Mädchen machte eine Ausnahme; sie fuhr ohne Laterne, Schrittmesser und Hundepeitsche; an der Lenkstange ihres Rades war ein einziges, dunkelseidenglänzen­des Bündel angebracht, und nach vorn unter dem Sattel, wo der Rahmen sich gabelt, ein unscheinbares Täschchen aus schwarzem Wachstaffet, das während des Fahrens durch den Kleiderrock vollständig verdeckt wurde.

Wie leichtsinnig, Fräulein Paula! Sie haben sich ja in keiner Weise vorgesehen keinen Proviant, keinen Mantel kurzum so, als wenn Sie nur einen kleinen Promenaden­bummel zu Rade beabsichtigten. Nicht einmal eine Laterne!"

Wozu? Wir kommen ja mit dem Achruhrzuge zurück, wo es noch hell ist. Schlimmstenfalls nütze ich die Güte wohlthätiger Menschen aus und nassauere mit fremdem Laternenlicht und anderem."

Die Räder waren höchsteigenhändig, wie es die neue Verordnung gebietet, im Gepäckwagen untergebracht, wobei sich einige der Turmbauten schon bedenklich verschoben hatten. Fräulein Paulas Rad aber mit seiner spärlichen Ausrüstung behielt Fa§on.

Eine verrückte Einrichtung! Solch Menschenbillet zweiter Klasse kostet für die kurze Strecke 40 Pfennig, jedes Rad im Gepäckwagen bezahlt aber deren 50! Dazu muß man noch auf die dummen Radscheine achten."

Geben Sie her, ich bringe sie allesamt in meinem Portemonnaie unter."

Das ist allerliebst, Fräulein Paula, wie Sie das Geld­täschchen am Gürtel hängen haben! Beides vom gleichen Sammetleder und mit dem gleichen Bronzebeschlag. Wirk­lich sehr schik."

Zudem praktisch! Sehen Sie, in dieser Tasche steckt «in Elfenbeintäfelchen nebst Stift, um meine großen Reise­ausgaben gleich zu notieren (später kann man sie wieder auslöschen), und ein Miniaturkamm für die allereiligste Toi­lette."

Man war an Ort und Stelle, und hatte sich nun wieder um das Ausladen der Räder zu bekümmern. Aus den meisten Laternen war das Oel geflossen und verbreitete einen ab­scheulichen Duft nach imitiertem Bittermandelöl. Eine große Reinigung mußte vorgenommen werden; selbst Laternen haben ihre Schattenseiten.

Endlich saß man auf den Rädern, und durch Staub und Sonnenbrand ging cs vorwärts.Welche Hitze!" Wer es irgend verstand,einhändig" zu fahren, wehte mit dem Taschentuche; die hübsche Paula jedoch griff in den linken Schlitz ihres Rockes, nestelte an einer dünnen Metallkette und brachte dann einen japanischen Fächer hervor, den sie je nach Bedarf als Sonnenschirm und als Fächer benutzte,

und der zudem einen freundlichen farbigen Accent in ihren chiken Anzug dunkelblauer Rock und loses, weißes Piquö- jäckchen über weißem Batistchemisett brachte. Das war nett, praktisch und verdiente entschieden Nachahmung.

In einem Gehöft wurde Station gemacht. Dort war's sehr ländlich, Bier und Milch waren die einzigen Genüsse, die sich boten Gott sei Dank, daß wir uns so gut ver­proviantiert hatten. Die Pyramiden auf den Herrenrädern wurden abgetragen, und aus den Lodenkapes enthüllte sich eine Menge eßbarer Sachen. Auch Fräulein Paula löste ihr Seidenbündelchen von der Lenkstange, und das, was wir für ein zusammengelegtes Halstüchelchen gehalten, ent­faltete sich weiter und weiter, und wurde zu einem, die ganze Figur bedeckenden Regenmantel allerfeinste, im­prägnierte englische Seide, die nicht zerknittert, sich auf's engste zusammenlegen läßt und so gut wie kein Gewicht hat. Aber dieser Wundermantel war nur die äußere Haut gewesen, sein Inneres barg sorgfältig präparierte Weißbrödchen, Radfahrkakes und Peptonpastillen, alles so raffiniert in­einander geschachtelt, daß es den denkbar kleinsten Raum einnahm. Und das beste war, daß alle die Sachen sich in der luftabsperrenden Umhüllung vollständig frisch und kühl erhalten haben.

Himmel, ich habe wahrhaftig mein Rauchkraut ver­gessen das ist aber doch zu arg!" Es war die Stimme meines Gatten, eines der gewaltigsten Raucher vor dem Herrn. Im nu streckten sich.ihm vier einladend geöffnete Etuis mit Zigarren entgegen.Sehr freundlich, meine Herren, ich rauche aber leider nur Zigaretten und was es für einen gewohnheitsmäßigen Zigarettenraucher bedeutet, den ganzen Tag ohne solche zu sein, werden Sie ermessen können. Das kann meine ganze gute Laune kosten."

Da ist es ja ein Glück, daß ich Ihnen Zigaretten anbieten kann," sagte die hübsche Paula einfach, lockerte ein Gummiband an dem unscheinbaren Wachstuchbeutel und förderte aus seiner Tiefe ein zierliches Schächtelchen mit Zigaretten hervor.

Bitte."

Aber das ist ja ganz famos freilich eine etwas damenhafte Sorte, ein wenig parfümiert, sonst aber vor­trefflich. Sie rauchen selbst, Fräulein Paula?"

Hin und wieder, um keine Spielverderberin zu sein. Ich habe die Dinger nur so für alle Fälle mitgenommen. Wissen Sie, wegen der Mücken"

Fräulein Paula hatte noch so einigesfür alle Fälle" mitgenommen. Da hatte die junge Frau, die mit dem Cyklo­meter fuhr, ein gewaltiges Dreieck in den Saum ihres Kleides gerissen, und sofort brachte die Retterin aus ihrer Wachstuchtasche Nadel, Fingerhut und die passende blaue Seide zum Vorschein.

Aber wie kommt es, daß Sie gerade blaue Seide mithaben?" fragte das Frauchen ganz verblüfft.

Das ist doch so einfach, fast jedes Radfahrdreß ist marineblau; da sieht man sich mit der passenden Seide vor."

Dann war einem der Herren, einem Münchener Bild­hauer, ein Splitter der ungehobelten Holzbank, auf der er saß, in den Finger gefahren, und Paula erschien mit Heft­pflaster.Von der neuen Sorte die Stücke sind schon durchlocht, man braucht sie nur abzureißen."

Ein anderer Herr begann, sich am Brunnen die Hände zu waschen Fräulein Paula reichte ihm ein Blatt Seifen­papier; ein dritter wurde von einer Mücke gestochen, und sofort war ein Fläschchen mit Salmiakgeist und Schwämm­chen zum Betupfen zur Hand.

Nach und nach war niemand unter uns, der nicht Fräulein Paulas Hilfe in Anspruch genommen hätte. Dem letzten Herrn half sie mit der Luftpumpe aus. Sie fuhr zwar ein amerikanisches, er ein deutsches Rad; aber die junge Dame verfügte noch über ein Anschlußstück, das die Pumpe auch für deutsche Räder tauglich machte. Mir selbst