383

(Nachdruck verboten.)

Die kleine Lulu.

Seeroman von Clark Russell.

(Schluß.)

Die Wolken sanken mit der Sonne nieder, und bald war das fleckenlos blaue Himmelsgewölbe mit leuchtenden Sternen bis in die weitesten Fernen übersät.

Der alre Banyard stand am Rade, sein Gesicht war so unbeweglich wie das Schiffsbild. Er steuerte das Schiff mit der ihm eigenen Pedantischen Gewissenhaftigkeit, manchmal auf den Kompaß, manchmal ins Takelwerk blickend.

Ich saß neben der kleinen Lulu auf dem Oberlicht, unsere Hände waren verschlungen. Mitunter legte sie den Kopf an meine Schulter und verriet ihre Liebe und ihr Glück durch ähnliche Zärtlichkeiten. Banyard nahm aber nicht mehr Notiz von uns, als wären wir niet- und nagel­feste Deckutensilien gewesen, wie etwa Jumpen oder Ohr­hölzer.

An der Kajütenthür stand der Koch mit bis über die Ellbogen aufgekrempelten Hemdärmeln, Savings mit ver­schränkten Armen neben ihm. Hardy lehnte sich über die Schanzkleidung. Nur gedämpft erreichte uns das Murmeln ihrer Stimmen.

Der sanfte Wind hielt die Segel voll und ruhig, im Takelwerk war alles still- die See war glatt, und nur ein leises Plätschern bezeichnete die Furche, die unser kupferner Vordersteven in die dunkle Wasserfläche schnitt. Es war wie ein Traum, das Deck entlang zu blicken, nur die Männer dort zu sehen, die tiefe Stille zu empfinden und dann zurück an die Vergangenheit zu denken, mit all den Szenen, die darauf gespielt hatten.

Gedankenvoll auf die kleine, weiße Hand starrend, welche wie eine Schneeflocke in der meinen lag, versank ich in eine Träumerei, aus welcher die kleine Lulu mich weckte, indem sie ihre Lippen an mein Ohr legte und mich fragte:Woran denkst du?"

Ich dachte an Bahport", sagte ich,an ein kleines Gasthaus dort mit einem Balkon, an ein reizendes, kleines Dämchen, welches einst aus jenem Balkon saß".

Meinst du mich?"

Wen sonst, du Schelm?Was für ein armer Mensch war ich damals! keine Seele in der ganzen weiten Welt besaß ich, die sich nur einen Strohhalm darum gekümmert hätte, ob ich kam oder ging, ob ich schiffbrüchig, ertrunken oder ermordet war. Die junge Dame ahnte nicht, mit welcher Bewunderung ich sie betrachtete. Mir gefiel ihr Gesicht, ich war bezaubert von ihren prachtvollen, schönen Augen und dem Ausdruck der Güte, der in denselben lag. Hätte ich die freche Stirn einer Landratte gehabt, würde ich mich ihr aufgedrängt haben, nur um ihre Stimme zu hören, von welcher ich überzeugt war, daß sie mein Herz erwärmen und sympathisch berühren müffe. Wie wenig ahnte ich damals, daß jenes liebliche Mädchen und ich einst Reise­gefährten sein und dieselben großen Gefahren teilen würden, daß es meine Aufgabe sein würde, über sie zu wachen, sie zu beschützen, und daß ich einst an einem herrlichen Abend, im fernen Stillen Ozean, mit ihr auf dem Deck eines kleinen Schiffes sitzen würde, glücklicher als je in meinem ganzen Leben, weil ihre Hand in der meinen ruht und ihre Liebe mir gehört. Das sind meine Gedanken, kleine Lulu".

Und die sind so nett; erzähl' mir noch mehr".

Nein, mein Kind, jetzt bist du an der Reihe,- ich will auch etwas hören".

Dann werde ich dich etwas fragen: wirst du auch meiner nicht überdrüssig sein, ehe wir England erreichen?"

Na, so eine Frage: das zeigt mir, wie wenig du den Charakter eines Seemanns kennst, du Liebling".

Wirklich?" rief sie kokett.Ich weiß aber, daß See­

leute die allerflatterhaftesten Geschöpfe unter der Sonne sind. Denkst du, ich hätte nicht gehört, wie sie immer gesungen haben:Jack hat ein Weib in jedem Hafen?" Und sie find nicht bloß flatterhaft, nein, sie sind auch Meuterer und Mörder. Geh weg! Ich mag dich nicht!"

Sie riß ihre Hände aus den meinen und gab mir einen kecken Stoß- im nächsten Augenblick nestelte sie sich aber schon wieder an mich, und ihr melodisches Gelächter zwitscherte in meinen Ohren.

Dann kam wieder ein plötzlicher Wechsel über sie, der mich immer so ahnungslos traf wie das Umschlagen einer Brise. Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen, schüttelte den Kopf und schluchzte.

Nun kommt wieder der Bruder Lucius", dachte ich- und richtig, so war es auch.

Mein armer, armer Bruder!O Gott!" stöhnte sie.

Nun ja, das war gewiß ein trüber Gedanke, aber wenn er ertrunken war, dann hatte er eben den richtigen Seemannstod gefunden und ruhte in Frieden. Er war von ihr genommen, ja, aber an seine Stelle war ein anderer, zärtlicherer, treuerer, in jeder Beziehung liebreicherer Lebens­gefährte getreten. Und wenn die Leute ihn nicht im Boot angesetzt hätten, würden wir dann hier als glückliches Braut­paar, Hand in Hand sitzen, uns neckend und mit einander kosend?

In dieser Weise etwa suchte ich die plötzlich über sie gekommene trübe Stimmung zu verscheuchen und mit meinen letzten Worten hatte ich auch glücklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ihre Augen guckten traurig über ihre Finger­spitzen hinweg und sie flüsterte:

Nein, er würde mir nie erlaubt haben, dich zu lieben".

Dieser Gedanke schien ihr eine Quelle des Trostes zu sein, denn bald lachte und schwatzte sie wieder.

Soll ich hier mit meiner Geschichte aufhören? Eigentlich meine ich, wenn ich die beiden Liebenden da auf dem Oberlicht betrachte und die stillen Segel, welche sich in die Dunkelheit der Nacht strecken, und die Gestalt am Steuer und das verödete Deck, da könnte ich keinen passenderen Moment wählen, den Vorhang fallen und diekleine Lulu" ruhig in den dichten Nebel segeln zu lassen, welcher die Zukunft verhüllt. Ist denn der Held der Geschichte ver­pflichtet, von seiner Verheiratung zu sprechen, von dem Ort und dem Haus, wo er als glücklicher Gatte lebt, von dem Hausstand und dem Zeugnis, welches seine letzte Köchin ihm ausgestellt hat?

Das sind doch Dinge, die auf der andern Seite des Brautstands liegen und die in meiner Erzählung, deren Faden sich nur um Liebeswerbung, Liebesgeflüster und Küssen im Licht der Sterne dreht, keinen Platz finden sollten. Aber ich will doch noch sagen, daß, wenn auch ich als blutarmer Mann diekleine Lulu" betrat, ich doch aus ihr als ein glücklicher und vielleicht reicherer Mann hervorging, als Deacon mich in seinem Wahnsinn zu machen versprach.

Und dann will ich auch nicht auf hoher See abschließen.

Der Stille Ozean, der berühmt ist wegen seiner ruhigen Wogen und seines herrlichen Klimas, ließ uns nicht im Stich. Das Schicksal hatte seine Tücke verloren und war uns jetzt freundlich gesinnt. Während der ganzen drei Wochen, welche wir brauchten, um Valparaiso zu erreichen, refften wir kein Segel. Ab und zu ein Zug an den Brassen war alles, was wir zu thun hatten, um gute Fahrt zu haben. Und das war ein Segen- denn der Koch war im Takelwerk absolut nicht zu brauchen, er wurde schwindelig und klammerte sich nur stets, ohne etwas zu thun, krampfhaft an. Bet einer ober einem Sturm würde die Brigg nur die Arme von vier Mann gehabt haben, um die Segel zu kürzen, und das wäre vielleicht ihr Untergang gewesen.

Nur einem Schiff begegneten wir während der ganzen Fahrt. Es war ein amerikanischer Walstschfär.zer mit plumpen Booten, die an seinen Seiten hingen wie Säuglinge an der Mutter Brust, und ungeschlacht waren seine runden Backen,