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Verse gekleidet. Was jenes Glaubenslied zum andern als ein Merkmal deutscher frommer Art auSzeichnet, ist seine Bedeutung für die Ausbildung der deutschen Sprache. In einer Zett, wo sich die Gebildeten in lateinischer Dichtung ergingen, steht Rinckart mit in der Reihe der wenigen Dichter, die in ihren Liedern mit deutscher Zunge redeten. „Ich freue mich, — so äußert er sich in der Meißnischen Thränensaat — daß man wieder anfängt, unsere liebe Ehrenmutter, die deutsche Sprache, von dem bisherigen Sprachgemenge zu retten, worin namentlich der Poet Martin Opitz vorangegangen ist. Es ist mein Wunsch, daß insbesondere meine Schriftlieder als ein Beitrag dazu angesehen werden möchten." In dieser Beziehung ist sein herrliches Dankeslied nicht die einzige Probe seiner deutschen Dichtkunst geblieben. Seine Werke: „Der deutsche Jeremias", „Der deutsche Jesajas", „Die Meißnische Thränensaat", „Das Jesu-Herzbüchlein", „Die Katechismuswohlthaten und Lieder", waren dichterische Erzeugnisse, nicht bloß biblisch frommer, sondern auch deutsch-fördern- der Denkungsart.
Es lag an der Ungunst der mit Zerstörung angefüllten Kriegszeit, daß außer seinem bekannten Liede: „Nun danket alle Gott" fast nichts der allgemeineren Verbreitung überliefert ist. Nur noch einige wenige Lieder, als „Ach, Vater, unser Gott" und „Hilf uns, Herr, in allen Dingen" sind hier und da in die Gesangbücher übergegangen. Martin Rinkart, im April 1586 zu Eilenburg geboren, neigte durch gründliche Erziehung in seiner Vaterstadt wie durch Studien auf der Thomasschule und an der Universität zu Leipzig schon frühzeitig den schönen Wissenschaften, insbesondere auch der Musik zu. Letztere hat er sein ganzes Leben lang — darin ein zweiter Luther — hoch geschätzt und getrieben „als die Kunst, die ewig ist und bleibt und uns die Traurigkeit und bösen Mut vertreibt!" Durch seine musikalische Befähigung erhielt er auch seine erste Anstellung als Kantor zu Eisleben. Indessen hatte Rinckart zu Leipzig auch eine gründliche theologische Ausbildung erhalten. Kurze Zeit nur weilte er im Pfarramte als Dtakonus an St. Anna in der Lutherstadt Eisleben und im Pastorat zu Erleborn, um dann im Jahre 1617 einem Rufe in seine Vaterstadt zu folgen. Jener Zeit im Mansfeldischen entstammen zwei Lutherfestipiele, von welchem besonders das erstere: „Der Eislebtsche Ritter" dadurch an Bedeutung gewinnt, daß sich hier die erstmalige Verwendung der Fabel von den drei Ringen findet, die von Rinckart aus die drei christlichen Konfessionen angewendet wird, während sie bekanntlich Lessing später im „Nathan" auf die drei Religionen angewendet hat. In Eilenburg, welches damals zu dem alten Kurfürstentum Sachsen gehörte, hat Martin Rinckart getreulich mit seinen Stadt- und Pfarrkindern alle jene Unbilden geteilt, welche die Kriegsgewitter während seiner 32 jährigen Wirksamkeit in sich trugen. Geradezu aufopfernd und ein Beweis unendlichen Glaubens- und Liebesmutes war seine Thätigkeit zur Zeit der Pest im Jahre 1637. Damals war er lange Zeit der einzige Geistliche am Orte und hat nach eigener Angabe 4880 Pcsttote beerdigt. Als im Jahre darauf die Hungersnot ausbrach, hat er sein ganzes Einkommen für die Armen verwendet. Durch sein glaubensstarkes Eintreten rettete er dann auch die bedrohte Vaterstadt von dem Feuertode bei der Besetzung durch den schwedischen Obersten Derfflinger. Die Stadt sollte unter Androhung der Brandschatzung eine unerschwingliche Kriegskontrtbution zusammenbringen. Vergeblich bat der wackere Archidiakonus Rinckart bet dem feindlichen Heeresführer um Linderung. Da ließ er die Betglocke läuten und rief die Gemeinde zur Kirche unter den Worten: „Kommt, liebe Pfarrkinder, wir finden bei Menschen kein Gehör- laßt uns mit Gott reden!" Der ergreifende Gottesdienst, den er dann abhielt, erweichte dem Feinde das Herz! Rinckart erlebte noch das Ende des Krieges- kurz darauf, am 8. Dezember 1649, starb er in seiner Vater- und Wirkungsstätte Eilenburg.
Unser Geschlecht, in glücklicheren, frtedevolleren Zeiten, sieht bewegten Herzens auf jene Tage der Not und Ver
wüstung des Vaterlandes zurück. Sucht es aber einen Ausdruck der Freude über solche Wendung, dann leiht ihm Martin Rinckart die Worte, und es stimmt mit ihm an: „Nun danket alle Gott!"
Blindenanstalten.
Von Fred Hood.
------- (Nachdruck verboten.)
Schon im Mittelalter wurden Asyle zur Verpflegung und zweckmäßigen Beschäftigung der Blinden errichtet, welche in ihrer Hilflosigkeit das allgemeine Mitleid erweckten. Unter anderm gründete Ludwig der Heilige das Hospiz der Quinze- Vingts zu Paris, in welchem dreihundert von den Sarazenen geblendete Kreuzfahrer Aufnahme fanden. Anstalten, in denen die Blinden einen gewissen Bildungsgrad und mannigfache Fertigkeiten zum Erwerb ihres Unterhalts erreichen, entstanden aber erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Die erste dieser Anstalten wurde 1784 in Paris von Valentin Hany mit Unterstützung der Philanthropischen Gesellschaft gegründet und 1791 in eine Staatsanstalt verwandelt. Auf Grund der von Hauy gesammelten Erfahrungen wurde 1805 zu Norwich die erste englische Blindenschule errichtet- es folgte Berlin (1806), Petersburg hl 807), Wien und Stockholm (1808), Dresden und Zürich (1809). Im Jahre 1800 zählte man auf der ganzen Erde an 200 Blindeninstitute, von denen 48 auf Deutschland entfielen.
Unter diesen Anstalten verdient die Institution des aveugles zu Paris, die aus der von Hauy begründeten Blindenschule hervorging, besondere Erwähnung. DaS während der Jahre 1839—43 von Philippon errichtete vierstöckige Anstaltsgebäude am Boulevard des Invalides ist für etwa 900 Zöglinge berechnet und wird von Gartenanlagen und weiten Höfen eingeschlossen. An den die Verwaltungsräume enthaltenden Mittelbau schließen sich beiderseitig zwei gleiche Flügel, von dem der eine das Mädchen-, der andere das Knabeninstttut enthält. Es ist hier auch während des Unterrichts und der Mahlzeiten, sowie beim geselligen Verkehr eine strenge Trennung beider Geschlechter durchgeführt, eine Anordnung, die jetzt nicht mehr die allgemeine Billigung der Blindenlehrer findet. In der alten und bewährten Blindenanstalt zu Hannover sieht man gerade in dem Zusammenlebn der Knaben und Mädchen ein erziehliches Moment, das zur Entwicklung des Zartgefühls und der Gemütsbildung der Zöglinge wesentlich beizutragen geeignet ist.
Das Erdgeschoß enthält außer einigen Dienst- und Geschäftsräumen die Werkstätten: Drechslerei, Schreinerei, Malerei, Flechterei, Bürstenbinderei und Buchdruckerei für Knaben, sowie eine große gemeinsame Werkstätte für Bürsten- btnderei, Malerei, Matten- und Strohflechterei für Mädchen. Turnplätze, Gärten und Erholungssäle dienen zum Aufenthalt der Zöglinge während der Freistunden.
Das erste Stockwerk umfaßt die Unterrichts- und Mustk- zimmer, die Kapelle, den Festsaal, sowie die Wohnungen des Direktors und der Oberlehrer- die Schlafsäle, Wohnräume und Kleiderkammern sind im zweiten, die Krankenräume, Bett- und Weißzeugkammern rc. im dritten Obergeschoß untergebracht.
Die Aufnahme blinder Kinder erfolgt im allgemeinen im siebenten Lebensjahre. Die Unterrichtsmittel bestehen in Modellen, Erzeugnissen der Natur, Kunstgegenständen und Hausgeräten zur Ausbildung des Vorstellungsvermögens, sowie in Büchern, Landkarten, geometrischen Tafeln und Rechenmaschinen, deren erhabene Formen von den Blinden mit Hilfe ihres fein ausgebildeten Tastgefühls wahrgenommen werden können. Die frühere Bevorzugung der Musik in den Anstalten erwies sich als eine Maßregel von zweifelhaftem Wert, da die blinden Musiker nur die Zahl der Musikproletarier vermehrten. Natürlich wird die Musik zur Bildung des Gemüts und zur Verschönerung des geselligen Verkehrs noch heut in den Anstalten gepflegt, der Unterricht im allgemeinen jedoch nicht in dem Maße betrieben, daß er zum


