259
auch mit rauhen, schmutzbedeckten Händen und teerbefleckten Hosen in der Welt herumlausen? Du, mein Gott, ich habe schon klügere Männer, als ich einer bin, vor dem Mast getroffen, Kerle mit reicher poetischer Empfindung, die es prächtig verstanden, ihre Gedanken wohlgeformt zum Ausdruck zu bringen und genug Gelehrsamkeit besaßen, einen Lehrstuhl der Ethik auf einer Universität einnehmen zu können."
Nach diesen Worten versank er in ein stilles, finsteres Brüten.
„Kannst du ein Geheimnis hüten?" fragte er plötzlich. „Nanu?"
„Ich spreche im Ernst."
„Großer Gott, da kann einem ja ganz gruselig werden, deine Stimme klingt ja wie die eines malayischen Papageis. Was hast du denn nur wieder? Na, schieß doch los."
Es vergingen einige Augenblicke, ehe er begann- dann aber flüsterte er mit ungewöhnlichem Ernst:
„Wenn ich dir das Geheimnis meines Lebens verrate, schwöre mir auf dein Wort als Tischmaat, daß du unverbrüchliches Schweigen darüber bewahren willst."
(Fortsetzung folgt.)
Strohindustrie.
Von Fred Hood.
------- (Nachdruck verboten.)
Die Kunst des Flechtens von Nutz- und Ziergegenständen auS natürlichen Faserstoffen, insbesondere aber aus den mannigfachen von den Pflanzen dargebotenen Ruten, Rohren, Wurzeln und Halmen ist eigentlich keinem Naturvolke fremd; ja einige völlig kulturlose Völker haben es sogar zu einer bewunderungswürdigen Fertigkeit in dieser Kunst gebracht. So findet man z. B. die Hütten der Kaffernhäuptlinge mit recht kunstreich geflochtenen Matten ausgelegt, und ihre aus Binsen gefertigten Wassereimer sind so dicht geflochten, daß kaum ein Tropfen hindurchzudringen vermag. Andere Naturvölker, insbesondere deren Frauen, verstehen es auch, kunstvolle Kameel- und Renntierdecken, sowie alle möglichen Gefäß- formen aus Flechtwerk zu fertigen.
Das Hauptmaterial unserer heimischen Flechtindustrie bilden die Weidenruten und das spanische Rohr, aber zu den schönsten Flechtarbeiten, die zum Teil recht hoch im Preise stehen, findet gerade ein Material Verwendung, das sich sonst keiner besonderen Wertschätzung erfreut. (Pflegt man doch unter einem Strohkopf nichts besseres als einen Hohlkopf zu verstehen). Indessen ist das Stroh gar ein gefügiges, bildsames Material, das in der Technik eine weit umfangreichere Verwendung findet, als viele glauben mögen.
Die Kunst des Strohflechtens ist heute noch eine unbestrittene Domäne der Frauenwelt, denn noch hat keine Maschine versucht, mit den flinken, fleißigen und kunstfertigen Fingern der Flechterinnen zu konkurrieren. In der Kunst des Klöppelns, Stickens, Webens mußten die Frauen im Wettstreit mit den Maschinen, die von Jahr zu Jahr immer mehr vervollkommnet wurden, unterliegen, während die Strohflechterinnen von diesen bösen Konkurrenten verschont blieben. So ist es erklärlich, daß in vielen Fabrikationsgegenden die arbeitenden Frauen zur Flechterei übergingen und hier ein besseres Brot fanden als zuvor.
Für Gewebe und Flechtarbeiten findet ausschließlich Weizen- und Roggenstroh Verwendung- die Halme werden vor der Reife abgeschnitten, an der Sonne bezw. durch Schwefel oder Chlor gebleicht und je nach ihrer Stärke für die Verarbeitung sortiert.
Das beste, vollkommenste Strohgeflecht liefert Italien, deffen Boden besonders geschmeidige Halme erzeugt. Man baut hier für diese Zwecke eine besondere Abart des Sommerweizens, die ein sehr feines, elastisches Stroh, „Marzolano" genannt, liefert. Das kleine Toscana, das auch jetzt noch
auf größeren Ausstellungen mit seinen geflochtenen Hüten, Körben- und Arbeitstaschen glänzt, bildete den Stammsitz dieser Industrie, welche sich von hier aus über alle industriellen Länder verbreitete.
Man legt in Italien die Weizenfelder, welche der Industrie das Rohmaterial liefern, am liebsten auf Berg- und Hügelland an und meidet den schweren Boden. Man verfährt hier mit einigem Raffinement und säet sehr eng, um viele und recht schlanke Halme zu erhalten. Im Juni werden diese mit der Wurzel einzeln aus dem Boden geriffen, drei bis vier Tage sich selbst überwssen, um eine größere Zähigkeit zu erhalten, und nach Entfernung der fleckigen Halme in dünnen Bündeln von etwa 60 Gramm Gewicht zusammengebunden. Um sie bis zu einem Grade zu bleichen, werden diese Bündel etwa drei Wochen lang der Sonne und dem Tau ausgesetzt, aber sorgfältig vor Regen bewahrt. Ist dann die Zeit der Ernte herangekommen, so finden sich die Fabrikanten und Händler ein, um das Material zu mustern, zu prüfen und einzukaufen, was ihnen gut und wohlfeil erscheint. Der Preis von 100 Büscheln (Menata) schwankt zwischen 5 und 9 Frank.
In anderen Strohindustrie treibenden Ländern wählte man sich das italienische Verfahren des Strohanbaues und der Verarbeitung zum Vorbild, ohne jedoch gleiche Erfolge zu erringen. Es fehlte die italienische Sonne, um ein gleich feines Material zu gewinnen, und an die Stelle der wirkungsvollen Naturbleiche muß in der Regel die künstliche Bleiche treten.
Das Sortieren der Halme geschieht in neuerer Zeit häufig durch Maschinen. Die Halme werden in größeren Bündeln vertikal in Chlinder eingestellt, deren bewegliche Bodenplatten, den verschiedenen Halmenstärken entsprechend, perforiert sind. Durch einen geeigneten Mechanismus wird dann das ganze Plattenshstem in eine schüttelnde Bewegung versetzt, so daß die Halme, deren Stärke der Perforierung entspricht, hindurchfallen. Hierauf erfolgt noch eine weitere Sortierung der Halme nach deren Länge. Das Fußstück der Halme, welches auf dem Felde der unmittelbaren Einwirkung der Sonne entzogen ist, findet für Flechtarbeiten keine Verwendung und wird von dem oberen Teil getrennt. Der Halm nimmt nach der Aehre hin an Festigkeit und Elastizität zu, und das feinste Geflecht liefert die Spitze. Man pflegt daher die besseren künstlerischen Arbeiten auch als „Punta- geflecht" zu bezeichnen.
Zu manchen Flechtwerken können die Halme ungeteilt verarbeitet werden- die Streifen werden also flach gepreßt und geglättet. Andere Geflechte bedingen die Zerlegung der Halme in vier, sechs und mehr Streifen, je nach der Feinheit der Arbeit. Aber weit mehr noch als durch diese Unterschiede in den Feinheitsgraden wird durch die Art der Verflechtung eins große Mannigfaltigkeit der Erzeugnisse erzielt, und es sind vorzüglich die toscanischen Mädchen, denen die Industrie die mannigfachsten reizvollen Muster verdankt.
Das Zusammennähen der einzelnen Strohbänder zu Hüten erfolgt derart, daß die Fäden abwechselnd unter den Halmen des einen Bandes, dann wieder unter denen des anstoßenden zweiten Bandes hindurchgezogen werden, so daß der Faden nie sichtbar wird. Die Arbeit erfordert die besondere Aufmerksamkeit und die Sorgfalt der weiblichen Hand. Aber schließlich verlangt doch das Pressen und Bügeln männliche Kraft. Das für diese Arbeiten gebräuchliche Bügeleisen ist groß und schwer. Es hängt vor dem Arbeitstisch an einer beweglichen Stange, die an der Werkstattdecke befestigt ist. Und während die eine Hand des Arbeiters das Bügeleisen bewegt, muß die andere den über die hölzerne Form gespannten Hut drehen und wenden, wie es die Bewegung des Bügeleisens verlangt. Wohlfeilen Hüten giebt man durch dieses Verfahren in der Regel schon die endgültige Form, während andere, insbesondere die sehr vielgestaltigen Frauenhüte, noch „dressiert" werden müssen. Diesem Zwecke dient die sogenannte Dressiermaschine, deren Aufgabe es ist, den


