Ausgabe 
9.11.1899
 
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Ich kann jetzt niemand sehen," sagte sie, bringen Sie mich fort."

Er führte sie bereitwillig in das Nebenzimmer und ließ sie in einen Seffel gleiten. Sie streckte ihm beide Hände hin:

Ich danke Ihnen, Ihre Güte thut mir so wohl."

Wer sollte mit Ihnen nicht gut sein, armes Kind," erwiderte er leise und drückte ihre Hände,ich will Sie allein lassen, es wird Ihnen nötig fein."

Sie schwieg und er ging hinaus.

Warum ging er hinaus? fragte sie sich, warum ließ er sie allein mit den qualvollen Gedanken und dem bitteren Weh, das ihr das Herz zerriß- daß sie sich wieder hätte an ihn lehren können?" Sie fühlte sich grenzenlos verlassen.

(Fortsetzung folgt.)

Allgemeine Regeln der Gesundheitspflege.*)

Dr. med. Jordy giebt folgende zehn Grundregeln der Gesundheitspflege, welche die Hauptpunkte der Hygiene zusammenfaflen und der Beachtung wert sind. Sie lauten:

1. Reine Luft bei Tag und Nacht ist Grundbedingung zum Gesundsein und bester Schutz gegen Lungenkrankheiten.

2. Bewegung ist Leben. Tägliche Körperübungen im Freien, sei es Arbeit, Spaziergang oder Turnspiel, gleicht den Einfluß eines gesundheitsschädlichen Berufes mit sitzender Lebensweise in schlechter Luft am ehesten wieder aus.

3. Mäßigkeit und Einfachheit im Essen und Trinken ist die Garantie für ein gesundes und langes Leben. Wer statt des gesundheitsschädlichen Alkohols Wasser, Milch und Früchte zu Ehren zieht, handelt im Interesse seiner Gesundheit, Arbeitskraft und Wohlfahrt.

4. Gewiffenhafte Hautpflege und vernünftige Abhärtung, z. B. kalte Körperwaschung, täglich und warmes Vollbad wöchentlich, Winter wie Sommer, fördern die Gesundheit wesentlich und schützen am sichersten vor den sogenannten Erkältungskrankheiten.

5. Eine richtige Kleidung darf nicht verweichlichend warm sein und nicht beengend- sie sei einfach, diene zum Schutz, nicht zum Putz, der Gesundheit und dem Wohlbefinden, nicht der Mode.

6. Eine gesunde Wohnung muß sonnig, trocken, geräumig, hell, behaglich und anheimelnd sein. Statt dem Wirtshause widme Zeit und Geld deinem eigenen Hause- ein glücklich Heim wird es tausendfach lohnen.

7. Peinliche Reinlichkeit in allen Dingen, wie Luft, Nahrung, Wasser, Haut, Wäsche, Kleidung, Wohnung, Abort, Grund und Boden, sowie Sitte und Moral, ist im Verein mit Mäßigkeit das beste und bewährteste Schutzmittel gegen die Cholera, Typhus, Blattern, Diphtheritis, Syphilis, kurz gegen die sämtlichen ansteckenden Krankheiten.

8. Geregelte, tüchtige erfolgreiche Arbeit ist eine Heil­kraft für Leib und Seele, Zuflucht und Trost im größten Leide, unseres Lebens reichstes Glück.

9. Zweckmäßige Ruhe und Erholung findet sich nicht in lärmender und betäubender Genußsucht. Die Nacht ist dem Schlafe, die Mußestunden und der Sonntag der Familie, der Pflege des Gemütes, der Bildung des Geistes zu widmen.

10. Ein nützliches, an Arbeit, Thaten und reinen Freuden reiches Leben sei Endzweck aller Gesundheitspflege. Das redliche Bestreben, der Familie ein guter Vater, im Berufe ein Meister, dem engeren und weiteren Vaterlande ein pflichtge­treuer Bürger zu fein, das sichert gesundem Leben einen würdigen Inhalt.

Zur Ergänzung fügen wir noch hinzu:

11. Man halte den Kopf kühl, die Füße jedoch warm- im Frühjahr lege man nicht zu zeitig die Winterkleidung ab,

*) Aus dem sehr empfehlenswerten Buche:Michaelis, Grundzüge einer allgemeinen Hygiene," Preis Mk. 2,, Verlag von Hugo Ser« mühler, Berlin.

im Herbste nicht zu früh die Winterkleidung an, trage viel­mehr in diesen Uebergangsjahreszeiten, wenn es die Verhält­nisse einigermaßen gestatten, entsprechend mittelwarme Kleider.

12. Regelmäßige und tägliche Bewegung ist ein wesent­licher Faktor der Gesundheit- man suche auch bei schlechter und rauher Witterung sich täglich der freien Luft auszusetzen, um sich nicht derselben zu entwöhnen und sich dadurch zu verweichlichen.

13. Man setze sich nicht bei schwitzendem Körper der Zugluft aus: Rheumatismus, Zahnweh, Kongestion (Blut­andrang) nach einzelnen Körperteilen sind gewöhnlich unausbleib­liche Folgen hiervon. Man vermeide schroffen Temperatur- Wechsel und schnelle Abkühlungen des Körpers. Schon Hufe land sagt (Makrobiotik, pag. 251) hierüber:Es ist äußerst schädlich, schnell aus der Hitze in die Kälte überzu­gehen ober umgekehrt- Lungenentzündungen, Schlagflüsse, Blut­stürze, Rheumatismen können die Folgen fein."

14. Bei stark erhitztem Körper vermeide man den kalten Trunk: heftiger akuter Magenkatarrh, Schlagfluß oder spätere Lungenschwindsucht können darauf eintreteu. Man trinke ferner nicht unmittelbar auf Aerger und heftige Gemütsbewegungen.

15. Man bezähme nach Möglichkeit seine Leidenschaften und begehe keine Handlung in der augenblicklichen Zornes- aufregung: die Folgen sind oft verhängnisvoll und die Reue vergeblich.

Vom Monat November.

November 18 99.

---- Nachdruck verboten.

Der November ist der Wind- und Nebelmonat des JahreS, der häufig schon recht winterlich wird. Feld- und Gartensrüchte sind geerntet und vor Frost in sicherem Schutz geborgen. Nur hin und wieder er­innern einige trockene Blätter, ein unerreichbarer Apfel oder eine ver­gessene Traube an die entschwundene Pracht des Sommers und den Segen des Herbstes. Der Obstmarkt ist knapper als im vorigen Monat. In den Delikatcßläden prangen tiroler Birnen, italienische Trauben, tiroler und amerikanische Aepfcl zu niedrigen Preisen. Unter den tiroler Aepfeln find besonders fein die zartschaligen duftigen Rosmarin­äpfel und die prachtvoll gefärbten Maschanzger Edelborsdorfer. Wenn man unsere einheimischen kleinen trübfarbigen Borsdorfer neben diesem großen lachenden Kinde des Südens sieht, erscheint es kaum glaublich, daß so verschieden aussehende Früchte dieselbe Sorte sind, nur vom Klima in ihrer Ausbildung beeinflußt. Die im Obsthandel aufgetauchten Mispeln sind jetzt allenthalben zu haben. Die Mispel ist die Frucht eines in Süddeutschland und der Schweiz wildwachsenden strauchartigen Baumes. Die teigig gewordenen Früchte werden roh gegessen, oder mit Butter, Zucker und Rotwein zn einem schmackhaften Kompott gesotten. Die Mispel gilt als sehr gesund und war ein altes Volksmittel. Früchte und Kern wurden früher selbst in der Arzneikunde verwendet.

Pilze werden selten und sind es die getrockneten, die jetzt Ersatz für frische gehen müssen. Seit Oktober ist die Trüffel in den Delikateß­läden zu haben. Dieser, von den Feinschmeckern hochgeschätzte Pilz, der Diamant der feinen Küche, gehört zur Gattung der Kugelpilze, und ist am häufigsten im Südosten von Frankreich, einigen Landstrichen Deutsch­lands, Ilirols, Oesterreichs, Rußlands und Italiens. Wer rundweg Trüffel sagt, meint immer die schwarze, leicht in's rötliche spielende Edel- oder Perigord - Trüffel, deren Rnf die Gänseleberpastete von Straßburg, die Entcnleberpastete von Toulouse und die Rebhuhnpastete von Angoulöme und Psrigeux begründet haben. Die jetzt angebotene Trüffel ist die hannöversche, die billiger ist als die Perigord - Trüffel, und da zu einer einfachen Trüffclsauce nur ein geringes Quantum Trüffeln nötig ist, so kann man auch am bürgerlichen Sonntagstisch einmal den Versuch mit dem berühmten Aroma machen. Aus dem Kochbuch von Fräulein Elise Hannemann entnehmen wir folgendes einfache Rezept: 30 Gramm gut gebürstete und gereinigte Trüffeln werden in einer braunen Grundsauce, welcher 10 Gramm Licbig's Fleisch - Extrakt beigegcben sind, gut durchgekocht, die Trüffeln heraus- genommcn, in Scheiben geschnitten, mit Vie Liter Weißwein und 20 Gramm Butter zehn Minuten lang gedünstet und die Grundsauce dazu gegeben. Diese Sauce ist vorzüglich zu Huhn, Kalbfleisch, Zunge rc.

Für den Vegetarianer bietet der November noch eine Fülle frischer Gemüse. Neben den großen Krautsorten finden wir ausgezeichneten Rosenkohl in festgeschlossenen Kugeln. Wirfing und Rotkohl werden teurer. Sehr reichlich wird Weißkohl zum Einlegen angeboten, der, wie auch die saure Gurke manches Kompott wird ersetzen müssen, da durch die knappe Obsternte sogar die Preißelbeere, das allgemein bürgerliche Kompott, hohe Preise hält. Blmnenkohl ist in weißer italienischer Ware vorhanden und sieht durch den raschen Transport fast so gut wie unsey