(Nachdruck verboten.)
Die Sünden der Väter.
Roman von Osterloh.
(Fortsetzung.)
V.
Die Frage nach dem Beweggründe der unseligen That, die sich allen Beteiligten aufdrängte, sollte bald gelöst werden; eine Lösung freilich, die ihrerseits wieder eine Reihe neuer Rätsel nach sich zog. Die Möglichkeit, daß Geldsorgen dabei im Spiele gewesen wären, erschien ausgeschlossen. Die Rechtsanwälte Andree und Ziel zählten zu den geachtetsten und gesuchtesten der Stadt. Ihre Thätigkeit war vorzugsweise administrativer Natur. Sie verwalteten Häuser, sie setzten Testamente auf, sie protestierten Wechsel und standen den großen Handelsfirmen mit ihrem Rate bei. Das letztere war hauptsächlich Ziels Bereich, während Andree zunächst durch seine distinguierten Umgangsformen besonders bet der Aristokratie beliebt war, der er in schwierigen Erbschaftsangelegenheiten und bei der Entwirrung komplizierter Testamentsbestimmungen zur Seite stand. So hatte zwar jeder von ihnen seinen eigenen Stamm von Klienten, der mehr zu dem einen oder zu dem anderen hielt - die Geschäfte selbst wurden aber gemeinschaftlich geführt, und auch der Gewinn ward nach festgeregelten Sätzen zwischen den beiden verteilt. Andree hatte von Haus aus etwas Privatvermögen gehabt, während Ziel sozusagen mit nichts angefangen hatte- ja, man erzählte sich sogar, daß dieser als junger Anfänger mit viel Ansprüchen und wenig Einnahmen sich in einer recht mißlichen Lage befunden habe, als ihn der um einige Jahre ältere Andree in die Firma ausgenommen und ihm zu einer gesicherten Existenz verhalfen habe. Ziel war dann mit der Zeit ein reicher Mann geworden, der sich als Junggeselle ohne Skrupel alle seine kleinen und großen Passionen erlauben konnte. Seine Wohnung war luxuriös eingerichtet, sein Keller und seine Küche waren berühmt- er galt als
1899.
HB
NW»
rag' du mit Freuden deine Last, - Und laß dich nichts verdrießen;
Was du mit Gott begonnen hast, Kannst du mit Gott beschließen.
Friedr. Wilh. Weber.
hervorragender Feinschmecker, und daß er kein Weiberfeind war, wußte die Stadt. Es gab kaum eine junge Sängerin oder eine hübsche Tänzerin, die er nicht kannte und protegierte oder protegiert. hatte, denn seine Verehrung pflegte nicht von langer Dauer zu sein. — Beständiger war er in der Freundschaft. Alle seine Bekannten wußten, daß Ziel ein Mann sei, auf den man sich verlassen könnte. Seinem Herzen am nächsten stand Andree. Und selbst die kühle Zurückhaltung Frau Dorotheas, die nach der Art strenge denkender Frauen eine tief gewurzelte Abneigung gegen Junggesellen mit leichtfertiger Lebensauffassung hatte, vermochte nicht das Freund- schaflsband zu lockern. Sie wußte zu verhindern, daß Ziel in ihrem eigenen Hause zu heimisch werde. Sie behandelte ihn mit immer gleicher Höflichkeit, aber ohne Herzlichkeit, nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft noch nicht viel anders, als am Tage, wo er ihr vorgestellt worden war. Sie verbot ihren Kindern, ihn Onkel zu nennen, wie er es gewünscht hätte: sie möge eine derartige Intimität unter Leuten, die nicht blutsverwandt seien, nicht leiden. Er faßte das nicht als persönliche Zurücksetzung auf. Dorothea war eben eine kalte Natur: sie hatte nicht eine einzige Freundin, in ihrem ganzen Bekanntenkreise nicht einen Menschen, der sich rühmen durfte, ihr näher zu stehen. Er hatte daher ohne alle Empfindelet Andree das Versprechen gegeben, im Falle seines Todes der Vormund seiner Familie zu werden. Schon vor Jahren halb im Scherze hatte er ihn darum gebeten- in den letzten Monaten war er wiederholt darauf zurückgekommen mit einer gewissen Dringlichkeit, die Ziel damals gar nichts beachtet hatte, die ihm aber jetzt wieder eingefallen war. Die ganze Sache war ihm einfach selbstverständlich erschienen, und er glaubte auch nicht, eine besonders schwierige Verpflichtung damit übernommen zu haben. War er doch in Andrees Verhältnisse eingeweiht, wußte, bei welcher Bank Andree seine Geschäfte zu machen, in welcher Kassette er seine Papiere aufzubewahren pflege- auch ein Testament hatte Andree an Gerichtsstelle niedergelegt.
Nun war der Augenblick gekommen, wo Ziel sein Versprechen cinlösen mußte- und mit grenzenloser Bestürzung nahm er wahr, daß die Verhältnisse ganz anders lagen, als er angenommen hatte. Die Kassette war leer- in der Bank bestätigte man auf Befragen, daß Andree in den letzten Jahren wiederholt große Posten Papiere verkauft habe, ohne andere dafür zu erwerben. Das Testament war zurückgenommen worden. Eine Uebersicht über seine Buchführung ließ sich nicht gewinnen. Das einzige Buch, in dem sich Einnahmen und Ausgaben niedergeschrieben vorfanden, war


