1899.
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ysr Und nur, wer je in sehnsuchtsvollem Drange
Sie unter Fremden lange Zeit entbehrt, Der kennt sie ganz; dem wird sie zum Gesänge, Den er mit trunknem Ohre lauschend hört;
Und jeden möcht' er in die Arme schließen,
Von dessen Lippen ihre Töne fließen. Norman«.
Nachdruck verboten.
Der Gylsenhof.
Eine Erzählung von P. D i t f u r t h.
• (Fortsetzung.)
IV.
Der kleine Sarg war herausgetragen, und an dem Grabe stand die einsame Renata, nun ganz allein in der Welt. Kränze und grüne Zweige bedeckten den Hügel, Renata wußte nicht, wo sie alle herkamen, und sie fragte auch nicht danach, aber die Teilnahme that ihr Wohl. Sie blickte so still auf die Scholle, die ihren Liebling barg,- sie konnte nicht weinen. Erst als sie zurückkehrte in ihre verödete Wohnung und das herbe Vermissen ihr fühlbar ward, da brach all ihr Weh hervor, und sie weinte und weinte, als wollte sich ihre Seele auflösen in Thränen. —
Das Täubchen saß im Käfig und blickte mit Hellen, klugen Augen das traurige Mädchen an. Es wußte nicht, welche Freude es bereitet hatte und welchen Schmerz es jetzt neu wachrief.
Renata trat heran und betrachtete wehmütig das Tierchen mit ihren verweinten Augen. »Du mußt nun wieder fort," sagte sie leise, „in Dein frohes, glückliches Heim,- aber ich werde Dich nie vergessen, Du meines Lieblings letzte Freude!"
Nach wenigen Tagen stand sie mit dem Käfig in der Hand wieder vor dem alten Hause. Diesmal kam ihr Frida schon auf der Treppe entgegen, zwar etwas scheu, aber mit aufrichtiger Teilnahme.
„Mama freut sich, daß Sie kommen, wir sahen Sie schon," sagte sie bpim Hinaufgehen. Sie traten in dasselbe Zimmer, in welchem Renata letzthin eine so schmerzliche halbe Stunde verlebt, aber sie dachte jetzt nicht mehr daran, als ihr heute die liebevolle Frau Falkner entgegenkam und sie herzlich in die Arme schloß.
„Ich wäre gern zu Ihnen gekommen, aber ich wagte es noch nicht," sagte sie mit ihrer zum Herzen sprechenden Stimme. „Ich weiß, daß nach solchem Schmerze Stille, heilige Stille in und um uns sein muß, wenn Gott mit uns reden will."
Renata blickte auf. Wie kam es, daß diese Frau sie so gut verstand? Dann senkre sie aber wieder das Haupt und sagte: „Ich bin ja nun immer allein!"
„Ja, Kind, aber der Herr behütet die Fremdlinge und Waisen," erwiderte Frau Falkner mit mildem Ernste.
Und so saß Renata neben der fremden Frau und fühlte sich geborgen wie in der Heimat. Sie erzählte von dem lieblichen Walter und es wurde ihr leichter dabei. Ja, sie erzählte von ihrer Mutter, die vor wenigen Jahren gestorben, von ihrem Vater, der schon sieben Jahre tot war,- von dem unbefriedigten Leben in dem Hause ihres Vormundes, des Bürgermeisters von M . . . ., und wie sie den Entschluß gefaßt, hier zu lernen, um auf eigenen Füßen stehen zu können.
„Alles, alles that ich für meinen Walter, und nun —" schloß sie traurig. Frau Falkner faßte herzlich ihre Hand. „Ach es braucht mich ja niemand mehr auf der Welt,- für wen, für was soll ich wirken?" fuhr Renata leise fort.
„Daß Sie so sprechen, jetzt, wo Ihr Herz noch so wund und weh ist, ist nur natürlich, liebes Kind," sagte Frau Falkner, „aber Sie werden mit Gottes Hilfe überwinden und dann auch erfahren, wie und wozu Ihnen Gott einen Wirkungskreis anweift."
Das junge Mädchen sah zur Erde, und dabei fiel ihr Blick auf den Käfig, den sie vorhin dort niedergesetzt hatte, und der sie nun an den Grund ihres Kommens erinnerte.
„Ach," sagte sie ausstehend, „ich vergaß ganz, was mich hauptsächlich hersührte. Hier bringe ich Ihnen mit heißem Danke das Täubchen wieder. Meinem Liebling hat es die letzten Stunden erhellt, und wie hat der kleine Dulder voll Dankbarkeit Ihrer gedacht- er wollte immer für Sie beten."
Ihre Stimme brach in Schluchzen, und Frau Falkner umfaßte sie tief bewegt. „Wenn Sie durchaus von Dank sprechen wollen, so nehme ich das als den schönsten, der mir je im Leben geworden," sprach sie mit feuchten Augen- „aber er gebührt in erster Linie meinem Bruder," fuhr sie ruhiger fort, „er übergab mir mit herzlicher Teilnahme an Ihrem Geschick das Tierchen."
Jetzt trat Frida etwas hastig heran mit den Worten: „Deshalb war ich auch neulich so — unartig- ich dachte gar


