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Mutier fort, „er ist, glaube ich, hier nicht richtig," — fie deutete nach der Stirn, — „und soll manchmal die Hausgenossen schrecklich plagen."
„Nun, Mutter," warf die vorsichtige Lina ein, „so schlimm ists am Ende nicht, mir hat nur öfter die Frida in der Handarbeitsstunde vorgeklagt, wie der Großvater sie angeschrieen".
„Ja, aber," wagte schüchtern die Mutter zu entgegnen, „man spricht doch allgemein in der Stadt davon, daß er sich den Tod eines FamtliengliedeS in den Kopf gesetzt hat."
„Mag sein," gab Lina zu, „Fräulein Renata wird ja bet ihren häufigen Besuchen dort den Herrn auch kennen lernen."
„Häufigen Besuchen, Fräulein Nolte?" wiederholte Renata erstaunt aufblickend; „ich war erst zwei Mal da."
„Nun, ja," sagte das Fräulein, „ich meine die späteren Besuche, die doch häufiger sein werden, da Frau Falkner Ihnen so freundlich entgegenkommt, und die Dame soll ja unwiderstehlich sein."
Sie bog eifrig den Kopf über ihre Arbeit und zählte halblaut die Maschen, um jeden Einwurf abzuschneiden. ES war eine eifersüchtige Regung, der fie diese Worte geliehen hatte, sie konnte es nicht so leicht verwinden, daß diese Bekanntschaft ohne ihre Vermittelung zu stände gekommen war.
,/Jst Frau Falkner schon lange Witwe?" fragte Renata nach einer Pause.
Frau Nolte blickte erst ihre Lina an, und als diese beharrlich schwieg, antwortete sie: „Vier bis fünf Jahre mögen es her sein, daß der Herr Falkner starb/ wir find in derselben Zett hergezogen, ich glaube er war Jurist, Rechtsanwalt dächte ich, nicht, Lina?"
Diese nickte stumm.
„Der selige Falkner hat wohl seiner Frau das Leben auch ein bischen sauer gemacht, er soll sehr kränklich gewesen sein und die Kinder schrecklich verzogen haben, besonders die Frida. Die Mama hat ihre liebe Not mit dem Mädchen, und der „Sohn ist auch so obenhin."
Die gute, redselige Dame bemerkte in ihrem Eifer die warnenden Blicke der Tochter gar nicht, sondern fuhr in ihrem Redestrom fort: „Und zanken sollen sich die Geschwister, daß es ein Graus ist. Hübsch ist das Mädchen, aber sie weiß es, nur zu sehr, und über alles hat sie ihren Mund."
Es wäre wohl noch länger so fortgegangen, hätte nicht Lina auf energische Weise die Mama aufmerksam gemacht, daß es besser und vorsichtiger sei, dieses Thema fallen zu lassen.
Die kleine Dame fuhr erschrocken zusammen und sah unter den Tisch/ fie bemerkte aber statt eines vermeintlichen bissigen Ungetüms nur einen ansehnlichen, sich zurückziehenden Fuß. Still und gedrückt sank sie nach dieser Wahrnehmung ins Sofa zurück, während Lina gleichmütig zum Fenster hinaussah.
Dieser Unterhaltungsfaden war von Lina unbarmherzig zerschnitten, und es hatte keiner Lust, ihn wieder aufzunehmen. Frau Nolte beschäftigte sich mit ihrer herabgeglittenen Brille, die absolut auf ihrer Nase nicht fitzen wollte, und Renata strengte ihre Gedanken an, einen neuen Gesprächsstoff ausfindig zu machen. Eigentlich war eS ihr lieb, nicht mehr in dieser Weise von der sie so interessierenden Familie zu hören.
Es war aber doch eine recht unbehagliche Pause, die endlich die Urheberin selbst unterbrach, indem sie eine riesige silberne Uhr mit großen, deutschen Ziffern vom Gürtel losnestelte, die stets, ein Zeugnis mangelnder Eitelkeit, einen kleinen Auswuchs bildete. „Es ist bald fünf Uhr, Mutter, wir wollen in den Vortrag, wie Du weißt. Fräulein Wendelin bleibt doch wohl zu Hause/ wir müssen uns dann verabschieden."
Damit erhob sich Lina und verdunkelte stattlich das Fenster.
Eiligst raffte die Mama ihr Strickzeug zusammen, und mit Renatas Hilfe, die ihr die fünfte Stricknadel unter dem Tisch hervorsuchte, fand sie alles zusammen und konnte ihrer Tochter folgen. (Fortsetzung folgt.)
(Nachdruck verboten.)
Schuldig.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
Er wandte sich Felicitas zu und sagte: „Ich habe Ihnen viel abzubitten, an Ihnen viel gut zu machen, Fräulein von Kreffen, doch davon später. Zuerst muß ich mit der Frau da zu Ende kommen, und wieder an seine Gattin herantretend gebot er:
„Sage mir, was Dich zu Deiner ehrlosen Handlungsweise verleitet hat, sage mir, wozu Du die Summen, die Du an Dich nahmst, gebraucht hast".
„Ich kann es Dir nicht sagen/ Konstantin habe Erbarmen, erlaß mir das l" winselte sie^
„Nein!" entgegnete er hart, „ich will es wissen".
Eine leichte Hand berührte die Schulter des zürnenden Mannes. „Nicht in Gegenwart des Kindes!" flüsterte ihm Felicitas ins Ohr.
„Sie haben recht!" sagte er mit tiefem Mitleid auf Hermine blickend, die sich angstvoll in einen Winkel gekauert hatte, „ich habe die arme Kleine ganz vergessen. Bringen Sie fie fort, und bleiben Sie bei ihr. Was wir mit jener Frau da zu besprechen haben, wird am besten von mir und meinem Sohn allein besorgt".
Felicitas nahm die vor Frost und Aufregung an allen Gliedern zitternde Hermine bei der Hand und führte sie die Treppe hinauf nach ihrem Schlafzimmer zurück. Gleichzeitig sprang aber auch die Kommerzienrätin empor.
„Du willst mich vernehmen wie der Richter die Angeklagte!" rief sie. „Mit Nichten. Ich will Dir Rede stehen, aber nicht so! Nicht so!"
Mit einer Kraft, die niemand der schwachen hinfälligen Frau zugetraut hätte, schob sie Hans, der sich ihr in den Weg stellen wollte, bei Seite, gewann die Thür und flog quer ourch das Treppenhaus nach ihren auf der entgegengesetzten Seite gelegenen Zimmern.
Als der Kommerzienrat und sein Sohn vor der dahin führenden Thür anlangten, hörten sie bereits den Schlüssel umdrehen und den Riegel vorschteben.
XV.
Alles Bitten, Rufen, Schreien, Pochen, Drohen hatte nichts gefruchtet, die Thür zu den Zimmern der Kommerzienrätin war verschlossen geblieben/ vergeblich hatte Hans Helldorf seine Kraft daran versucht, obwohl sein Vater ihm sogleich gesagt hatte:
„Gieb Dir keine Mühe. Die Thüren sind von starkem Eichenholz und die Schlösser von vorzüglicher Konstruktion. Wir werden sie nicht so leicht sprengen können"-
„So müssen wir nach einem Schlosser schicken", entgegnete der Sohn.
„Jetzt, mitten in der Nacht?" Ich möchte nicht gern Aufsehen erregen".
„Aber Vater, ich fürchte, es ist Gefahr im Verzüge".
„Du meinst, sie könnte eine That der Verzweiflung begehen?" fragte der Kommerzienrat kopfschüttelnd.
„Was bleibt ihr übrig? denn ich fürchte, wir stehen noch nicht am Ende der Enthüllungen", sagte Hans, dem Vater voll tiefen Mitgefühls die Hand drückend. „Ich werde den Diener rufen".
Er wurde dieser Mühe überhoben, denn schon erschien >er durch den Lärm geweckte Diener, und bald waren auch >ie weiblichen Dienstboten zur Stelle. Hans schickte den ersteren zu dem zunächst wohnenden Schloffer und speiste die letzteren


