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Nachdruck verboten.
Die Armenhausprinzesstn.
Roman von O. Elster.
(Fortsetzung.)
XVI.
Der Tag des Konzertes war gekommen. Elfte hatte ihre Ruhe und Selbstbeherrschung wiedergewonnen. In Begleitung Klaras begab sie sich nach dem Stadthause, in dessen großem, altertümlichen Saale die Musikaufführung stattfand. Die große Freitreppe, der Balkon und der Flur des aus dem Mittelalter stammenden Gebäudes war mit Guirlanden aus Tannenzweigen bekränzt. Auf dem Marktplatz hatte man «ine Ehrenpforte errichtet, um hier den Landesherrn feierlich zu begrüßen. Auf der Zinne des Stadthauses wehten die Banner des deutschen Reiches und des Herzogtums und mit Fahnen und Guirlanden, Wappen und alten Rüstungen war der große Saal festlich ausgestattet. In der Mitte vor dem Podium für die Sänger und Sängerinnen war für den Fürsten und dessen unmittelbare Begleitung ein etwas erhöhter Sitz errichtet,- an denselben schlossen sich die Sitzreihen für die übrigen Zuhörer.
Eine zahlreiche Menschenmenge wogte auf dem Marktplatz auf und ab,- die Häuser waren reich beflaggt und mit Guirlanden geziert- in den Fenstern, auf den Dächern sogar standen und saßen die Menschen, um den Fürsten willkommen zu heißen. Viele von ihnen hatten den Landsherrn überhaupt noch nicht gesehen- weilte der Herzog doch oft Monate lang außerhalb des Landes, in dessen Residenz er nur im Winter einige Zett zuzubringen pflegte. Es war, als triebe ihn ein schmerzlicher Gedanke stets wieder fort aus der Heimat, als ließe es ihm keine Ruhe daheim, als suche er in dem Gewühl der großen Welt Zerstreuung und Ablenkung.
Und doch hing das Volk mit rührender Liebe und Treue an seinem Fürsten, dem Sohn des Geschlechtes, das seit fast einem Jahrtausend über dem kleinen Ländchen in bösen und guten Zeiten geherrscht hatte. Aber der Fürst schien sich in den letzten Jahren mehr und mehr von seinem Volke zurückzuziehen- er vermied es, in des Volkes Mitte zu erscheinen.
Wenn er auf dem alten Schloß seiner Väter weilte, verließ er kaum das graue, finstere Gemäuer- selbst die Kunst, das Theater schien für ihn das Interesse verloren zu haben, und während früher in der Wintersaison ein frohes Fest dem andern folgte, zu dem auch die Bürger der Residenz Zutritt hatten, blieb es jetzt still und einsam in den Festräumen des Schlosses, und nur einzelne steife, offizielle Empfänge und Galatafeln für die unmittelbare Hofgesellschaft fanden statt. Man wußte sich diese Zurückhaltung des Fürsten im Volke nicht zu erklären- man flüsterte von einer unglücklichen Neigung des Fürsten, der sich unüberwindliche Hindernisse' in den Weg stellten, man bedauerte, daß er sich nicht vermählte, um dem Lande und feiner eigenen Familie die Thronfolge zu sichern; aber wenn auch die Wünsche des Volkes hier und da an das Ohr des Fürsten gelangten, Lieser schien sie zu überhören und zu mißachten. Um so freudiger erstaunt war man, daß der Fürst Plötzlich ein reges Interesse für daS große Unglück der Ueberschwemmung in Benneckenstein zeigte und durch seine Gegenwart die Aufführung zu Gunsten der Ueberschwemmten zu einem wahrhaften Landesfest gestalten wollte.
Auf dem Podium der Künstler, in den Garderoben und in dem Saale herrschte schon lange vor dem Eintreffen des Herzogs eine fieberhafte Aufregung. Der Herr Bürgermeister und Hauptmann a. D. schien den Kopf vollständig verloren zu haben- er träumte schon von dem Orden und -er landesväterlichen Anerkennung, welche ihm dieses Fest einbringen sollte. Er lief hin und her: bald war er auf -em Podium bei den Künstlern, bald bet der Ehrenpforte auf dem Marktplatz- bald im Saale und bald auf der Zinne
des Rathauses, wo ein Posten aufgestellt war, welcher die Ankunft des Fürsten melden sollte. Die Erregung des Oberhauptes der Stadt teilte sich der Bürgerschaft mit, und es herrschte in den Straßen, auf den Plätzen ein Gewoge, ein Gedränge, welches oft für die Teilnehmer lebensgefährlich zu werden drohte. Der Rats- und Gemeindediener Ritterbusch schalt und suchte vergebens Ordnung zu schaffen. Aber sobald er an einem Platze die Ruhe und Ordnung hergestellt, rottete sich die Menge an einem andern Orte zusammen und spektakelte und lärmte von neuem. Besonders der invalide Waldarbeiter Brendicke und die Korbflechterfamilte Pannkuchen thaten sich in patriotischem Eifer hervor. Sie waren überall und nirgends zu finden- empfingen jede Equipage mit betäubendem Hurrah und begrüßten jede Uniform mit lautem Halloh, sodaß der Ratsdiener Ritterbusch mehrere Male in Versuchung kam, die übereifrigen Patrioten in das sichere Gewahrsam des städtischen Gefängnisses abzuführen.
An der Ehrenpforte nahmen die Schulen, der Kirchenvorstand, der Magistrat und die weißgekleideten Ehrenjungfrauen Aufstellung. In den Straßen bildeten der Kriegerverein, die Schützengilde und die Feuerwehr Spalier und an dem Kreuzungspunkt der großen Heerstraße und der Straße nach der nächsten Bahnstation hielten zwei berittene Gendarmen, welche die Annäherung des Fürsten melden sollten.
Es war in der That ein großartiges Fest, und der Bürgermeister und Hauptmann a. D. verdiente ohne Zweifel das Ritterkreuz zweiter Klaffe mit Eichenlaub, darauf schon lange Zeit seine Sehnsucht gerichtet war.
Elfte stand auf dem Altan des Rathauses und blickte mit ernstem Lächeln auf das Treiben der Menge hinab. Aeußerlich von einer hoheitsvollen Ruhe, wurde ihre Seele doch von mannigfachen Empfindungen bestürmt. Ein edler Stolz erhob ihr Herz, wenn sie die Stimme des Volkes aufjubeln hörte zur Ehre dessen, an dessen Brust sie eine kurze selige Minute geruht. Eine leise Wehmut schlich sich in ihre Seele, wenn sie jener Stunde gedachte, und ein Gefühl der Scham überkam sie, wenn sie ihres thörichten Ehrgeizes sich erinnerte. Wie vermochte nur ihr Herz so thöricht zu träumen! So thöricht zu hoffen! Und doch — sie hätte die Glückseligkeit jenes kurzen Augenblickes nicht missen mögen! Sie gedachte jener Stunde mit dem glücklich-wehmütigen Gefühl, mit dem man sich des Märchenzaubers der Kindheit, der Jugend, erinnert.
Die Böller krachten, die Glocken läuteten, die Menge schrie Hurrah, die Fahnen flatterten im lauen Sommerwinde, die Gendarmen sprengten wie toll die Straße entlang - „Der Herzog kommt!" und der Bürgermeister und Hauptmann a. D. trocknete sich den perlenden Sckweiß von der Stirn und memorierte noch einmal im Stillen seine Begrüßungsrede an den Landesvater.
Elsie trat in das Rathaus zurück. Besorgt schaute Klara zu der Freundin auf, deren Antlitz von tiefer Blässe seelischer Erregung überzogen wurde.
„Bleib' nur auf dem Altan und sieh Dir den Empfang des Herzogs an, liebe Klara", bat Elsie.
„Und Du?"
„Ich gehe in die Garderobe — ich — ich muß ruhiger werden!"
Rasch schritt sie davon, umbraust von dem Jubel des Volkes, von dem Krachen der Böller und den eherneu Melodien der Glocken.
Die herzoglichen Equipagen nahten. In dem ersten vierspännig a la Daumont gefahrenen offenen Landauer der Herzog mit Sr. Excellenz dem Hofthearer-Jntendanten Freiherrn von Hannecken, in dem zweiten Wagen mehrere Adjutanten, unter ihnen der zum Major avancierte Hans Heinrich von Hannecken, der Sohn deS Generals. Das Volk war einigermaßen enttäuscht, daß Seine Hoheit nur im einfachen dunklen Gesellschaftsanzuge erschien und nicht in der großen Uniform seines grünen Husarenregiments. Aber es gab ja auch ohnehin genug zu sehen. Der Spitzreiter in seiner bunten


