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nicht, daß Onkel Gottfried die Taube hergebe." Sie sah Renaten bittend an, und diese reichte ihr die Hand.
„Wir wollen darüber nicht mehr sprechen, Fräulein Falkner," sagte sie freundlich, und Frida konnte das nur angenehm sein, ihr warmer Händedruck war ein Beweis dafür.
„Aber dann möchte ich doch Ihrem Herrn Bruder auch meinen Dank sagen," wandte sich Renata wieder an Frau Falkner,- „wenn ihm das Tierchen so lieb ist, wird er es auch schmerzlich vermißt haben- habe ich mich doch in den paar Tagen so schnell an dessen Gesellschaft gewöhnt, daß mir das Scheiden schon ordentlich schwer wird," und dabei sah sie die Taube traurig an.
„Wenn ich darüber zu verfügen hätte, liebes Frälein," fiel Frau Falkner rasch ein, „würde idf es um keinen Preis zurücknehmen."
Ein Geräusch im Nebenzimmer bewog Frau Falkner aufzusehen: „Da kommt mein Bruder, gerade zur rechten Zeit," rief sie und ging dem Eintretenden entgegen.
Renata bekämpfte schnell ihre Bewegung und begrüßte den Herrn, der ihr als Professor Wolfram vorgestellt wurde. Sie unterdrückte eine kleine Verlegenheit und stattete ihren Dank in wenigen Worten ab. Im stillen war sie über sich selbst ärgerlich, daß ihr diese so anders klangen, als ihr Herz sie diktierte,- aber sie hatte sich auch nur darauf gefaßt gemacht, einem älteren wohlwollenden Herrn recht herzlich zu danken.
Es war schon sehr dämmerig, und der Herr Professor stand dem Lichte nur halb zugewandt, so daß sie ihn nicht genau sehen konnte, und dann sprach er kein Wort, bis sie alles gesagt, und das war wenig nach ihrer Meinung.
„Sie sollten mir nicht so danken, Fräulein Wendelin - es wäre wenig menschenfreundlich von mir gewesen, hätte ich Ihnen, oder vielmehr Ihrem kleinen Bruder die Freude vorenthalten, nachdem ich zugesehen, welcher Jammer über Sie hereinbrach."
Er sprach 'mit einer angenehmen, aber anspruchslosen Stimme.
Renata ergriff den Käfig und wollte ihn dem Professor übergeben. „Weshalb bringen Sie denn das Tierchen wieder?" fragte er einen Schritt zurücktretend.
„Ich werde Sie doch nicht gänzlich Ihres Lieblings berauben wollen, Herr Profesior," sagte das junge Mädchen etwas ficherer, „es versteht sich von selbst, daß Sie mir das Täubchen nicht schenken- haben Sie es anders erwartet, als daß ich es wiederbringe?" Ihr Kopf hob sich charakteristisch. „Bitte, nehmen Sie," drängte sie hastig und trat einen Schritt näher.
Der Professor schüttelte den Kopf: „Ich habe die Taube ihrem Brüderchen geschenkt, Fräulein Wendelin. Den armen Knaben, der mir so bleich in den Armen lag, konnte ich gar nicht vergessen, und ich werde es auch mein lebenlang nicht. Deshalb war ich so glücklich, als ich ihm eine Freude machen konnte."
Renatens Augen blickten den Sprechenden groß an, und ihr erhobener Arm sank mit dem Käfig an der Seite nieder.
„Also Sie waren es, der mir meinen armen Walter heimgetragcn? Ich wußte nichts mehr davon, verzeihen Sie, aber nun kann ich Ihnen auch dafür noch danken, Gott lohne es Ihnen tausendfach."
Sie streckte ihm jetzt in tiefer Bewegung ohne Scheu die Hände hin, die er fest und herzlich drückte. „Ich that, was jeder gethan hätte, und Ihr Dank für dieses natürliche Handeln bedrückt mich nur. Ich habe gar nicht daran gedacht, daß man mir dafür zu danken hätte. Nein, nein," fuhr er abwehrend fort, als Renata eine Bewegung mit dem Käfig machte, „Sie behalten die Taube als Andenken an Ihren Bruder, ich nehme kein Geschenk zurück."
„Aber ich wollte ja nichts geschenkt haben, gekauft hätte ich das Tierchen wohl —" brachte Renata noch hervor.
Aber er entgegnete bestimmt: „Verkauft haben würde
ich es um keinen Preis mein Fräulein, ich kann es nur verschenken, und das ist bereits geschehen." Er verbeugte sich und war verschwunden.
Renata sah ihm etwas ratlos nach, dann wandte sie sich gegen Frau Falkner.
„Sie sehen, liebes Kind," sagte diese leicht lächelnd, „mein Bruder ist hartnäckig- ich habe ihn selten so sprechen hören. Behalten Sie ruhig das Tierchen, es wird Ihnen noch viel Freude machen und mit der Zeit ein lieber Gesellschafter werden."
„Ich muß mich wohl fügen," entgegnete Renata und rüstete sich zum Gehen - „aber schwer wird mirs, den Herrn Profeffor zu berauben."
„Wir kommen bald zu Ihnen, Fräulein Wendelin," sagte Frida, und ihre Mutter nickte betstimmend. „Und kommen Sie gern wieder?" fragte letztere. Renata sah in das liebe Gesicht und sagte fest, fast freudig „Ja."
Auf dem Heimweg dachte sie viel an die freundlichen Menschen, und ein warmes Gefühl der Dankbarkeit wallte in ihr auf. Aber als sie dann wieder in ihr ödes, stilles Zimmer trat, kam das Bewußtsein ihres Alleinseins und ihres Schmerzes mit doppelter Wucht über sie, hier, wo das helle Stimmchen sie nicht mehr begrüßte wie ehedem, wenn sie von Berufswegen zurückkehrte- es war niemand da, der sie vermißt hatte.
Die Wochen vergingen, Weihnachten kam heran und war vorüber, ehe man es gedacht, und die dunklen, kurzen Tage erhellten und dehnten sich wieder etwas.
Renata schien trotzdem die Zeit still zu stehen, und sie wunderte sich, wenn wirklich ein Tag zu Ende war. Ihr einsames Leben floß still dahin, aber nicht wie ein klarer Bach, sondern gleich einem trüben Rinnsal, und sie meinte oft, es müsse schließlich versanden. Sie beobachtete ihre Stunden regelmäßig jeden Tag und vergrub sich in Arbeit. Frau Falkner hatte ihr damals gesagt: „Arbeiten Sie nur vorläufig für sich, das Hinbrüten ist sehr gefährlich, und eines Tages werden Sie merken, welcher Segen gerade zu solchen Zetten in der Arbeit liegt." — Und Renata versuchte es, sie arbeitete fast zu viel. Und doch kam keine Ruhe in ihre Seele- immer wieder mußte sie sich fragen: „Für wen lebe und schaffe ich?"
Es mochte wohl zu dieser mutlosen Stimmung beitragen, daß sie oft Gegenstände, die Walter gehört oder irgendwie mit ihm in Zusammenhang standen, in die Hand nahm, besonders abends, wenn sie die Bücher und Hefte beiseite gelegt hatte. Dann horchte sie oft, ob die liebe Stimme nicht riefe, die nun schon seit Wochen verklungen, und schließlich löste sich der Schmerz in heißen Thränen. Dabei rieb sie sich aber auf, und ihr Gesicht wurde immer schmaler und blasser.
Ihre gutmütigen Wirtinnen ließen es an Teilnahme nicht fehlen, äußerten sie aber nach ihrer, freilich auch vielen anderen gut scheinenden Art. Sie hielten die Zerstreuung für das richtige Gegenmittel der Trauer und plagten die arme Renata förmlich mit Einladungen zu Vrstten und Spaziergängen und nahmen es schließlich fast übel, wenn dieselbe alles ablehnte.
Auch auf die Feier des heiligen Abends im Falknerschen Hause, wozu sie durch Frida freundlich und herzlich aufgefordert war,' hatte sie dankend verzichtet. Sie sei ein zu trüber Gast, und es wäre ihr ein schrecklicher Gedanke, anderen durch ihr Erscheinen den hellen Abend zu verdüstern, so begründete sie ihre Ablehnung. Frau Falkner, welche bald darauf selber zu ihr kam, drang auch nicht weiter in die Trauernde, um deren selbst willen, ermutigte sie jedoch, jedenfalls bald zu ihr zu kommen.
(Fortsetzung folgt.)


