Ausgabe 
8.10.1899
 
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Nachdruck verboten.

Der Gylsenhof.

Eine Erzählung von P. Ditfurth.

(Fortsetzung.)

Nur kurze Zeit konnte die freundliche Dame verweilen, da ihr alter Vater krank und dabei mit den Personen sehr eigen sei, die ihn umgäben.

Dieser Besuch war ein Lichtblick, und Renata freute sich wirklich auf die Stunden in dem alten Hause; aber doch hielt fie noch eine gewisse Scheu davon zurück, der Einladung bald Folge zu leisten.

Nicht lange, nachdem Frau Falkner gegangen, kündete ein leises Klopfen Frau Nolte an und zugleich schlüpfte die zierliche Dame mit einemJsts erlaubt?" ins Zimmer.

Renata begrüßte diesen neuen Besuch mit Resignation und bot dem Gast, innerlich seufzend, Platz an.

Meine Lina wird auch gleich kommen, Fräulein Renatchen- ich meinte, Sie säßen doch zu sehr für sich, und wir haben auch gerade nichts weiter vor." Dabei zog sie ihr Strick­zeug hervor und setzte sich ganz behaglich zurecht.

Renata griff stumm gleichfalls nach einer Handarbeit. Ihre Mienen mußten wohl ein wenig verräterisch zucken, denn die kleine Frau sah etwas bedenklich über ihre Brille,

Sonntag den 8. Oktober.

Stea.

Herbst.

chon in's Land der Pyramiden Floh'n die Störche über's Meer; Schwalbenflng ist längst geschieden, Auch die Lerche singt nicht mehr.

Seufzend in geheimer Klage Streift der Wind das letzte Grün; Und die süßen Sommertage Ach, sie sind dahin, dahin.

Und noch einmal bricht die Sonne Unaufhaltsam durch den Dust, Und ein Strahl der alten Wonne Rieselt über Thal und Kluft.

Und cs leuchtet Wald und Heide, Daß man sicher glauben mag: Hinter allem Winterleide Liegt ein ferner Frühlingstag.

Storm.

die nie ganz gerade saß, in das blasse Mädchengesicht gegenüber.

Renata besann sich- sie sah ein, daß sie kein Recht habe, der guten Frau unartig zu begegnen, und so bezwang fie fich und schaute freundlich auf, als Frau Nolte ein Gespräch begann.

Hm,- sagte sie, den weißen Baumwollenfaden wohl zehn Mal um den Finger wickelnd und wieder abdrehend, Sie hatten ja Besuch, Renatchen?"

,/Ja, Frau Falkner war bei mir," lautete die etwas lakonische Antwort.

Hm," fuhr Frau Nolte fort,Sie sind wohl schon ganz bekannt bet Falkners- neulich war doch die Tochter auch schon da?"

Sehr bekannt noch nicht," erwiderte Renata,aber die Dame ist sehr freundlich gegen mich, und Sie wissen, daß ich ihr zu großem Danke verpflichtet bin."

Ja, ja," nickte die kleine Dame eifrig,es find auch zu nette Leute- ich habe die Frau Falkner öfter im Frauen­verein, zu dessen Vorstandsmitgliedern sie gehört, getroffen - eine sehr wohlthätige Dame und recht liebenswürdig, trotz ihres Reichtums/

So, sind Falkners so reich?" fragte Renata, eigentlich nur, um etwas zu sagen.

Frau Nolte hob lebhaft die Hand.Ach, wie reich, sag ich Ihnen, und es sind nicht viel dazu, bloß die zwei Kinder."

Aber es ist doch noch ein Bruder von Frau Falkner, der Professor Wolfram da," warf Renata ein,hat der keine Familie?"

Bewahre, Renatchen," lachte Frau Nolte,das ist ja ein angehender Hagestolz, der schwerlich noch heiratet."

Nun, so alt kam er mir nicht vor," sagte daS junge Mädchen-ich sah ihn allerdings nur im Dämmerschein, da kann man nicht genau urteilen."

Freilich, freilich, Sie können recht haben, Kindchen, er ist jünger, muß jünger sein, als seine Schwester- na, meine Lina muß das wissen, da kommt sie ja."

Ja, da kam ,,meine Lina," nach einem zarten Anklopfen, das man ihrer kräftigen Hand kaum zugetraut, und ließ sich nach kurzem Gruße an ihrem gewöhnlichen Platze nieder.

Nicht wahr, Lina," begann alsbald die kleine Frau, der Professor Wolfram ist jünger, als seine Schwester?"

Gewiß," bekräftigte die Gefragte bedächtig nach einem prüfenden Blick auf die menschenleere Straße.

Sie haben viel Not mit dem alten Konsul," fuhr die