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letzte dieses Namens wieder einem Gylfen, einem Nachkommen I jenes verschollenen Eckhard Gylfen. Helene Rinnewart war früh verwaist, mein Vater wurde ihr Vormund und nahm sie in seine Familie auf als sein eigen Kind.

Helenens Vater war des meinigen bester Freund ge­wesen und wußte das verlassene Kind in unserem Hause gut aufgehoben. Der alte Rinnewart, schon lange kränklich, hatte den Gylfenhof noch bei Lebzeiten an meinen Vater verkauft, er selbst besaß noch eine kleine Villa vor der Stadt, wo er auch gestorben ist. Helene kehrte nach seinem Tode hi die ehemalige Heimat zurück. Wir alle liebten Helene, und zwischen ihr und Charlotte bildete sich ein Verhältnis, wie es unter Schwestern nicht,inniger sein kann.

Ich war noch ein Knabe, als ich Helene Rinnewart das letzte Mal gesehen, aber nie werde ich ihre reizende, anmutige Erscheinung, ihre herzige Fröhlichkeit vergessen. Mir hat sie viel schwesterliche Liebe bewiesen, sie hatte stets Verständnis für meine Träumereien, während meine Ge­schwister mich oft nicht verstanden und namentlich mein Vater mich vielfach falsch beurteilte. So war sie meine Vertraute, und meine Freude war doppelt groß, als sie nun wirklich meine Schwester werden wollte.

Mein Bruder Werner, zehn Jahre älter als ich, war der vergötterte Liebling meines Vaters. Und auch wir Geschwister bewunderten den reich begabten, mit einem glänzenden Aeußern ausgestatteten Mann. Mein Vater vergaß uns vollständig, wenn Werner da war,- er baute für ihn die großartigsten Luftschlösser.

Werner glich meinem Vater sehr, innerlich wie äußer­lich, auch das leidenschaftliche, jähzornige Temperament hatte er von ihm geerbt. Sein Herz aber war warm und edel.

Und daß ich es kurz sage: Helene wurde seine über alles geliebte Braut und damit erfüllte sich ein Herzenswunsch meines Vaters, der nur in Helene eine würdige Gefährtin für seinen Liebling sah."

Gottfried schwieg Plötzlich, und Renata sah zu ihm auf. Ihr war so sonderbar, als müsse der ernste Mann neben ihr ein Buch in der Hand haben und ihr diese Ge­schichte vorlesen. Seine traurigen Augen begneten den ihren: Ach, Renata, es wird mir ja so schwer, Ihnen das alles zu sagen/ sprach er leise.

«Ich glaube es," erwiderte sie,aber denken sie nicht so viel an mich,- daß Sie es sind, der mir die Geschichte meiner Eltern erzählt, macht es mir leichter."

Ein leichter Schein flog über seine Züge, und er fuhr fort:

»Diese Verlobung sollte vorläufig geheim bleiben, was auch dem jungen Paare recht war."

Helene besaß keine Verwandten mehr, und wie ich Ihnen schon früher sagte, waren die Ghlfens ausgestorben. Da tauchte bei Gelegenheit eines großen Manövers unter den fremdherrschaftlichen Offizieren, die ihm beiwohnten, ein Gylfen auf. Er lag bei einer uns befreundeten Familie in Quartier. Man machte ihn auf den Gylfenhof aufmerksam, und er interessierte sich sehr für dessen Vergangenheit, so daß er gern einer Einladung meines Vaters folgte. Uns allen fiel die Aehnlichkeit des jungen Mannes mit dem Bilde im Archiv auf, es stellte sich dann auch heraus, daß er von dem während des dreißigjährigen Krieges verschollenen Eckhard Gylfen abstammte. Dieser war in Oesterreich seßhaft ge­worden, und seine Nachkommen hatten den Adel verliehen bekommen. Erich von Gylfen war ebenfalls verwaist, ein Bruder seiner Mutter stand ihm aber sehr nahe und lebte, wie es schien, nur für den Neffen. Er war Besitzer eines Gutes in Oesterreich, und Erich Gylfen sein Erbe. Dieser selbst war ein liebenswürdiger Mensch, und ich kann nicht leugnen, daß er auf mein Knabenherz einen sehr gewinnenden Eindruck machte.

Er mußte bald wieder fort und hatte wohl seinem Onkel von dem sonderbaren Zusammentreffen mit dieser Stammesverwandten, Helene Rinnewart, berichtet,- denn es

dauerte nicht lange, so schrieb dieser Onkel Vollradt Wendelin Helene einen liebenswürdigen Brief nach dem andern. Diese war erst betroffen, aber dann machte es ihr Spaß, zu ant­worten, und so entspann sich eine wunderliche Korrespondenz zwischen d-iesen beiden sich ganz fremden Menschen, die auch nicht den geringsten Anspruch auf Verwandtschaft machen konnten. Schließlich schrieb dieser Onkel Wendelin, dessen ganze Art und Weise uns überspannt und phantastisch vorkam, eine dringende Einladung an Helene, ihn und seine Schwägerin, die ihm die Wirtschaft führte, zu besuchen. Helene hatte gleich sehr große Lust dazu und bat meine Eltern um Er­laubnis. Mein Vater und auch meine sanfte Mutter wollten es nicht zugeben; aber sie schmeichelte ihnen so lange, bis sie ihren Widerstand aufgaben und es Werner überließen, ob er cs leiden wollte. Dieser war zwar nicht einverstanden, doch auch ihn überwand die reizende Helene; nur ihre Bitte, Charlotte mitnehmen zu dürfen, wurde rundweg abgeschlagen. So reiste sie denn fort, fröhlich und glücklich wie ein Kind, das seinen Willen durchgesetzt; und es war doch ihr und Werners Verhängnis, diese unglückselige Reise.

Nach mehreren Wochen kehrte sie zurück, aber ver- äitdert, so daß die Meinen verwundert den Kopf schüttelten. Werner war fern, und sie war, ganz ihrer sonstigen Natur entgegen, verschlossen und in sich gekehrt.

Als Werners Besuch in naher Aussicht stand, wurde sie unruhig, und ich merkte, daß sie oft stundenlang allein spazieren ging. Zwei Tage vor Werners Eintreffen war sie verschwunden. Einen Brief an Werner fand man in ihrem Zimmer, worin sie ihm erklärte, ihre Liebe zu ihm sei er­loschen, und ohne diese könne sie unmöglich seine Frau werden. Ich will Ihnen und mir die nachfolgenden schrecklichen Szenen ersparen, Renata; in mein Gedächtnis sind sie unauslöschlich eingegraben. Werner und auch meine Eltern ahnten, daß dies das Werk des Onkels sei, Erich Gylfen war mit Helene auf dem Gute zusammengetroffen, und er mußte Helenen das Herz gewendet haben.

Werner raste beinahe, ich habe nie, nie wieder einen Mann so unglücklich gesehen, und meine Eltern boten alles auf, Helene zu erreichen, und zu sprechen, aber umsonst.

In seiner Verzweiflung reifte Werner nach B-, wo Gylfen in Garnison stand, und zwischen ihm und Werner kam es zu einem Duell, und mein Bruder blieb dabei; wir habe ihn nie wieder gesehen und nur durch andere erfahren, wo sein Grab ist."

Gottfrieds Stimme sank zum Flüstern herab, und als er geschlossen hatte, holte er tief Atem.

Und Ihre Eltern?" fragte Renata kaum hörbar.

Meine Mutter war schon leidend, sie überlebte den Jammer nicht lange und ging bald zur ewigen Ruhe. Und mein Vater Sie wissen es ja ach, ich kann Sie nicht weiter quälen, Renata!" sagte er leidenschaftlich bewegt.

Es war totenstill in dem großen Zimmer, das junge Mädchen hatte das Gesicht in beide Hände vergraben und regte sich nicht, nur ihr schwerer Atem verriet, daß Leben in ihr sei. So saß sie lange, lange; endlich beugte sich Wolfram zu ihr nieder:Renata," sagte er leise,es war zu viel, o warum wurde mir das harte Muß, Ihnen das zu erzählen."

Er faßte ihre kalten Hände, die sie langsam vom Gesichte sinken ließ.

Ach, es thut so weh," flüsterte sie mit schmerzvoll zuckendem Munde, und wie ein hilfloses Kind legte sie ihren Kopf an seinen Arm.

Wie gern, wie gern hätte er sie an fein Herz genommen und er durfte es doch nicht. So blickte er nur wieder auf sie mit unsäglicher, stiller Liebe, sie sah es ja nicht.

Unten ging die schwere Hausthüre, und Stimmen wurden auf der Treppe laut.

Da kommen Frida und Max/ murmelte der Professor. Renata richtete sich auf.