Ausgabe 
9.12.1899
 
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Nachdruck verboten.

Pygmalion.

Novelle von Anton Frhr. von Perfall.

(Fortsetzung.)

Viertes Kapitel.

Der alte Opel war völlig aus seiner Ruhe gebracht, der Wachtmeister regte fich in ihm.

Mit diesem neuen Arbeiter,Merkel," wie er fich nannte, war es nicht richtig.

Opel war sonst kein Leutefresser, wie ihn der Vagabund nannte,- aber man hat auch nicht umsonst 25 Jahre bei der Polizei gedient. Er hatte sofort die Witterung und ließ fich davon nicht mehr abbringen.

Der Umstand, daß sein Herr den Menschen geradezu in Schutz nahm, stärkte nur seinen Verdacht. Da steckt irgend etwas dahinter, irgend eine große Lüge, auf die der gute Herr Holaus hereinfiel.

Die alte Liebe zumFach" ergriff ihn.

Er begann den Menschen langsam zu umkreisen, unter dem Scheine völliger Gleichgültigkeit sorgfältig zu beobachten.

Der Erfolg blieb nicht aus.

Dieser Merkel stand in rätselhafter Beziehung zu Herrn Holaus. Es bestand ein geheimer, unausgesprochener Rapport zwischen beiden, aus welchem Opel noch etwas anderes heraussptonierte, als lediglich? Gönnerschaft auf der einen, unterwürfige Dankbarkeit auf der anderen Seite, etwas, was ihn lebhaft beunruhigte. Auf Seite seines Herrn etwas wie Furcht, auf Sette des Merkel ein für seine Verhältnisse auffallendes Selbstbewußtsein, ein Pochen auf etwas.

Unwillkürlich erinnerte fich Opel einer längst ver­gangenen Zeit, seiner ersten Begegnung mit Holaus auf der Brücke. Damals mag er gerade nicht mit der saubersten Gesellschaft verkehrt haben, seinem Aussehen, seinem Zu­stande nach.

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enn dir die Freude zu trinken beut.

Thu' einen herzhaften Zug für heut;

Willst du den Kelch bis zum Grunde genießen,

So wird dir die Hefe dazwischen fließen."

(Seibel.

Wenn dieser Mensch eine peinliche Erinnerung wäre für Holaus an diese Zeit, ein damaliger Genoffe, der mit Enthüllung droht?

Ja, so ist es, nicht anders, und der Herr Holaus läßt sich aus falschem Schamgefühl in das Bockshorn jagen von dem Schuft,- dieser herrliche Mensch, der tausendfältig wieder gut gemacht, was er damals in jugendlichem Leichtsinne gefehlt. *

Einmal dachte er wohl des verschwundenen Fichtner, des Vaters Marrens, der am Ende in der Person des Merkel wieder aufgctaucht sein könnte, aber den hätte Herr HolauS doch lieber mit der größten Summe abgefunden, als in das HauS ausgenommen, abgesehen davon, daß er sich in diesem Menschen um alles in der Welt nicht den Vater des lieben Fräuleins vorstellen konnte. Sein tief ausgeprägter Ordnungssinn sträubte sich dagegen.

Immer wieder kehrte er zu seiner ersten Annahme zurück, und sein ganzes Trachten ging dahin, Herrn Holaus, der für ihn der Inbegriff alles Guten und Vortrefflichen war, dem er nicht nur seine Rest, sondern auch seine sorglose Existenz zu danken hatte, von dieser aufgedrungenen Last zu befreien, ohne die schuldige Subordination zu verletzen.

Seiner Frau gegenüber äußerte er nach alter Kriminalistenpraxis kein Wort, that ganz erstaunt, als fie einmal von dem seltsamen Schützling des Herrn Holaus sprach, und wies sogar einen auch in ihr aussteigenden Ver­dacht energisch ab.

Fichtner, alias Merkel, unter welch letzterem Namen er in die Arbeiterliste eingetragen war, bot indes wenig Gelegenheit zu irgend welcher auffallenden Beobachtung. Er zeigte sich als sehr verwendbarer Arbeiter, ging ruhig seines Weges ab und zu. Seine Verschlosienheit den Genossen gegenüber, etwas widerlich Schleichendes an ihm, der lauernde Blick, das alles genügte nicht, um den schlimmen Verdacht Opels zu rechtfertigen.

Fichtner hatte nur einen Gedanken: Marie sein Kind!

Von der schweren Schuld der Jugend zu Boden gedrückt, von dem Gespenst der unglücklichen Frau, die er in den Tod gehetzt, Tag und Nacht verfolgt, durch alle Lande gehetzt, ehrlos, verachtet, ohne Hoffnung auf Erhebung, immer tiefer sinkend, stand er plötzlich seinem Kinde gegenüber.

Als armen, kränklichen Säugling hatte er es schmählich verlassen, gepackt von einer plötzlich über ihn kommenden Feigheit, gelockt von überseeischen Phantasiebtldern, die ihm eine baldige Rückkehr als reicher Mann vorgaukelten,- als