Ausgabe 
9.5.1899
 
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und wenn man eine Wante oder Pardune angesaßt hatte, waren die Hände schwarz von Teer. In diesen Breiten empfindet man den Mangel des Dampfes. Man kann sich nichts Ermüdenderes vorstellen als die weite Fläche der See, auf welcher der blendende Sonnenschein liegt und die schwachen Wogen träge unter der Wölbung des kupfer­farbenen Himmels dahinschleichen. Ohne jede Unterbrechung sieht das Auge auf den unendlich weiten, öden Horizont, nur hin und wieder erscheint der Schatten einer Brise, welche aber schon während des Versuches, das Schiff zu er­reichen, wieder erstirbt.

Die Kajüte wurde durch ein Windsegel und das Be­gießen des Decks mit Wasser kühl erhalten, tut Vorderkastell aber herrschte eine Glut, wie sie selbst ein Hindu nicht er­tragen hätte. Infolgedessen lebten wir beinahe ganz und gar auf Deck. Wir lagen im Schatten des Focksegels oder des Langbootes oder dicht an der Schanzkleidung, und verzehrten auch unsere Mahlzeiten an diesen Stellen.

Es war mir in den letzten Tagen ausgefallen, daß Deacon noch mehr wie sonst in seine ewige Zeichnung ver­tieft war. Mehrmals hatte ich bemerkt, daß er mich mit nachdenklichem Ausdruck ansah, sein Auge aber sogleich ab­wandte, wenn ich ihn anblickte. Ich hatte bisher einer Sache nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt, die mir wie eine Art krankhafter Einbildung erschien,- als ich ihn aber fortgesetzt so unaufhörlich seine Zeichnung entwerfen und darüber grübeln sah, begann ich mich zu fragen, ob am Ende wirk­lich etwas daran sein könnte, rief mir die Umrisse in die Erinnerung zurück und dachte über ihre Bedeutung nach. Mitunter war ich geneigt, zu glauben, um mit Liverpool- Sam zu sprechen, daß es ein Stück Geographie sei) ob es aber eine fremde Küftenlinte darstellte, ein bisher noch un­entdecktes Land oder eine im Entstehen begriffene Korallen- Jnsel, darüber konnte ich nicht mit mir einig werden. Meine Neugier wurde jedoch in Schranken gehalten durch seine augenscheinliche Abneigung, mich oder sonst einen von uns ins Vertrauen zu ziehen. Ich betrachtete ihn daher im allgemeinen wie die anderen es thaten, als einen wunder­lichen Heiligen,- manchmal indessen dachte ich auch wieder, daß seinem Grübeln, Flüstern und Lesen doch etwas zu Grunde liegen müsse, was, wenn ich es herausbekommen hätte, mir eine andere Meinung über ihn geben würde.

Es war am Abend nach jenem Streich, welcher Banyard gespielt worden war/ ich lag auf Deck, eine Taurolle unter meinem Kopf, und blickte auf die weißen Segel, welche sich im Winde blähten, und auf die Reuls, die bei dem prächtigen Glanz der wunderbar leuchtenden tropischen Sterne wie kleine Wolken aussahen.

Die Stille der Segel wirkte wohlthuend, nachdem die Leinwand den ganzen Tag über an die Masten geschlappt hatte und wir der Windstille auf dieser Seite des Aequators schon herzlich überdrüssig geworden waren. Ein köstlicher Luftzug traf mich vom Fuß des Vordersegels aus, ich lag behaglich wie ein König und blies weiße Rauchwölkchen vor mich hin. Meine Gedanken waren ich konnte es nicht ändern bei Luise Franklin. Wenn der Schiffer die Leute fortwährend so schlecht behandelte, schimpfte und quälte, dachte er nie daran, daß er seine Schwester an Bord hatte? Diesen Morgen war es beinahe zu Verbrechen und Blut­vergießen gekommen, und wenn die gereizte Mannschaft wirklich einmal dem Kapitän und seinen beiden Maats in vollem Ernst gegenüber trat, wie würde es dann dem Mädchen ergehen? Vieser Gedanke plagte mich. Das ent­blößte Messer in Welchhs Hand und das meuterische Feuer in den Augen der anderen standen mit erschreckender Deut­lichkeit vor meiner Seele.

Ein Mann kam aus der Vorderluke, blieb stehen und sah sich um. Leute aus beiden Wachen lagen ebenso wie ich da und dort, einige standen auch an der Thür des Deck­hauses und sprachen leise mit dem Koch. Das Oberlicht hinten war wett offen und ein Windsegel hing darüber.

Es war gerade genug Seegang, daß man den Mann am Steuer, bald um seine eigene Länge gehoben, bald ebenso tief verschwinden sehen konnte. Ein Stern hielt sich aber treu auf seiner linken Seite, ein Zeichen, daß die Brigg gut steuerte und einen ruhigen Kurs segelte.

Der Mann aus dem Vorderkastell trat zu mir.

Eingeschlafen, Maat?"

Nein, ich studiere Astronomie in der Stellung, wie sie die Holländer empfehlen."

Na, dann störe ich ja wohl nicht," sagte Deacon, denn er war es, und setzte sich neben meinen Kopf mit unter­gezogenen Beinen hin, wie ein Schneider.In der Luke ist es rein zum Ersticken," fuhr er fort, indem er seine Pfeife anzündete.Unter der Ladung sollen sich ja auch Patronen befinden/ ich würde mich meiner Seele nicht wundern, wenn die bei der Gluthitze einmal losknallten wie Champagner- Pfropfen. Uebrigens, da wir gerade von Patronen sprechen, weißt du, ich will verdammt sein, wenn es zu keiner Meuteret kommt, falls der Schiffer und der Maat uns nicht bald bessrr behandeln. Der Schöne ließ da diesen Nachmittag einige Redensarten fallen, die ganz eigentümliche Blicke bet Welchy, Suds, Sam und den anderen hervorriefen, vielleicht auch bei mir, was weiß ich, so daß ich mich an des Kapitäns Stelle, weiß Gott, nicht behaglich fühlen würde. Wer kann aber auch diesen Seehund, diesen Maat, ertragen? Hat der All­mächtige uns zu seinem Ebenbild geschaffen, um uns von so einem mißgestalteten Scheusal fortwährend verfluchen und niederträchtig behandeln zu lassen? Sollen wir demütig ge­beugten Hauptes vor diesem schielenden Ungeheuer stehen, als wollten wir sagen: schlagt nur zu, gnädiger Herr, tretet, stoßt, schimpft, ich bin ja nicht wert, euer schönes Angesicht zu schauen? Ich sage dir, Jack, das nimmt kein gut Ende."

Du hast nicht unrecht/ die Art dieses erbärmlichen Burschen kann zu allem treiben/ aber ich hoffe doch, so lange ich an Bord bin, soll es zu keiner Meuteret kommen. Nie­mals kommt beim meutern etwas Gutes heraus. Der See­mann, der sich seinem Kommandeur widersetzt, handelt gegen das Gesetz, verfällt demselben, und hat nur die Wahl, ent­weder Seeräuber zu werden, oder sich als Gefangener dem Spruch des Richters zu unterwerfen. Wenn unsere Rechte uns versagt werden, wollen wir kräftig, mit allen gesetzlichen Mitteln darauf bestehen, dazu bin ich ganz der Mann, aber bei einer Meuterei, mit geschwungenen Messern, Mord und Totschlag wirst du mich nicht finden. Ihr könnt Männern wie dem Kapitän und dem Maat keinen größeren Gefallen thun, als daß ihr euch ins Unrecht setzt."

Du hast ganz recht/ ich sage auch; kein Blutvergießen/ aber ich frage, wo nimmt ein Mensch das Recht her, die Geduld eines anderen Menschen bis zur Unerträglichkeit auf die Probe zu stellen? Das ist immer gewagt, besonders aber bei rohen Elementen, also bei solchen, aus welchen zu­meist die Mannschaft eines Kauffahrers besteht. Fast immer sind dies unwissende, undisziplinierte Leute, Leute, die keine heimatlichen Beziehungen haben, welche ihnen einen Halt geben könnten, Burschen, die gleichgültig und sorglos in die Zukunft sehen, nur von einem Tag zum anderen leben, solche Menschen wollen mit fester Hand, gleichzeitig aber auch mit Gerechtigkeit und Wohlwollen regiert sein. Eine solche Behandlung werden sie stets mit Treue und einer Anhänglichkeit danken, gleich der eines Hundes, der auch nach erfolgter Züchtigung seinem Herrn die Stiefeln leckt. Un­bekümmert um den folgenden Tag sind sie, und das ist die Eigenschaft, welche der Schiffer an ihnen fürchten sollte, sie handeln ohne Ueberlegung, ändern sich im Handumdrehen, und denken erst nach, wenn die That geschehen ist und sie erschreckt sich untereinander fragen: was nun, Maats."

Hol mich der Teufel, wenn ich jetzt nicht glaube, daß du ein verkappter Schulmeister bist. Wo hast du so gut sprechen gelernt, Kerl?"

Pah, was du sagst! Kann ein gescheuter Kopf nicht