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nur bis zum vergangenen Winter geführt worden, dann hörten die Einträge Plötzlich auf; Seiten waren heraus­gerissen, einzelne Posten dick mit Tinte durchstrtchen und un­leserlich gemacht offenbar absichtlich; der Verstorbene hatte einen Einblick in seine Verhältnisse unmöglich machen wollen.

Sie können mir wohl nicht sagen, Frau Rechtsanwalt, wo Ihr Herr Gemahl hier im Hause sein Geld und seine Bücher aufhob?" fragte Ziel, nachdem er Dorothea in schonender Weise von seiner Entdeckung in Kenntnis gesetzt. Mit merkwürdiger Gelassenheit hatte sie ihm zugehört. Seine Frage verneinte sie; sie wisse es nicht.

Aber Ihr Mann muß doch mit Ihnen darüber ge­sprochen, Ihnen gesagt haben, wo Sie das und jenes zu suchen hätten?" drang er weiter in sie.

Nein, nie. Ich vermute in seinem Schreibtische; aber den durfte ich nicht öffnen; er trug den Schlüssel dazu stets bei sich. Wollen Sie nicht selbst nachsehen?"

Sie standen beide vor den geöffneten Kästen. Dicker Staub bedeckte die Schriftstücke, Privatbriefe, Rechnungen, Notizzettel, lauter belanglose Dinge.

Er erlaubte mir nicht, hier Ordnung zu machen," entschuldigte sie sich.

Das ist ja ganz gleichgültig!" rief er, ärgerlich, daß ihr Geist immer am Nebensächlichen haften blieb.Sie wissen doch ungefähr, wie hoch sich seine Einkünfte in der letzten Zeit beliefen?" forschte er dann weiter.

Er sprach nie mit mir darüber."

Ziel machte eine heftige Bewegung.Aber mein Gott! dafür interessiert man sich doch!"

Sie schlug ihre Madonnenaugen zu ihm auf wie ein hilfloses, ahnungsloses Kind.Er wünschte nicht, daß ich mich um Geldsachen kümmere," murmelte sie.

Sie haben also auch nie bemerkt, daß er in dieser Beziehung Sorgen hätte? Er klagte nicht über zuviel Ausgaben?"

Doch. Zuweilen war er ärgerlich und jammerte, das Leben werde immer teurer; der Haushalt koste soviel, und die Kinder"

Und dann?'

DaS war alles."

Ich meine, was sagten Sie dazu?"

Ich? Nichts. Ich konnte es doch nicht ändern. Ich war stets sparsam wirklich. Aber je älter die Kinder werden, umsomehr brauchen sie. Das ist doch natürlich."

Aber zum Kuckuck!" begann Ziel. Die Geduld riß ihm. Hatte denn diese Frau in ihrer Indolenz wie ein großes Kind neben ihrem Manne htngelebt, ohne teilzunehmen an seinen Sorgen? Oder und dieser Gedanke kam ihm plötzlich und ließ ihn mitten in seinem Fluche abbrechen hatte Andree sie absichtlich im unklaren erhalten, um nicht in die Lage zu kommen, Rechenschaft über Ausgaben ablegen zu müssen, die er vor ihr g!hetm zu halten wünschte? Er hatte deren gehabt, das wußte Ziel nur zu gut, aus früheren Jahren besonders. Er wußte auch, daß Andree stets unverhältnismäßig viel für seine eigene Person ge­braucht hatte, ganz abgesehen von gelegentlichen kostbaren Geschenken, von denen Frau Dorothea nichts erfahren durfte. Als Junggeselle mit sehr weitherzigen Anschauungen hatte er das seinerzeit nicht streng beurteilt. Jetzt zum erstenmale, während er in Dorotheas reines Antlitz blickte, kam es ihm zum Bewußtsein, welches schwere Unrecht diesem Weibe damit zugefügt worden war. Verlegen rieb er sich die Stirn. Ich ich meine nur, was soll denn nun eigentlich werden?"

Ja, was soll denn nun eigentlich werden?" wiederholte Dorothea langsam.

Dann blickte sie stumm vor sich nieder, die Hände im Schoße verschränkt. Keine Muskel in dem schönen, ernsten

Gesichte zuckte; sie war ganz ruhig. Ja, hatte sie denn gar keine Ahnung von der Tragweite dessen, was er ihr soeben er­öffnet hatte? Die wärmere Teilnahme, die er noch eben sür sie empfunden, erkaltete schon wieder. War sie denn wirklich so beschränkt, wie ihre Freundinnen behaupteten, ein Kind an Verstand? Und hätte nicht selbst ein Kind verstehen müssen, um was es sich handelte?"

Aber mein Gott!" rief er endlich ungeduldig, »können Sie sich denn überhaupt vorstellen, was das heißt, ohne einen Pfennig dazustehen mit fünf unerzogenen Kindern, selbst für alles zu sorgen, alles zu verdienen" Er hielt inne, erschrocken über seine Grausamkeit. »Ich meine," lenkte er ein,haben Sie nicht irgend welche Verwandte, an die Sie sich wenden könnten?"

Sie schüttelte den Kopf.Niemand. Ich habe nur einen Onkel, aber wir kennen uns kaum."

Selbstverständlich," begann er wieder etwas verlegen, ich bin bereit, Ihnen, soviel ich es vermag, beizustehen. Aber das genügt doch nicht. Irgend etwas muß geschehen.

Sie hob mit flehender Bitte die Augen zu ihm auf. Lassen Sie mir Zeit, Herr Rechtsanwalt, ein paar Tage nur. Es ist zuviel auf einmal. Und sehen Sie, der Tod meines Mannes ist ein so furchtbarer Schlag für mich, daß mir alles andere daneben klein und nebensächlich erscheint. Nur ein paar Tage," bat sie noch einmal,dann wird Gott uns Rat und Hilfe senden. Glauben Sie nicht auch?"

Ja, ja," murmelte er hastig.Also auf später!"

Er hatte jetzt nicht Zeit für zweckloses Reden übrig, und ein paar Tage konnte er der Armen wohl noch Frist gönnen.

Im Garten standen die beiden ältesten Geschwister im eifrigen Gespräche.

Herr Rechtsanwalt!" rief ihm Leonhard nach.Einen Augenblick! Wir möchten Sie gern etwas fragen."

Nun?" er mäßigte kaum seine Schritte.

Nicht wahr, die Leute, die anderen etwas nachreden, was nicht wahr ist, kann man verklagen?"

Natürlich."

Wir könnten also," fuhr dieser fort,diejenigen, welche über unseren verstorbenen Vater Böses sprechen, verklagen?"

Wieso? Wer wer würde denn? Ich begreife nicht" meinte Ziel etwas unsicher, doch Martha fiel ihm ungeduldig ins Wort:

Können wir das, oder können wir das nicht?"

Gewiß. Aber man thut es nicht. Es kommt nichts dabei heraus. Es ist am besten, man läßt die Leute reden. Sie hören dann schließlich von selbst wieder auf."

Mißmutig über diese Auskunft, die ihren Erwartungen nicht entsprach, warf Martha den Kopf in den Nacken. So," bemerkte sie etwas scharf.Das ist Ansichtssache." Nein, liebes Kind, Erfahrung," antwortete der Rechts­anwalt gutmütig.Ich weiß übrigens gar nicht, was Sie im Sinne haben. Wir kommen später einmal darauf zurück."

Damit lüftete er seinen Hut und wollte sich entfernen. Aber noch einmal wurde er aufgehalten. Elschen war es. Sie zupfte verlegen an ihrer Schürze und senkte die blauen Augen, ans denen sie eben die Thränen gewaschen hatte.

Ist es denn wahr, Herr Rechtsanwalt? Sind wir ganz, ganz arm?"

Er suchte sie mit ein paar nichtssagenden Worten zu trösten; doch sie durchschaute seine Ansicht. Die Thränen traten ihr wieder in die Augen.

Ganz arm," flüsterte sie.Werden wir uns kein Dienstmädchen mehr halten können?"

Er mußte lächeln, so wenig heiter ihm zu Mute war. Das Backfischchen allein faßte den Ernst der Lage praktisch auf.

(Fortsetzung folgt.)