Ausgabe 
9.9.1899
 
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Das wird sie!" unterbrach er sie.

Als ihn die Cousine ganz verwirrt anschaute, ließ er sich neben ihr wieder auf den Sessel nieder, ergriff ihre Hand und fuhr im vertraulichen Tone fort:

Ich bin nach Berlin gekommen, weil man überall Wunderdinge erzählt hat von dem Aufschwung, den die Stadt genommen, seit sie die Hauptstadt des deutschen Reiches ge­worden ist. Aber ich fühle mich gewaltig enttäuscht,- es ist noch das kleinstädtische Nest, daß es vor dreißig Jahren war, nur mit etwas besserem Ausputz; für einen Mann von meinen Fähigkeiten ist nicht der geeignete Boden hier,- ich sehne mich, je eher je lieber, den märkischen Sand von meinen Stiefeln zu schütteln".

Die Kommerzienrätin konnte hier eine freudige Be­wegung nicht ganz unterdrücken, und dies bemerkend fuhr Corbus fort:

Frohlocke nicht zu früh, meine liebe Eugenie, ganz so schnell, wie Du hoffst, wirst Du mich nicht los, oder besser, es hängt ganz von Dir ab, wie bald ich Dich von meiner Gegenwart befreien soll".

Wie das?"

Sobald ich Felicitas mit mir nehmen kann, gehe ich. In Petersburg, in Moskau, in Warschau und sogar in Bukarest und Belgrad ist ein geeigneteres Feld für mich als hier in Berlin. Vielleicht gehe ich auch nach Amerika, aber, um wirklich etwas machen zu können, bedarf ich an meiner Seite einer klugen, schönen Frau von aristokratischem Aeußern und eben solchen Manieren, die zu repräsentieren versteht und mir die Gimpel ins Garn lockt".

Und eine solche glaubst Du in Fräulein von Kressen zu finden?"

Ja, das glaube ich", antwortete er mit großer Be­stimmtheit,laß sie nur erst unter meiner Leitung sein, so sollst Du Dein Wunder erleben, wie sie sich entfalten wird. Deine Aufgabe ist es, mir je eher, je lieber mein süßes Bräutchen in die Arme zu führen. Du siehst, meine liebe Eugenie, unser Vorteil geht wieder einmal Hand in Hand".

Ich will thun, was in meinen Kräften steht", versprach sie, er entgegnete aber kopfschüttelnd:

Das ist eine bedingte Zusage, teure Eugenie, damit kann ich mich nicht zufriedengestellt erklären. Sage, daß Du es unter allen Umständen thun willst. Du weißt ja, man erreicht alles, was man sich vorgesetzt hat, sofern man nur nicht wählerisch in den Mitteln ist".

Sie machte angstvolle, abwehrende Bewegungen mit den Händen, die er ebenfalls nur durch stumme Gebärden er­widerte. Endlich sagte sie leise:

Es bleibt mir ja keine Wahl. Ich werde Deinen Wünschen gemäß handeln,- Du sollst mit mir zufrieden sein".

Bravo, das ist vernünftig, daran erkenn' ich meine Jugendfreundin wieder!" lachte er beifällig und wollte ihre Hand ergreifen. Sie entzog sie ihm und bat mit weiner­licher Stimme:

Verlaß mich jetzt, Balthasar, ich kann nicht mehr! Ich bin auf das äußerste erschöpft".

Ihr Aussehen bewies, daß sie die Wahrheit sprach. Das Gesicht hatte eine Farbe als sei es mit Asche bestreut, die Augen lagen wie erloschen in ihren Höhlen, die Lippen bebten, alle Glieder schienen schlaff und kraftlos geworden zu sein.

Dr. Corbus stand schweigend, mit untergeschlagenenen Armen der halb ohnmächtig in ihrem Lehnstuhl liegenden Frau gegenüber, rührte sich jedoch nicht von der Stelle. Nach einer langen Pause sagte er mit verstelltem Mitleid:

Wie unendlich bedauere ich, Deinen Wunsch nicht sofort erfüllen zu können, meine teure Eugenie, ich bin jedoch mit den kleinen Anliegen, die ich an Dich habe, noch nicht zu Ende".

Sie stöhnte und wand sich wie unter körperlichen Schmerzen.

Was willst Du noch?"

Das ist in drei Worten gesagt: ich brauche Geld!"

Balthasar!" Sie fuhr wie von einem Schlage getroffen empor, um sogleich wieder in sich zusammenzusinken.

Was erschreckt Dich denn so sehr an dieser einfachen Thatsache?" fragte er mit einer Gelassenheit, welche darauf berechnet schien, die Qualen der unglücklichen Frau noch zu erhöhen.

Ich habe Dir unlängst eine bedeutende Summe gegeben".

Bedeutend!" Er zuckte die Achseln.Das kommt auf die Auffassung an, meine Beste. Mir erschien sie recht be­scheiden, sowohl sür meine Bedürfnisse wie für die Mittel, über welche die Frau Kommerzienrätin Helldorf zu ge­bieten hat".

Sie sind beschränkt, erschöpft!" sagte sie händeringend. Mein Gott, was hast Du in der kurzen Zeit mit dem (Selbe angefangen, das ich Dir gegeben habe?"

Ich habe eine Reise gemacht, und das kostet Geld".

Unmöglich so viel, wie ich Dir gegeben habe".

Du mußt mir schon erlauben, das selbst zu beurteilen", lächelte er mit spöttischer Milde.

Und Du sagtest, es sei das letzte Mal, daß Du meine Kasse in Anspruch nähmest. Die Reise würde Dich in den Stand setzen"

Was sagt man nicht alles, wenn man einen etwas ungefügigen Partner willfährig machen will", unterbrach er fte;übrigens sprach ich damals wirklich im guten Glauben. Ich hoffte, eine große Einnahme zu haben, das Unternehmen ist aber fehlgeschlagen oder hat vielmehr widriger Umstände halber vertagt werden müssen. Statt Summen zu bekommen, mußte ich solche aufwenden, und Du siehst den vermeintlichen Gold- und Diamantenfürsten vom Kap einmal wieder vis-a-vis de rien!"

Wieder trat er vor den zwischen den beiden Fenstern befindlichen mit blauem Sammet drapierten Spiegel und be­schaute sich, als ob er selbst einmal sehen wolle, wie er sich in diesem Gegensätze ausnehme, bann kehrte er zurück, warf sich ihr gegenüber in den Sessel und blickte sie gespannt an.

Das bin ich ebenfalls!" hauchte sie.

Was bist Du?"

Vis-ä-vis de rien!"

Er lachte laut auf.

Es ist mein voller Ernst. Mein Abalbert"

Komme mir boch nicht mit bem Burschen!" fiel er ihr in die Rebe,- er war jetzt nicht mehr ber vornehme Schurke, der bei aller Gemeinheit ber Gesinnung boch noch die Form zu wahren versteht, sondern es kam die Brutalität zum Vor­schein.Der kann mit seinen Forderungen zu seinem Vater gehen".

Er hatte wieder einmal den Wechsel, den Helldorf ihm bewilligt hat, weit überschritten, was wollte ich machen? Ich konnte den armen Jungen doch nicht in der Patsche sitzen lassen?" stöhnte sie.

Warum nicht? Mag er auseffen, was er sich einge­brockt hat!" entgegnete Corbus roh.Daß Du es ein für allemal weißt, ich bin nicht gesonnen, auf den Buben Rücksicht zu nehmen und mir um seinetwillen Beschränkungen aufzu­erlegen".

Balthasar, sei barmherzig!" flehte sie, die gefalteten Hände zu ihm aufhebend.

Er lachte hart auf.Barmherzig! Seltsames Ansinnen an einen Menschen, für den niemand je Mitleid oder Barm­herzigkeit gehabt hat, der, nachdem er mehr als zwanzig Jahre in der Welt umhergehetzt worden ist, als ein Schiff­brüchiger zu seinen Penaten zurückkehrt. Für ihn gilt der Spruch: Äug' um Auge, Zahn um Zahn!"

Aufspringend und mit verschränkten Armen vor ihr stehend, fuhr er fort:Hast Du vergessen, was Du mir damals gelobtest?"

Nein, nein", wimmerte sie.

Ich habe lange Zeit verstreichen lassen, bevor ich ge-