leiten, in welchem sie das unter einem besonderen Doppelverschluß befindliche Mittelfach öffnete. Sie entnahm demselben das darin liegende Geld, sowie einige bedruckte Papiere und reichte alles über die Schulter hinweg dem hinter ihr stehenden Corbus, der es nahm und unbesehen in die Tasche schob, mit einer Miene, als steckte er ein paar wertlose Papierschnitzel ein.
„Da haben wir die Bescherung!" sagte er dabei, „ich wußte es ja, Gefahr lag im Verzüge".
Im Vorzimmer war die Stimme der kleinen Hermine laut geworden.
Dr. Corbus empfahl sich eilig, stieß draußen mit dem kleinen Mädchen zusammen und breitete beide Arme aus, um es aufzufangen. Aber mit Händen und Füßen um sich schlagend, machte sich Hermine von ihm los und rief:
„Lassen Sie mich in Frieden, ich mag Ihnen keinen Kuß geben. Ich glaub' es gar nicht, daß Sie mein Onkel sind, und selbst wenn, ich mag Sie doch nicht leiden".
„Du bist ja ein überaus höfliches kleines Fräulein!" entgegnete Dr. Corbus mit verhaltenem Grimme. „Deine Erziehung macht Fräulein von Kressen viel Ehre".
„Lasten Sie mein Fräulein in Ruhe", antwortete das Schreckenskind, das sich jetzt an seiner empfindlichsten Seite berührt fühlte. „Die würde schelten, wenn sie mich jetzt sähe und hörte, sie predigt mir immer, man müste gegen jedermann höflich und artig sein, auch gegen Sie- ich weiß aber doch, daß sie Sie nicht ausstehen kann!"
„Aeußerst schmeichelhaft!" brummte Dr. Corbus.
„Und Hans und Adalbert auch nicht, die machen gar kein Hehl daraus!" fuhr Hermine in ihrer entsetzlichen Offenheit fort, schoß aber gleichzeitig wie ein Pfeil an ihm vorüber und in das Zimmer ihrer Mutter hinein.
Mit finsterer Stirn legte Dr. Corbus den Ueberzieher an, nahm Hut und Schirm und entfernte sich, Worte murmelnd, die nicht wie Segenswünsche für das Haus, dessen Schwelle er jetzt überschritt, klangen. —
Die Kommerzienrätin hatte sich nach seiner Entfernung zu einer Chaiselongue geschleppt und sich darauf niedergelegt, sie horchte aber gleichzeitig angstvoll auf den im Vorzimmer stattfindenden Wortwechsel zwischen dem Doktor und Hermine, von dem einzelne Worte zu ihr drangen. Als jetzt die Thür aufging und das Kind eilfertig hereinkam, richtete ste sich ein wenig auf und fragte in einem klagenden und gereizten Ton:
„Was war denn das da draußen zwischen Dir und dem Onkel Corbus?"
„Ach Mama, er wollte mich festhalten und küssen, und das lasse ich mir von ihm nicht gefallen, da hab' ich ihm gesagt, daß er gar kein Onkel von mir ist und daß ich ihn nicht leiden mag!" bekannte Hermine in dem ihr eigenen ehrlichen Trotz. *
„Aber Hermine, wie kannst Du so schrecklich unartig sein?" rief die Kommerzienrätin erschrocken die Hände erhebend. „Ich werde Fräulein von Kressen sagen —"
„Nein, Mama, nein, bitte, bitte! sage Felicitas nichts!" flehte das Kind mit aufgehobenen Händen, und schon rollten große Tropfen aus den dunklen Augen die runden Wangen hinab. „Sie würde sehr traurig sein, wenn sie hörte, daß ich so unartig gewesen bin — und das — das kann ich gar nicht ertragen! Sei gut Mama, ich will es auch nie wieder thun".
„Du mußt dem Onkel abbitten, sobald er wieder zu uns kommt!" befahl die Kommerzienrätin.
„Und ihm sagen, daß ich ihn gern habe?" fragte Hermine naiv.
„Gewiß".
„Aber, Mama, das kann ich doch nicht! Das wäre ja eine Lüge! Ich mag ihn nicht, Felicitas und die Brüder mögen ihn auch nicht- hast Du ihn denn gern?"
Eine brennende Räte stieg bei dieser Frage ihres unschuldigen Kindes der Kommerzienrätin ins Gesicht, und ab
lenkend von dem ihr unbequem werdenden Gesprächsgegenstand, sagte sie:
„Wie siehst Du aus? Warum läßt Fräulein von Kreffen Dich so ohne alle Umstände zu mir ins Zimmer stürzen? Sie weiß doch wie leidend ich bin!"
Sie griff nach dem Taschentuch, drückte es an Stirn und Augen und lehnte sich wieder zurück.
Hermine sah jetzt ganz erschrocken an ihrer kleinen Gestalt herunter. Sie trug über dem kurzen Kleide von leichter, kleingemusterter Seide noch den hellbraunen Umhang, der fich aber verschoben hatte, wie ihr auch der kleine Hut mit dem Federstutz ganz schief auf dem Kopfe saß.
„Ach, Mama, ich bin ja Felicitas echappiert", lachte sie. „Die sprach im Treppenhause nur einen Augenblick mit der Köchin, die gerade von ihrem Gange nach der Markthalle heimgekommen war, inzwischen bin ich die Treppe hinaufgelaufen und zu Dir gekommen, weil ich Dich so gern um etwas bitten wollte. Und nun mußte mir der — der — gerade in den Weg laufen".
„Was wolltest Du denn, mein Kind?" fragte die Kommerzienrätin, die, als ihr Liebling sich kosend an sie schmiegte, schnell versöhnt war, indem sie dem Kinde den Hut abnahm und dessen Haar glatt strich.
„Mama, Du hast viel Geld, nicht wahr?" sagte Hermine treuherzig zu ihr aufblickend.
Die Mutter zuckte zusammen. „Wie kommst Du auf dcn Einfall? Was kümmert das Dich?" entgegnete sie in ihrer Betroffenheit so scharf, daß die Kleine ste erschrocken anblickte und wie abbittend sagte:
„Sei nicht böse, Mama, ich dachte nicht, daß das unartig wäre".
„Das ist es auch nicht", erwiderte begütigend die Kommerzienrätin, die sich wieder gefaßt hatte. „Aber warum fragst Du danach?"
„Weil ich Dich bitten wollte, Mama, doch Felicitas etwas Geld zu geben".
Frau Helldorf fuhr auf: „Felicitas — Fräulein von Kreffen — Geld geben? Was soll das heißen?"
„Sie hat nichts und braucht es so nötig".
„Fräulein von Kressen erhält ein sehr ansehnliches Salair", entgegnete schnell die Mutter, ohne zu bedenken, daß diese Aeußerung dem Kinde gegenüber sehr unpassend sei. Hermine schien sie indes gar nicht zu verstehen, denn sie wiederholte:
„Ach, liebe Mama, gieb ihr doch 'was- sie hat nichts und grämt und sorgt sich darum, und das thut mir so sehr leid".
„Aber wieso weißt Du denn das?" erkundigte sie sich dann, aufmerksamer werdend. Ihren Arm um den Nacken der Mutter legend und ihre Wange an die ihrige schmiegend, erzählte das Kind:
„Felicitas und ich kamen eben aus dem Konfituren- geschäft Unter den Linden, wohin Du uns geschickt hattest, da begegneten uns Bruder Adalbert und August von Kreffen, sie waren zusammen in der Universität gewesen. Ich habe nicht recht verstanden, wohin Adalbert nun wollte- aber August sagte, er könne da nicht mitgehen".
„Ganz richtig," murmelte die Kommerzienrätin. „Weiter —"
„Ja, dann zog gerade die Wachtparade auf, und Adalbert und ich horchten auf die Musik und schauten uns die Soldaten an. Ich bemerkte aber doch, daß Felicitas und ihr Bruder recht ernsthaft mit einander sprachen, und Härte auch wie sie zu ihm sagte: „Ach, August, ich gewährte es Dir ja so gerne, aber ich kann es nicht, ich habe kein Geld, wenn ich —! Da mochte sie gewahr werden, daß ich aufpaßte, denn sie sprach noch leiser - ich konnte kein Wort mehr verstehen. Aber ste sah so traurig aus, und nachher ist sie ganz still und nachdenklich gewesen. Bitte, bitte, Mama, gieb ihr doch Geld! Willst Du?" schloß das kleine Mädchen ihre Erzählung. (Fortsetzung folgt.)


