708
Erwerbe des Lebensunterhalts führen kann. Allerdings finden hervorragend begabte Zöglinge Berücksichtigung und Förderung. Ein besonders beliebtes Instrument ist die Orgel, welche von vielen Blinden mit wahrer Meisterschaft gespielt wird und die deshalb in allen größeren Anstalten nicht fehlen darf. Gewisse technische Handfertigkeiten erlernen die Blinden in verhältnismäßig kurzer Zeit, so die Rohr-, Stroh- und Mattenslechterei und die Seilerei. Für weibliche Zöglinge eignen sich auch Handarbeiten jeder Art. Hierbei werden Arbeiten mit Mustern aus farbigen Wollfäden mit Hilfe eines Sehenden ausgeführt. Der Arbeitsleiter diktiert nach einem Muster oder der Zeichnung die Farben der erforderlichen Wollfäden. Letztere find in Kästchen verteilt, welche in Blindenschrift die Farbenbezeichnung tragen, sodaß sie die Zöglinge mit Hilfe des Tastsinns leicht finden können.
Die fertigen Arbeiten werden zu den angemessenen Preisen verkauft, und die erzielten Beträge zugunsten der Anstalt sowie zur Unterstützung der aus derselben entlassenen Blmden verwertet. Sehr häufig erhalten diese nach ihrer Rückkehr in das bürgerliche Leben das Arbeitsmaterial von der Anstalt geliefert, welche auch den Verkauf der Erzeugnisse bewirkt.
Zugleich Erziehungs- und BersorgungshauS ist unter anderen die Königl. Blindenanstalt zu Berlin, welche zur Aufnahme von 50 schulpflichtigen Kindern und 40 älteren, bereits ausgebildeten Pfleglingen eingerichtet ist. Die Erträge der Arbeiten bilden einen Fond, aus welchem die aus der Anstalt entlassenen Blinden lebenslängliche Unterstützung zum Betrieb ihres Handwerks erhalten.
Einige Besonderheiten des inneren Ausbaues der Blindenanstalten dürfen nicht unerwähnt bleiben. Die Schulzimmer werden für höchstens zwanzig Schüler eingerichtet, da der Blindenunterricht eine ganz individuelle Behandlung der Schüler verlangt, die Anzahl derselben also möglichst beschränkt werden muß. Auch ist es erforderlich, die Sitzplätze weit bequemer zu machen als in gewöhnlichen Schuljälen. Die Länge eines Sitzplatzes wird mit Rücksicht auf das große Format der Schulbücher auf etwa dreiviertel Meter berechnet, sodaß sich nicht selten einschließlich der Gänge für den Schüler zwei Quadratmeter Grundfläche ergeben. Sehr geräumig müssen aber die gewerblichen Arbeitsplätze sein- dieselben werden auf drei bis vier Quadratmeter bemessen. Besondere Ausdehnung verlangt die Seilerbahn, welche daher nicht selten ein selbständiges Gebäude bildet. Die Seilerbahn der Kö iigl. Blindenanstalt zu Steglitz hat eine Länge von 76 Metern bei sechs Meter Brette. Neben dieser ist eine offene Bahn von gleicher Ausdehnung angelegt.
Zur Führung und Stütze der Blinden werden sowohl in Fluren und Treppenhäusern wie in den Wohn- und Arbeitszimmern runde Wandleisten angebracht, die zugleich zum Schutz der Wände dienen, an denen die Blinden tastend entlang zu gehen pflegen. Die Zimmerthüren werden mit kleinen Fenstern versehen, um die Pfleglinge unbemerkt beobachten zu können- bei dem feinen Gehör der Blinden wäre dies nach Eintritt in das Zimmer oder auch nur nach Ocffnen der Thür natürlich nicht möglich.
In den Btindenerziehungs Anstalten können auch Personen Aufnahme finden, welche ihr Augenlicht durch Krankheit oder Unglücksfälle verloren haben. Doch sollen dieselben von den Blindgeborenen getrennt werden, da sie ihr Unglück mit so großer Trauer oder Verzweiflung erfüllt, daß sie leicht einen ungünstigen Einfluß auf die übrigen Pfleglinge ausüben könnten. Auch lehrt die Erfahrung, daß diejenigen, welche sehend die Welt kennen gelernt haben, nicht mehr die sittliche Unverdorbenheir besitzen, welche den übrigen Zöglingen gewahrt werden soll.
Litterarisches.
George Washington. Hundert Jahre sind seit dem 14. Dezember 1799 verflossen, an welchem Tage die Bewohner der erst
seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika ganz unerwartet in eine Trauer versetzt wurden, deren Tiefe und Allgemeinheit sich mit derjenigen vergleichen läßt, die Alldeutschland iin vergangenen Jahre beim Hingang seines Einigers Bismarck erfaßte. George Washington, der Held des amerikanischen Freiheitskrieges, der Gründer des heute so mächtigen Staatenbundes, war nach nur eintägiger Krankheit zu Mount Vernon in Virginien aus dem Leden geschieden! Die „Gartenlaube" veröffentlicht aus diesem Anlaß ein Gedenkblatt zu Ehren Washingtons von Rudolf Cronan, dessen Feder uns das Leben des großen Toten eingehend schildert und dessen Stift uns ein Porträt Washingtons, seinen Wohnsitz Mount Vernon, und die daselbst befindliche Begräbnisstätte vorführt. Daran schließt sich ein Bild aus deutscher Geschichte, „Gefälschte Briese", in dem uns Rudolf v. Gottschall Einblick in das Hosleben des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen thun und an seinem „Tabakskollegium" teilnehmen läßt. I. C. Heer beschreibt uns in meisterhafter Weise eine von ihm mit dem bekannten Luftschiffer Spelterini unternommene „Ballonfahrt im Sternenschein", und Karl Wolf hat eine allerliebste Skizze, „Verwandtenbesuch", zu dem gleichnamigen, reizenden Bilde Defreggers beigesteuert. Die begonnenen Berichte über den Krieg in Südafrika werden fortgesetzt. Den Leser einer guten Unterhaltungslektüre hält nach wie vor der große Roman I. C. Heers „Der König der Bernina" gefeffclt.
Die Zimmergärtnerei oder die Blnmenpflege im Hause ist wohl die verbreitetste aller Liebhabereien, besonders in unserer Frauenwelt. Und dies mit Recht, denn keine Liebhaberei gewährt uns so viel Befriedigung und Anregung und bringt uns dauernd in den Verkehr mit den Geheimnissen der Natur, wie die Pflege der Blumen und Pflanzen in unseren Wohnräumen. Groß ist die Freude, wenn die Lieblinge am Fenster gedeihen und sich durch reiches Grünen und Blühen für die erwiesene Pflege dankbar erweisen. Aber so oft wird diese Freude getrübt, wenn die Pfleglinge aus dem Pflanzenreich nicht so gedeihen wollen und gar absterben. Ja, da fehlt es immer an der richtigen Behandlung, denn jede Pflanzenart will die ihr zukommende Pflege haben, und läßt sich nicht nach einem allgemeinen Rezept behandeln. Deshalb sollte überall, wo Blumen im Zimmer gepflegt werden, ein guter Berater zur Stelle sein, und als einen solchen "können wir unseren Lesern angelcgentlichst das vortreffliche „Handbuch der praktischen Zimmergärtnerei" von Max Hesdörsfer empfehlen, welches in zweiter vermehrter Auflage gerade zur rechten Zeit für den Weihnachtstisch erschienen ist. In reicher Ausstattung und prächtiger äußerer Hülle, geschmückt mit etwa 400 Blumenbildern int Text und 17 farbigen Tafeln — bildet dieser 600 Seiten starke Band einen Berater, wie er zweckmäßiger und schöner nicht gedacht werden kann. Alle Grundregeln und Handgriffe zur erfolgreichen Behandlung sind textlich und bildlich anschaulich dargestelli, alle geeigneten und empfehlenswertesten Zimmerpflanzen in Wort und Bild vorgeführt, auch die Blumentreibcrei, ebenso die Wasser- und Sumpfpflanzen und ihre Pflege im Aquarium. Kurz, alles Wichtige der Blumenpflege ist in diesem Handbuche berücksichtigt. Möge cs Weihnachten auf den Tischen zahlreicher Blumenfreundinnen prangen, es wird sic von Erfolg zu Erfolg führen und viele Freude bereiten. Der Preis von 9 Mk. ist für dieses umfangreiche und prächtig illustrierte Werk ein mäßiger zu nennen.
Mit dem Jahre 1900 wird ein Jahrzehnt vergangen sein, seitdem der Kalender des Erfurter Blumenschmidt erschienen ist und jedes Jahr den Weg in einige hunderttausend Familien gefunden hat. Diese freundliche Aufnahme hat er nicht nur seiner anmutigen Ausstattung zu danken gehabt, sondern auch den praktischen, jedes Jahr neu umgearbeiteten Abhandlungen, die durch Abbildungen unterstützt, dem Blumen- und Pflanzenfreund Tag für Tag gerade zur rechten Zeit helfend und ratend bei der Pflege seiner Lieblinge zur Seite stehen. Der Preis ist nicht höher als für jeden anderen Abreißkalender.
Gitterrätsel
(Nachdruck verboten.)
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer:
Theaterzettel.
In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aa, bb, eeeeee
e e e, h, i j i i i i, l, n n
n n n n, o o, p p, r r r r,
s s, t t t t t t, w w derart
einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben:
1. Edles Getränk.
2. Tiere aus der Familie der Wiederkäuer.
3. Arabischen See.
Nummer.)
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


