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,Menn ich mir einen Erfolg davon verspräche, würde ich das sehr gerne statt Deiner thun und noch heut abreisen. Ich glaube jedoch, man wird es in London bei dem einen Versuche bewenden lassen."
„Aber was thun?" fragte Aurelie.
„Warten!" entgegnete Felicitas mit großer Bestimmtheit. „Wer seine Augen offen hält uud warten kann, erreicht endlich jedes Ziel."
„Wenn er so lange lebt!" seufzte Ernst, die Bemerkung klang aber doch so drollig, daß alle lachen mußten, und die so hervorgerufene heitere Stimmung ging nicht so schnell wieder vorüber.
Beide Paare empfanden es doch als ein großes, wunderbares Glück, einmal wieder so traulich und ungestört bei einander sein zu können. Die Hoffnung auf eine beffere Zukunft, mochte sie noch so schwach sein, warf doch einen verklärenden Schein in die Gemüter, und Hans Helldorf, noch mehr aber Felicitas, gaben sich redlich Mühe, bei den Geschwistern Sommer den Trübsinn nicht aufkommen zu lassen. Ihre sonnige Heiterkeit, ihre feste Zuversicht wirkte ermunternd und aufrichtend.
Das Pianino, das lange Wochen unberührt gestanden hatte, ward geöffnet, Hans nahm davor Platz und spielte eine Beethovensche Sonate, dann begleitete er einige Mendels- sohnsche und Schubertsche Duette, die Felicitas und Ernst und die beiden jungen Mädchen mit einander sangen.
„Das war doch wieder einmal ein Beisammensein wie in früheren schönen Tagen", sagte Ernst Sommer, als man sich trennte, und schon lagerten sich wieder Wolken auf seiner Stirn,- Felicitas hatte dies nicht sobald bemerkt als sie auch rief:
„Nimm es als eine Verheißung und als eine Ermunterung, daß wir glücklich sein können, wenn wir es nur sein wollen!"
Ohnelder Gegenwart der andern zu achten, drückte er das holde Mädchen an seine Brust.
VII.
In ihrem mit raffiniertem Luxus ausgestatteten Wohnzimmer ging Frau Kommerzienrätin Helldorf unruhig auf und ab. Die Schleppe ihres dunkelroten seidenen Morgenkleides fegte so heftig über den Teppich, ihre Bewegungen waren so rasch und ungleichmäßig, daß mehr als einmal eine auf einem zierlichen Tischchen befindliche Vase mit Blumen oder eine kostbare Figur aus Meißner Porzellan in Gefahr geriet, umgeworsen zu werden.
Nun trat sie ans Fenster und schaute auf die von beiden Seiten durch hohe alte Bäume wie von einem Laubdach überwölbte Bellevuestraße hinab, ohne doch von den dort fahrenden Equipagen oder von den das Trottoir füllenden Fußgängern etwas gewahr zu werden,- nun wandte sie sich wieder ab, blieb mitten im Zimmer stehen und lauschte angstvoll hinaus.
Im Hause herrschte tiefe Stille, außer den Dienstboten und der Kommerzienrätin befand sich niemand darin, denn der Kommerzienrat und Hans waren nach dem in der Burgstraße belegenen Geschäftslokal, Adalbert zu einer Vorlesung nach der Universität gegangen, und Felicitas hatte auf Befehl der Kommerzientätin mit Hermine ebenfalls in die Stadt fahren müssen, um dort Einkäufe und Bestellungen zu besorgen, obwohl das Wetter recht unfreundlich war, und aus dem wolkenverhangenen Himmel jeden Augenblick ein Regenguß zu erwarten stand.
Frau Helldorf mußte allein sein — mußte sich vor jeder Ueberraschung seitens ihrer Hausgenoffen geschützt wissen, denn sie hatte am vergangenen Abend wieder eine jener Botschaften erhalten, welche ihr in letzter Zeit die Ruhe ihrer Tage und den Schlaf ihrer Nächte — so viel sie davon überhaupt noch besessen — vollends geraubt hatten.
„Ich muß Dich morgen vormittag sprechen, trage Sorge dafür, daß wir ungestört sind!" hatte ein Billet gelautet, das Dr. Corbus ihr gesandt, und wodurch er ihr gleichzeitig
seine Rückkehr von einer Reise angekündigt hatte. Sie wußte, daß ihr nichts übrig blieb, als ihm zu gehorchen.
Die Zeit verstrich, dehnte sich für die Wartende zur Unendlichkeit aus und schien ihr doch zu schnell zu verfliegen. Jede Minute, die sie noch allein blieb, war ihr wie eine Gnadenfrist, und trotzdem sehnte sie sich danach, von der grenzenlosen Angst, mit der sie dem Kommen des Gefürchteten entgegensah, erlöst zu werden.
„Da ist er!" stöhnte sie auf, als draußen ein scharfer, lauter Klingelzug ertönte und drückte die Hand auf das laut klopfende Herz. Mit einer Selbstüberwindung, die sie sich sonst nicht leicht zumutete, gewann sie es über sich, dem meldenden Diener in guter Haltung zu antworten:
„Ich lasse den Herrn Doktor bitten."
Freundlich und mit ausgestreckter Hand ging sie dem Eintretenden entgegen, indem sie sagte: „Et, sieh da, Balthasar, das ist eine Ueberraschung! Nach Deinen Andeutungen habe ich Dich nicht so schnell zurückerwartet."
„Und vielleicht gehofft, ich werde Dir wiederum für so ein zwanzig Jährchen aus den Augen gehen, meine teure Eugenie," erwiderte er, die nervös in der seinen zuckende Hand der Dame mit einer Galanterie an seine Lippen führend, die eine starke Beimischung von Hohn hatte.
„Er lebt, er ist da, es behielt ihn nicht!" deklamierte er, als die Kommerzienrätin nicht antwortete, bot ihr den Arm und führte sie, die sich ihm willenlos überließ, zu einem der mit kostbaren Stickereien auf dunkelblauem Sammet überzogenen Sessel, während er selbst einen zweiten für sich herbeirollte.
„Setz' Dich, liebe Emmeline, nah, recht nah zu mir, wir woll'n ganz vertraulich plaudern, niemand lauschet hier!" trällerte er, nachdem er die noch immer Schweigende pus halb zugekniffenen Augen einige Minuten betrachtet hatte.
„Du scheinst ja heute recht scherzhaft gestimmt", bemerkte sie endlich.
„Die Freude des Wiedersehens, meine liebe Eugenie. Du teilst sie doch?" spottete er.
„Spiele nicht mit mir wie eine Katze mit der Maus!" sagte sie auffahrend. „Komm zur Sache. Was willst Du von mir?"
„Oh, hast Du es denn gar so eilig?" entgegnete er, ohne sich nur einen Augenblick aus seinem angenommenen Phlegma bringen zu lassen und streckte sich noch behaglicher als zuvor in seinem Sessel aus. „Als nahe Verwandte und gute Freunde, die wir sind, können wir doch zunächst von diesem und jenem plaudern. Wie befindest Du Dich?"
„Miserabel, wie immer!" stöhnte sie. „Ich wünschte, ich wäre tot!"
„Ei, das sind wir noch lange genug!" lachte er. „Die Herrin eines so wunderbaren Hauswesens, die Frau, der jede Laune, jeder Wunsch erfüllt wird, sollte so nicht sprechen". Er ließ dabei seine Blicke im Zimmer umherschweifen, als wolle er jeden der darin befindlichen Gegenstände auf seinen Wert taxieren.
„Alle Wünsche, nur den einen nicht!" murmelte sie.
„Mich los zu werden!" spottete er.
„Ach, Du weißt recht gut, was ich meine! Vergessen können!" Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
„Ich wüßte nicht, was Dich daran hinderte", entgegnete er. „Ich —"
„O, ich konnte es nicht, auch als Du fern warst!" seufzte sie. „Hätte ich damals Deinen Ratschlägen nicht Gehör gegeben!"
„Du thatest es willig genug. Ja, als ich zögerte, drängtest Du mich, damit der günstige Augenblick nicht verloren ginge. Und es ist ja auch alles so still, so unauffällig von statten gegangen. Niemand hat den leisesten Argwohn geschöpft".
„Aber ich —"
„Nun, Du bist die reiche, die beneidete, die angebetete Frau, ich weiß wirklich nicht, was Du noch willst?"


