Ausgabe 
9.11.1899
 
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Donnerstag den 9. November.

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enken, was wahr, und fühlen, was schön, und wollen, was gut ist, Daran erkennet der Geist das Ziel des vernünftigen Lebens.

Plato.

Nachdruck verboten.

Der Gylfenhof.

Eine Erzählung von P. Ditfurth.

(Fortsetzung.)

XIX.

Die ging auch vorüber, diese schlaflose Nacht, und der andere Morgen sah Renaten im Wohnzimmer des Gylfenhofes Charlotte Falkner gegenüber, die ebenso verwacht aussah wie jene. In der Hand hielt sie den kurzen Brief des Pastors Nolte, den Renata ihr gegeben.

Charlotte hatte gelesen und ließ das Blatt zu Boden fallen, und im nächsten Augenblicke umschlossen ihre Arme das junge Mädchen:

Ich weiß es, Renate!" rief sie aufschluchzend,schon die ganze Nacht, Du bist das Kind meiner armen Helene! O warum sah ich das nicht gleich? Jetzt muß noch alles gut werden."

Gottfried trat ein; er sah blaß aber ruhig aus. Stumm legte er ein Bild vor Renata auf den Tisch. Charlotte bog sich zurück und ließ diese frei:Deine Mutter," sagte sie leise und legte die Hand über die Augen.

Langsam, als erwachte sie, richtete Renata den Blick auf das Bild. Es war ein reizendes Mädchengesicht, was ihr da entgegenlächelte, große strahlende, braune Augen, voll Schelmerei und Jugendlust. Es durchbebte sie dabei der Gedanke:Das war ja Walters Antlitz."

Das soll meine Mutter sein?" murmelte sie dann schmerzlich den Kopf schüttelnd,hat sie je so ausgesehen, so glückselig gelächelt?" Sie sah zu Charlotte auf und streckte flehend ihre Hand hin:Was hat sie unglücklich gemacht? Sie wissen es, o sagen Sie mir alles, ich ertrage es nicht länger."

Charlotte legte den Kopf des armen Kindes an ihre Brust.Du sollst alles erfahren, meine liebe Renata. Deine Mutter verließ vor mehr als zwanzig Jahren dieses Haus, ihre Heimat, ich muß es sagen, heimlich, um Deinem Vater als Gattin zu folgen. Keinem von uns hatte sie Vertrauen gezeigt, und sie war doch wie unsere Schwester,

wie meiner Eltern Kind mit uns aufgewachsen. Sie that einen unheilvollen Schritt, mein Kind, Du willst und mußt es ja wissen, und damit bereitete sie sich zum größten Teile selbst dieses traurige Geschick. O Kind, Du ahntest nicht, daß Du die Vergebung meines alten Vaters für die Mutter selbst erbatest."

Charlottens Stimme brach in tiefer Bewegung.

Renatas Augen blickten mit wirrem Ausdruck, als sähen sie wie durch einen zerrissenen Nebelschleier die Klarheit, nach der sie selbst sich gesehnt, hervorleuchten, und nun war sie doch so furchtbar.Mein Gott!" stöhnte sie auf und legte die Hände vor das Gesicht.

Leise weinend liebkoste sie Charlotte, in ihr kämpften die wunderbarsten Gefühle, aber die Freude war größer als alle anderen.

Ersparen Sie mir nichts, sagen Sie, was meine Mutter that," rang es sich jetzt von Renatens Lippen.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre, und Marianne winkte ihrer Herrin.

Mein Vater," murmelte Charlotte.

Gehen Sie zu ihm," bat Renata.

Gottfried," sagte die Schwester,ich muß zum Vater und bleibe vielleicht länger, als ich denke. Sage Du es Renaten, sie wird volles Vertrauen zu Dir haben." Sie nickte dem verstörten Mädchen noch einmal unaussprechlich liebevoll zu und verschwand.

Der Professor, der sich in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen hatte, trat hervor. Ach, die beiden Frauen ahnten nicht, wie schwer es gerade ihm wurde, dem Kinde von der Schuld der Eltern zu sagen. Sein Mund sollte väterlich ruhig sprechen, und sein Herz that es doch nicht. Ein Blick aus Renatens Augen traf ihn wie eine stumme Bitte. Er lehnte sich an die Wand neben dem Sessel, in dem sie saß, so stille und resigniert, und blickte auf ihren dunklen Scheitel nieder.

Renata, Sie wissen nun selbst, daß der wahre Name Ihres Vaters nicht Wendelin, sondern Gylfen lautete. Warum er ihn abgelegt, weiß ich nicht.

Sie fragten mich einmal, weshalb die Blätter in der alten Chronik herausgerissen seien, und ich gab Ihnen eine ausweichende Antwort. Auf diesen Blättern stand der Mädchenname Ihrer Mutter: Rinnewart. In einer unglück­lichen Stunde kam das Buch meinem armen Vater vor Augen, und feine Hände wollten es in wahnsinniger Aufregung ver­nichten, ich rettete es noch, aber jene Blätter gingen verloren. Die letzte Ghlfen reichte einem Rinnewart die Hand, und die