Ausgabe 
10.8.1899
 
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4SÖ

Er war bei Ihnen! Und wo ist er jetzt? wo?" fragte Frau Andree mit hoffnungsvoller Erwartung.

Das weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung. Ich hoffte im Gegenteil von Ihnen zu erfahren, was aus ihm geworden ist."

Ehe er noch eine weitere Frage beantworten konnte, wurden sie unterbrochen. Das Stubenmädchen klopfte an die Thür: es sei einer in Uniform draußen und, wünsche Frau Andree zu sprechen, aber allein.

Dorothea fuhr zusammen, und Dievenows Züge er­starrten.

Führe ihn in das Eßzimmer," befahl Dorothea. Dann richtete sie sich mühsam auf und schritt hinaus.

Das Brautpaar war allein. Beide vermochten nicht gleich das rechte Wort zu finden.

Das ist ein äußerst peinliches Ereignis," begann endlich Dievenow in konventionellem Ton.

Wirklich, es thut mir leid für Dich dergleichen Unannehmlichkeiten sind Dir bisher erspart geblieben. Du bist in eine angenehme Familie gekommen der Sohn ein Mörder und der Vater doch das weißt Du vielleicht noch gar nicht?" Wie ein Strom von Bitterkeit ergoß es sich von ihren Lippen.

Ich wußte das," antwortete er ruhig und kam sich dabei sehr edel vor.Ich war es meiner Stellung schuldig, gewisse Erkundigungen einzuziehen, ehe ich mich verlobte."

Martha trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Tisch.

Und da hörtest Du alles?"

Einiges. Das Uebrige habe ich erst später erfahren."

Das ist sehr bedauerlich," stieß sie heftig hervor. Plötzlich stutzte sie.Ja, giebt es denn mehreres?"

Ach bitte," erwiderte er abwehrend -es genügt, daß ich mir über alles vollständig klar bin."

Nein, das genügt ganz und gar nicht. Ich will klar darüber.sein, wieviel ich Dir zumute, wenn ich Dich mit meiner Hand beglücke."

Wenn wir einmal Mann und Frau sind," sagte er sanft.

Nie! wollte sie schreien. Denn es stieg in ihrem Herzen etwas auf wie Haß gegen seine herablaffende Unfehlbarkeit.

Da trat Frau Dorothea wieder ins Zimmer.

Sie wollen von mir wtffen, wo Leonhard sei! Ach, wenn ich es nur selbst wüßte, wenn ich es wüßte Ich hätte es ihnen gewiß nicht gesagt," fügte sie wie zu sich selbst sprechend im Flüstertöne hinzu.

Gegen abend kam Dievenow wieder. Er hatte inzwischen Erkundigungen eingezogen und sich mit dem Kommando ins Vernehmen gesetzt.

Die Sache liegt nicht so schlimm, wie es den Anschein hatte," berichtete er.Von den verschiedenen Zeugen ist ausgesagt worden, daß Leonhard fortgesetzt aufs heftigste von dem jungen Menschen gereizt worden worden sei- fast alle stellen dem letzteren das denkbar schlechteste Zeugnis in Bezug auf Charakter und Kouduite aus, während über Leonhards Verhalten nur eine Stimme des Lobes herrscht. Auch ist der junge Mensch noch am Leben, wenngleich ein tötlicher Ausgang nicht ausgeschlossen erscheint. Der Blut­verlust war ziemlich bedeutend, und der Bursche ist ohnehin von schwächlicher Konstitution, elend genährt, mit erblichen Anlagen zur Schwindsucht. Wie der Fall liegt, ist es außerordentlich bedauerlich, daß Leonhard meinem Rate nicht gefolgt ist und sich sofort selbst gestellt hat- denn nun kommt zu dem andern noch die Anklage wegen Desertion. Auch dafür würde sich die Strafe mildern, wenn Leonhard zu sofortiger Umkehr zu bewegen wäre."

Er konnte den Gedanken nicht los werden, daß die Frauen über Leonhards Aufenthalt mehr wüßten, als sie sagen wollten.

Wenn das möglich wäre!" rief Frau Andree.Wie soll man ihn denn ausfindig machen, wenn er nicht selbst

Kunde von sich giebt oder wenn ihn die Polizei nicht entdeckt."

Sie schlug die Hände vors Gesicht. Im Geiste sah sie ihren Leonhard an den Händen geschloffen, von Gendarmen transportiert wie ein gemeiner Verbrecher- und die neu­gierige, glotzende Menge verfolgte ihn. Da haben sie wieder einen erwischt! hieß es. Und dieser eine war ihr Leonhard, ihr edler, braver, tüchtiger Leonhard, ihr Stolz!

Und Martha hatte die gleiche Vision.Lieber tot als so!" rief sie entsetzt. Aber die Mutter vergrub ihr Gesicht in die Hände.

Alles, nur nicht tot nur nicht tot!" murmelte sie vor sich hin.

Nach einem kurzen Stillschweigen nahm Helmut wieder das Wort.

Es würde vielleicht einen guten Eindruck machen, wenn Ihr euch einmal nach dem Verwundeten erkundigt," schlug er vor.

Martha schüttelte sich, als graue ihr.Was geht uns dieser Mensch an?"

Ich kann nicht," stöhnte Frau Dorothea.Ich kann es wirklich nicht."

,,Wie Sie wollen."

Dievenow bestand nicht weiter darauf. Er verabschiedete sich bald, da er noch unaufschiebbare Geschäfte zu erledigen habe- und Martha war nicht unzufrieden, daß er ging.

Er war noch nicht lange fort, so meldete das Mädchen, daß ein Mann draußen sei, der sehr herrisch die Damen zu sprechen verlange.

Es war ein großer, starker Mensch mit feuerrotem Gesicht und einer dicken Schnapsnase. Seine Kleidung war leidlich anständig, aber ein penetranter Fuselgeruch strömte von ihm aus, und Gesicht und Auftreten trugen den Stempel grenzenloser Gemeinheit. Er musterte erst mit frechen Blicken das Zimmer, dann die beiden Frauen. Und als er in ihren Zügen nur deutlich den Ausdruck von Scheu und Furcht entdeckte, stellte er sich breitbeinig vor Frau Andree hin und fragte mit rauher Stimme:

Ich bin Schmidt."

Da er mit Nennung dieses Namens offenbar nicht den geringsten Eindruck auf sie gemacht hatte, fuhr er ohne weiteres fort:

Schmidt, dem Leo sein Stiefvater wer der Herr Papa war, das wissen Sie wohl am besten."

Bei diesen Worten grinste er sie höhnisch an. Frau Andree wich erschrocken zurück- unwillkürlich mochte ihr Auge wohl nach dem Drücker der elektrischen Klingel geschweift sein, denn der Mann setzte sofort hinzu:

Klingeln Sie lieber nicht, Madame. Wir brauchen keine Zeugen zu unsrer Unterredung."

Was wollen Sie von mir?" brachte jetzt mühsam Frau Andree hervor.

Das können Sie wohl nicht erraten?" fragte er und stierte sie breitmäulig an.Ihr Sohn, der saubere, feine Herr, hat mir meinen Sohn das heißt meinen Stiefsohn erschlagen. Tot ist er nicht, wird wohl aber draufgehen und nun liegt er da und braucht Pflege und teuren Wein und teure Medizinen und teure Aerzte- und was meine Person betrifft, so habe ich eben erst meine Frau begraben, dem Jungen seine Mutter. War auch lange krank, hat mich ein Heidengeld gekostet, zuletzt noch das Begräbnis. Nun soll ich wieder für den Jungen sorgen, der mich doch eigent­lich nichts angeht und den seine Mutter ganz allein aufge­zogen hat* Er machte eine kurze Pause, indem er einen langen Blick auf Frau Andree warf, um sich zu vergewissern, wie weit dieselbe von dem wahren Sachverhalte unterrichtet sei. Sie wiedersprach nicht, und sicher geworden fuhr Schmidt fort:Die feinen Herren halten sich dann hübsch beiseite und unsereins muß helfen, die Brut durchzufüttern. Ich hab's redlich gethan, meine Schuld war's nicht, daß er nirgends gut that und überall fortlief. Wahrscheinlich das