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Nach langem Drucke ließ er ihre Hand frei und begleitete sie bis zur Hausthüre.
Renata hätte gern Charlotten erzählt, wie merkwürdig sie gerade zu Noltes geführt worden, aber heute war dazu die geeignete Stunde nicht, Charlottens ganzer Sinn war auf ihren Vater gerichtet,- fie hatte dem jungen Mädchen nur gesagt, daß fie ihr später auch die traurige Geschichte erzählen würde, die Ursache zu dem Eiende des Konsuls.
XVIII.
Renantens Sachen waren angekommen, und bald hatte fie sich dann ihr Zimmer mit eigenen Möbeln recht behaglich eingerichtet. Noltes hatten ihr hilfreich zur Seite gestanden und freuten sich selber, wie hübsch alles war. Kaum stand alles an Ort und Stelle und die Helferinnen hatten sich verabschiedet, da klopfte es, und Fridas Lockenkopf sah zur Thür herein: „Bist Du zu Hause, Renata?"
Diese begrüßte erfreut ihren Gast und errötete, als hinter ihr der Professor auftauchte.
„Mama schickte uns spazieren, da wir so lange nicht ausgegangen sind," plauderte Frida, „aber ich war so neugierig auf Deine Einrichtung und da habe ich Onkel Gottfried ins Schlepptau genommen." Dabei drehte sie sich rund um, um alles genau zu betrachten.
„Läßt Du denn den alten Sekretär hier?" fragte fie, „der paßt ja gar nicht zu den anderen hübschen Möbeln."
„Das ist richtig," erwiderte Renata, „er steht auch nur vorläufig hier und soll in mein Schlafzimmer gebracht werden. Außerdem ist mir das alte Möbel viel wert, meine Mutter hing sehr daran, sie konnte sich nie entschließen, eS zu verkaufen - wie sie mir sagte, stammte eS noch von ihren Voreltern."
Wolfram hatte sich ebenfals mit sonderbar prüfenden Blicken umgesehen, die aber einige Enttäuschung verrieten- jetzt wandte er sich gleichfalls dem Schranke zu, vor dem beide Mädchen standen. Seine Augen wurden größer, und er trat näher.
„Inwendig ist der Schrank sehr schön mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt," sagte Renata, „und ich habe Lust, ihn auch äußerlich aufarbeiten zu lasten."
„Bitte, zeige mir das," bat Frida mit kindlichem Eifer.
Renata schloß auf und ließ die schwere Klappe herunter. Rechts und links befanden sich Fächer und in der Mitte zwischen zwei fein gearbeiteten Säulchen aus Elfenbein eine Thüre, bedeckt mit reichen Arabesken aus Perlmutter und Elfenbein, welche eine Gruppe von Blumen streuenden Elfen oder Engeln, umrahmten.
„Entzückend!" rief Frida lebhaft, „Onkel, steh nur!"
Er sah nicht nur hinein, er starrte darauf und stützte sich schwer auf seinen Spazierstock.
„Erlauben Sie," sprach er dann hastig auffahrend, und zwischen die Mädchen tretend, drückte er mit dem Zeigefinger auf den Kopf der mittelsten Figur, worauf die Thüre aufsprang, eine zweite mit dem eigentlichen Schloß bloßlegend.
Renata ließ einen Ruf der Ueberraschung hören: „Sie kennen den Mechanismus?"
„Ich kenne den Schrank," sagte er mit schwerer Betonung- sein Gesicht war blaß geworden.
„Aber wie ist das möglich?" rief Renata, „der Schrank ist nie aus den Händen der Familie gekommen!"
„Er stammt von Ihren Großeltern mütterlicherseits?" fragte er mit erzwungener Ruhe.
„Gewiß," erwiderte Renata, „meine Mutter sagte mir einmal, dieses Stück erinnere sie stets an ihre fröhliche Mädchenzett."
Er schwieg und blickte auf den Schrank.
„Vielleicht kannten Sie auch meine Eltern, wie Pastor Nolte. ES kam ganz zufällig heraus, daß sein Vater meine Eltern getraut," sagte Renata eifrig, „denken Sie, Frau Prediger Nolte hat meiner Mutter den Brautkranz aufgesetzt."
Wolfram drehte sich jäh um: „Wie?"
Renata erschrak beinahe vor dem Ausdruck seiner Züge.
„Und wie kam der Herr darauf, durch Ihren Namen?" „Er fand so große Aehnlichkeit mit meinem Vater in meinem Gesicht."
„Ja, das ist'S," murmelte der Profeffor, „und hat der Herr Pastor Ihren Vater unter dem Namen Wendelin getraut?" fragte er mit Hast.
Ein Blick voll starrer Verwunderung traf ihn aus des jungen Mädchens Augen.
„Verzeihen Sie, Renata," sagte er etwas verwirrt, „ich frage allerdings sehr sonderbar."
„Onkel wir müssen nach Hause," mahnte Frida, die, mit dem Anschauen der anderen Sachen beschäftigt, nur halb dieser Unterhaltung gelauscht hatte, „lebwohl, Renata, komm bald," sie war hinaus, und der Profeffor stand in der Thüre des Zimmers. Während er zum Abschied Renatens Hand ergriff, sagte er mit verhaltener Aufregung in der Stimme:
„Noch eins, Renata, verzeihen Sie die Frage, ich kann sie nicht länger Unterlasten, wie hieß Ihre Mutter?"
„Meine Mutter hieß Helene Rinnewart," antwortete sie mit ahnungsvoll klopfendem Herzen, aber sie schrie beinah auf, als seine Finger ihre Hand so krampfhaft umklammerten. Durch die Dämmerung sah fie, wie tief er erblaßt war, seine Augen erschienen ihr plötzlich so groß und dunkelflammend, und ein kindisches Erschrecken überfiel sie: er glich in diesem Augenblick seinem Vater.
Sie zog ihre Hand aus der seinen und wich ebenfalls mit blassem Gesicht zurück.
»Onkel, so komm doch!" rief Frida von der Haus- thür her.
«Vergeben Sie mir, Renata," flüsterte Gottfried, „ich wollte Sie nicht erschrecken, aber Sie werden mich begreifen, morgen schon. Beten Sie, daß mein Vater so lange lebt."
Im nächsten Augenblick war der Hausflur teer, und daS erschütterte Mädchen kehrte ins Zimmer zurück.
Sie blieb vor dem geöffneten Schranke stehen, die Gedanken kreisten wunderlich in ihrem Kopfe. Sollte wirklich ein Zusammenhang zwischen ihr und dem Gylfenhofe bestehen?
Sie dachte an das Bild in dem Archiv, an den Angstruf «Gylfen* des alten Mannes, und nun das Erschrecken des sonst so ruhigen Profeffor. Aber Gylfen? — es gab ja keinen Gylfen mehr!
Sie zündete Licht an und setzte sich aufs Sofa. Frau Pastor Nolte riß sie aus dem Wirrwarr der Gedanken, sie mußte sich zusammennehmen und all die qualvolle Unruhe verbergen.
Die alte Dame war ganz allein und wollte ein Stündchen verplaudern. Sie brachte Renaten eine Einlage aus einem Briefe ihres Sohnes mit, der wahrscheinlich seinem Versprechen nachkam.
Es kostete heute Renaten wirklich Ueberwindung, der guten kleinen Frau zwei Stunden lang zuzuhören, erst den Schwalenberger Erinnerungen und dann den Erzählungen über die sieben Enkel zu folgen. Endlich verabschiedete fie stch, da ihr die abgespannte Miene des jungen Mädchens schließlich anfing aufzufallen. Auf ihre teilnehmende Frage erwiderte Renata, fie sei wohl von dem Räumen und Einrichten etwas angegriffen.
„Ja, ja, ich glaube, meine Lina hat recht," meinte fie hierauf, „Sie haben fich zuviel gethan und sich erkältet, eS ist schon so herbstlich. Nehmen Sie fich nur in acht, liebes Kindchen, und legen Sie stch bald schlafen."
Mit dieser herzlich gemeinten Ermahnung ließ sie das arme Mädchen allein. Renatens Blick fiel auf das Billet, daS sie in Gegenwart der Dame nicht hatte lesen wollen. Biel Neues stand wohl auch nicht drin. Sie faltete es aus einander und las, erst ruhigen Gesichts, dann aber wurden die Augen groß und starr, der Kopf sank auf die Lehne des SofaS, und die Hände mit dem Blatte in den Schoß.


