706
ein voll erblühtes Weib, umgeben von Liebe und Ueberfluß', I traf er eS wieder. , _ „ I
Und er, der Vater, hatte nicht den geringsten Anteil mehr an ihm, an seinem eigenen Fletsch und Blut, nicht den I geringsten Anteil an all der Schönheit, an all der Jugend, I a« all dem Glück,- ja, nicht genug, er war der dunkle Punkt I in ihrem Leben, die Pestbeule, die man sorgfältig zu ver- I hüllen strebte. — I
Und ein fremder Mann genoß all diesen Segen, all I diese Zuneigung und Dankbarkeit, all das, was er jetzt wie I ein Verdammter verführerisch erblickte, ein Mann, der eben I so hilflos war, wie er, ein Bettler wie er. Ein Mann, der sich das Kleinod erst mit Gefahr seines Lebens aus dem 1 Strome holen mußte, das ihm der Himmel freiwillig geschenkt, der erst rechten Mut gewann in dem Augenblicke, in welchem er alles verlor, in welchem es galt, für ein teures Wesen zu sorgen.
Oh, er mußte ihn hassen und verehren zugleich, diesen Mann. r
Neid und Bewunderung, Haß und Dankbarkeit rangen in ihm, doch rasch gewann die letztere die Oberhand. Obwohl er sich selbst verhöhnte mit seiner fich plötzlich in ihm regende« Liebe zu dem Mädchen, im stillen Witze riß über diese Mahnung der Natur, fich hundertmal vorsagte: „Was willst Du denn von dem Mädel?" eS half alles nichts, mit Gewalt drängte es ihn in ihre Nähe.
Zuerst suchte er mit aller Durchtriebenheit Begegnungen, grüßte fie unterwürfig, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Die natürliche Freundlichkeit Mariens machte ihn kühner. Eines Tages sprach er fie an über irgend etwas Gleich- giltiges.
Aber es war, als ob fie instinktiv Verdacht geschöpft hätte, mit einem ihr sonst völlig fremden Unwillen wandte fie fich ab, ohne ein Wort der Erwiderung. Das Herz krampfte fich ihm zusammen, und in den Augen flimmerte es. Daun faßte ihn jäher Grimm. Er mußte sich alle Gewalt anthun, um ihr nicht nachzugehen, sie beim Arme zu fassen, ihr alles heraus zu sagen.
Sie verachtete ihn, er war ihr widerlich. Sie hatte sonst für jeden ein freundliches Wort, einen freundlichen Blick — nur für ihn nicht! für ihn nicht!
Oh dieser Zorn, dieser wühlende Schmerz!
Jetzt war er elender als je.
Bon nun an umschlich er sie nur wie ein Schakal, und jedesmal, so oft er sie sah, stiegen ihm Rachegedanken in den Kopf. — Bor sie hintreten, ihr das „Dein Vater" in das Gesicht schleudern. Der Augenblick mußte noch ein Genuß | sein, der letzte, einzige in seinem Leben.
Trotzdem schwieg er, er schwieg, obwohl er wußte, daß die Verlobung mit diesem verhaßten Herrman im gehelmen stattgefunden — ihm zuliebe schwieg er, Holaus zuliebe, dem einzigen Menschen zuliebe, der überhaupt noch für ihn
Darin lag für ihn aber auch der feste Entschluß, in dem Augenblicke zu sprechen, in welchem es im Jaterefie Holaus gelegen, daß er spreche.
Uno den Augenblick sah er mit Sicherheit voraus.
Holaus hatte sich zu viel zugetraut.
Es war ihm, als ob er mit der Hingabe Mariens an Herrmann alle seine Kraft eingebüßt, als ob er die 18 Jahre ehrlichen Schaffens ausgelöscht und wieder der alte, zerfahrene, mutlose Holaus lei, wie er damals auf die Bank im Parke gesunken. Dazu gesellte sich der Vorwurf, ob er auch vom Standpunkte des Vaters aus recht gehandelt, gehörig geprüft, erwogen.
Wie kam er denn eigentlich dazu, diesem flatterhaften Herrmann diese Mädchenblüte zu überantworten? Ferner, und das beunruhigte ihn am meisten, warum schwieg er denn über die Herkunft Mariens, da er doch sprechen mußte, wenn er nicht wollte, daß ihm das standesamtliche Register zuvorkomme?
Allerdings könnte es ihm bis dahin gelingen — er hatte ein halbes Jahr als Frist bis zur Hochzeit festgesetzt — diesen Fichtner gutwillig zu entfernen, für immer abzufinden. Marie war dann eine Waise, die er an Kindesstatt angenommen, die Schmach des Vaters lastet nicht auf ihr.
Aber er fühlte, daß dies nicht der eigentliche Grund war, sondern nur ein Borwand, er gab sich nicht einmal Mühe, diesen Fichtner zu entfernen, hatte nicht die geringste Aussicht, daß es ihm je gelänge.
Es war ein ihm selbst unklares Hoffen auf irgend eine Lösung, die nicht von ihm auöging, welche ihm die qualvolle Enthüllung ersparen sollte. Vielleicht auch ein Rücktritt Herrmanns, Mariens — auf irgend etwas völlig Unvorhergesehenes, Wunderbares, an das alle Verdammten, unwiderruflich Verlorenen fich zu klammern pflegen.
In fliegender Hast, wie es ihm schien, verstrichen die Monate, und nichts ereignete fich, das Wunderbare kam nicht. Marte, welcher der geheime Kummer des Vaters über die bevorstehende Trennung nicht entgehen konnte, schloß fich mit noch innigerer Liebe an ihn an.
Ja, dieselbe nahm wiederholt einen Charakter an, welcher Holaus schauern machte vor Wonne, um ihm dann I wieder die Schamröte auf die Stirn zu treiben, als ob er ein Verbrechen begangen.
Er selbst war nicht imstande, den Vater zu vergeffen, den er achtzehn Jahre gespielt, die Tochter über dem geliebten Weibe, welches Wirrsal war er erst im Begriffe, in der Seele dieses Kindes heraufzubeschwören, wenn er seine Leidenschaft nicht mäßigte, die jetzt, wo die Stunde der Entscheidung immer näher rückte, alle Fesseln zu sprengen drohte. (Fortsetzung folgt.)
Zum Gedächtnis Martin Rinckarts
an seinem 250jährigen Todestage.
Am 8. Dezember werden es 250 Jahre, daß zu Eilenburg, seiner Geburts- und Wirkungsstätte, der damalige Archidiakonus an der Stadtkirche Magister Martin Rinckart die Augen schloß. Dem deutschen Volke hat er ein unvergängliches Erbe hinterlaffen, sein köstliches Lied: „Nun danket alle Gott!" Man hat dasselbe daS „deutsche Gratias" genannt. Und in der That hat es, das alte ,,Te deum laudamus“ mehr und mehr beiseite geschoben und sich zu der Stelle des allgemeinen Jubel- und DankliedeS der evangelischen Christenheit emporgeschwungen. Nicht zum wenigsten mag hierzu seine erhabene Melodie beigettagen haben. In der Mute des 18. Jahrhunderts war es bereits allgemein in deutschen Landen verbreitet. Auf dem Schlachtfelde bei Leuthen wurde es aus tausendfachem Munde gesungen. Und unzählige Male ist es seitdem wieder erklungen. Nach der Schlacht bet Sedan und nach so manchem schweren und glorreichen Kampfe auf Frankreichs Fluren ward es angestimmt- es wurde gesungen bet der Kaiserproklamation za Verfallt s. Bet jedem Erntefeste wie an Tagen festlich dankender Ausschau zum Höchsten ertönt dies einfache und doch köstlich fromme Lied noch heute. Es wird kaum ein evangelisches Gesangbuch geben, in welchem es nicht seinen i Platz gefunden.
Die Zeit, in welcher dies Lied entstand, war die des dreißigjährigen Krieges. Unter dem Druck des Elends wurden die Herzen zur Sammlung in Gott geführt, und insbesondere die heilige Schrift bildet das Muster und den Inhalt der religiösen Lieder. Die Kirchenlieder jener Zett werden zu Schrtstltedern. Darin liegt auch der Wert der Rmckart'schen Dichtung von ..Nun danket alle Gott". Es entstand als I „Tischlied nach dem Esten", wie es der Dichter selbst be- I zeichnet, auf Grund der Worte aus Strach 50, 24 bis 26. Alltäglich wurden diese Worte im Hause Rinckart's von feinen Kindern bei Tische gesprochen. In einer Stunde innerlicher, I freudiger Erhebung hat er solche Bibelworte in die bekannten


