Ausgabe 
10.8.1899
 
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feine Blut, zu nobel für die Arbeit." Ein krampfhaftes Zucken um Dorotheas Mund belehrte ihn, daß die arme Frau ihm glaube.Jetzt ist's mit der Arbeit aus so oder so Und nun wollte ich nur fragen, ob Sie vielleicht etwas für ihn thun wollten, Sie oder das Fräulein?'

Mein Gott!" stammelte Frau Dorothea.Ich bin selbst ganz unbemittelt."

Es sieht doch recht anständig bei Ihnen aus," meinte er, mit frechen Blicken die ganze Einrichtung taxierend.

Wir werden uns überlegen, was wir für Sie thun können," kam Martha der Mutter zu Hilfe.Sobald mein Schwager zurückkommt"

Solange kann ich nicht warten," unterbrach der Mann sie barsch.Ich soll Wein schaffen für den Leo, und Geld für kräftige Kost. Also rücken Sie nur 'raus. Eher gehe ich nicht fort."

Wenn Ihnen mit einer Kleinigkeit gedient wäre," begann Frau Andree angstvoll.

Für erste braucht's nicht viel zu sein. Ich kann mal wieder mit Vorkommen."

Er schielte in ihr spärlich gefülltes Geldtäschchen, während sie zitternd darin suchte und endlich ein Goldstück, das einzige, welches sich vorfand, hervorzog. Er wog es in der breiten, roten Hand.

Lange wird's nicht Vorhalten. Für heute mag's gut sein."

Er hatte das angenehme Bewußtsein, die beiden einge­schüchterten Frauen vollständig in der Hand zu haben.

Durch die angelehnte Thür sah Dorothea immer noch, wie er mit tapsenden Schritten den Vorsaal durchmaß- dann sank sie in einen Lehnstuhl und brach in bittere Thränen aus.

(Fortsetzung folgt.)

Unser Pianoforte.

Zum 200. Geburtstag Chr. G. Schröters, des Miterfinders des Pianofortes. (10. August.)

Von Dr. Max Rupprecht.

------- (Nachdruck verboten.)

Das Klavier ist nicht nur das verbreitetste, sondern auch das vollkommenste Musikinstrument. Fast in jeder gebildeten Familie, in jedem besseren Hause ist es zu finden,- es ist der Stolz seiner Besitzer, ihre Erholung ihre Freude. Die Nach­barn des glücklichen Inhabers sind freilich, wie sich nicht in Abrede stellen läßt, nicht immer von den gleichen Empfindungen beseelt, mit dem SpottnamenMarterkasten" bezeichnen sie das schöne Instrument, das damit die musikalischen Sünden seiner Bearbeiter büßen muß: denn gegen ein gewandt und seelenvoll vorgetragenes Stück wird niemand etwas einzu­wenden haben. Die Klavierspieler und besonders die Klavierspielerinnen bedenken aber nicht immer, daß die Musik im Grunde eine ausdringliche Kunst ist, daß besonders die musikalischen Anfangsstudten für die unfreiwillige Zuhörer­schaft nicht sehr angenehm sind, und daß man sich sein Ver­halten selbst in der herrlichsten Kunst immer von den­jenigen Rücksichten auf seinen Nächsten diktieren lassen soll, die man für sich selbst von ihnen erwartet. Doch das nur nebenbei das Instrument ist an sich an solchem Mißbrauch unschuldig, von ihm gelten in vollem Umfange die treffenden Worte seinesBiographen" C. F. Weitzmann, welche in geradezu klassischer Form die Bedeutung diesesUntversal- instrumentes" würdigen:

Sein Ton ist voll und nachhallend, sein Tonreichtum übertrifft den des ganzen Orchesters, und der Spieler hat alle Schattierungen vom leisesten Hauche bis zum durch­dringendsten Forte in seiner Hand. Die Spielart des Piano­forte übertrifft an bequemer Ausführung der rapidesten Passagen und Figuren alle übrigen Instrumente, und der

singende Ton des heutigen Klaviers eignet sich sowohl zum Vortrage einer ausdrucksvoll schattierten Melodie, die in mannigfaltigster Weise harmonisch begleitet werden kann, als zur Ausführung kontrapunktisch mehrstimmig gearbeiteter Touwerke. Fähig, allen Zuständen der Seele, für welche der Sprache die Worte mangeln, einen lebendigen Ausdruck zu geben, ist das Klavier das bevorzugte Instrument des einsam Trauernden und des der Mitteilung bedürftige» einsam Glück­lichen. Doch auch im glanzerfüllten Konzertsaal ist das Klavier eine ansprechende Erscheinung. Sein objektiver Charakter gleicht dem deS Geigenquartetts- er schmiegt sich jedem Stimmungsausdruck an, und der Konzertflügel mit seinem eleganten, festlichen Tone verliert selbst seine Macht nicht, wenn er mit dem vollen Orchester ein Wechselspiel beginnt".

Das Klavier ist keine jener Erfindungen, sofern es deren überhaupt giebt, die wie Minerva fix und fertig aus dem Haupte des Jupiter sogleich vollkommen aus dem Hirn des Erfinders wachsen. ES ist daher völlig verfehlt, wenn man in einzelnen Büchern diese oder jene Persönlichkeit als Er­finder des Klaviers oder des Pianoforte usw. bezeichnet findet. Das Klavier in seinem heutigen Zustande ist das Produkt einer langen Entwickelung, aus unscheinbarem Keime ent­standen, ist es erst im Laufe von Jahrhunderten zu dem ge­worden, als was wir es heute erblicken. Zahlreiche Musik­verständige und Fachmänner haben an seiner Verbesserung gearbeitet, auch wohl einzelne, es vervollkommende Teile er­funden, aber von einem wirklichen Erfinder dürfen wir nicht reden.

Als das Urbild des Klaviers oder wenigstens als das zur Erfindung desselben Anlaß gebende Instrument ist das Monochord zu betrachten, ein schon im frühen Altertume be­kanntes physikalisches Instrument, bestehend aus einer einzigen Saite, die auf einem länglich viereckigen Schallkasten ausge­spannt war und mit Hilfe eines Wirbels gestimmt werden konnte. Durch Verschiebung eines die Saite berührenden Steges konnten die verschiedenen Töne hervorgebracht werdem Das Monochord diente zur theoretischen Bestimmung der Ton­verhältnisse, weshalb es auch Kanon genannt wurde. Im Mittelalter bediente man sich seiner als Hilfsmittel zur Ein­übung der Töne. Das beständige Verschieben des Steges mag nun mit der Zeit als lästiger Uebelstand empfunden worden sein, irgend ein genialer Kopf kam daher auf die Idee, statt des Steges Tasten anzubrtngen, deren Hebelenden mit aufrecht stehenden Tangenten versehen waren, die beim Niederdrücken gegen die Saite schlugen und sie in Schwingung versetzten. Schon im 11. Jahrhundert soll man auf die vor­stehend geschilderte Verbesserung geraten sein, welche vielleicht auf den um das Jahr 1025 lebenden Guido von Arezzo zurückzusühren ist, der vermutlich zuerst das Monochord beim Gesangunterricht benutzte.

Allmählich vermehrte man die Saiten des Monochords, für welches verbesserte Instrument sich mit der Zett die Be­zeichnung Klavichord (clavis = Taste, chorda ---- Saite) ein­bürgerte. Der Kasten des Klavichords war nach der Schilde­rung von Blütner Gretschel etwa 30 Zentimeter hoch und länglich viereckig, über demselben befand sich eine Resonanz­decke aus gut getrocknetem Tannenholz, darüber waren die aus Messtngdraht hergestellten Saiten ausgespannt. Die eine lange Saite des Kastens entlang lief die Klaviatur. Eine andere Form nahm das neben dem Klavichord zur Entwicke­lung gelangende Klavichmbal an. Es entstand aus dem Cymbal oder Hackbrett, einem aus einem viereckigen Kasten, auf weichem Metallsaiten mit Wirbeln befestigt waren, be­stehenden Instrument. Später fügte man dem Cymbal Tasten oder Klaves hinzu, deren Tangenten statt der Finger oder Holzklöppel des Spielers die Saiten in Schwingung ver­setzten. Auch für dieses Instrument nahm man anfänglich Kästen von viereckiger Form, später erhielt der Kasten die Form des Sattenbezugs, welcher harfenförmig gespannt war, und nahm dadurch die Form eines Flügels an, woher sich der