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Die zweite Spezies erhält man dadurch, daß man, analog dem vorigen, anstatt des verschiedenen Schusses verschiedenes Kettmaterial verarbeitet) Streifen aus weichem Kettgarn wechseln mit solchen aus hart gedrehten Fäden. Das fertige Rohgewebe läuft jetzt der Länge nach zusammen, und da die Falten stets quer zur Zugrichtung sich legen, entstehen Stoffe mit der Schußrichtung nachlaufenden Fältchen. Gewürfelte Effekte entstehen durch Verwendung der beiden verschiedenen Materialien sowohl in Kette als in Schuß. Vereinigt man mit diesen Methoden einen gewissen Farbwechsel der verschiedenen Streifen, oder legt man vielleicht „Drcherstreifen" ein, so ist die Möglichkeit der Mustererzeugung eine recht vielfältige.
Hatten diese Stoffe immerhin noch eine gewisse Regelmäßigkeit, so lernte man auch bald unregelmäßige Effekte auf demselben Wege zu erzielen. Das Vorbild dazu gaben Muster, welche bei den Seidenkonfektionsstoffen schon längst gebräuchlich waren — die sogenannten Blaseneffekte. Diese entstehen dadurch, daß an einzelnen Stellen die das Doppelgewebe bildenden Teile, Ober- und Untergewebe, nicht miteinander verbunden wurden. Das nur aus feinen Seidenfäden und einem sehr dünnen Schuß gebildete Obergewebe hob sich infolge Zusammenziehung der Unterware über den Grund hervor und lag nun, auch noch durch die Schattierung abstehend, als Blase oben auf. In Kammgarn und Mohair hat man diese Effekte sehr bequem nachahmen können- diese sind jetzt ganz modern.
War in den bisher besprochenen Stoffen das ausschlaggebende Moment lediglich in der Qualität der verwendeten Materialien zu suchen, so führen uns besonders die zuletzt angeführten, mit unregelmäßigen Kräuseleffekten versehenen Waren zu einer weiteren Gruppe, welche ihre Entstehung lediglich chemischen Prozessen verdankt, und auf die bei Herstellung von Rohware noch keine Rücksicht zu nehmen ist. Hier kommen in erster Linie Baumwollgewebe in Betracht. Die Baumwolle besitzt nämlich die Eigenschaft, bei Behandlung mit Aetzkalilösung oder Säure ganz bedeutend zusammenzuschrumpfen. Trotzdem man diese Eigenschaft schon über fünfzig Jahre kennt, blieb es doch der Neuzeit überlassen, diese Erscheinung technisch zu verwerten. Der Engländer John Mercer hatte gelegentlich bei chemischen Experimenten die Beobachtung gemacht, daß Baumwollzeuge, durch welche er Kalilauge filtriert hatte, stark zusammenliefen und dabei dem Pergament ähnliche Eigenschaften zeigten- es war keine Zersetzung der Faser eingetreten, sondern nur eine chemische Umwandlung- was der Faden an Länge verloren hatte, das hatte er an Stärke gewonnen. Die systematische Anwendung dieses Vorganges, nach seinem Erfinder „Mercerisation" genannt, spielt heute eine ganz gewaltige Rolle in der Veredelung baumwollener Stoffe. Wir wollen auf dieses Verfahren jedoch nur so weit eingehen, als dasselbe sür unser Thema in Betracht kommt. Das was durch Verweben verschieden zusammenziehbarer Materialien im Gewebe erreicht wurde, läßt sich durch Behandlung einzelner Parthien mit Aetzkalilauge ebenfalls erzielen, und hat man hier zwei Wege eingeschlagen- entweder man bedruckt das Rohgewebe mir Stoffen (Ketten, Kautschuklösungen rc.), die ein Eindringen der Kalilösung in das Gewebe verhindern, oder man imprägniert das ganze Gewebe mit Kalilauge und druckt auf bas noch naffe Zeug mit solchen Chemikalien, welche das Kali zerstören, also seine zusammenziehende Wirkung aufheben. In beiden Fällen erhält man also Stoffe, in denen zusammengezogene Stellen mit nicht zusammengezogenen abwechseln. Es entstehen dadurch Ungleichheiten in der Spannung der Fäden, welche sich nur durch Aufwerfen der länger gebliebenen ausgleichen lassen. Die geschrumpften Stellen müssen infolgedessen an den Rändern mit Kräuselungen sich umgeben, die entweder in einer Blase zusammenlaufen, oder, wenn die Zwischenräume nicht zu groß sind, als kleine
Fältchen bis zur nächsten Schrumpfstelle sich forssetzen. Je nach der Konsistenz der Kalilauge läßt sich dieser Effekt verschieden variieren, so daß man durch geschickte Manipulation, etwa durch Drucken mit verschieden starker Lauge in ein und demselben Stück, die interessantesten Muster erzeugen kann. Hinzu kommt dann noch der Umstand, daß die mit Kalilauge behandelte Baumwolle gewisse Farbstoffe viel intensiver aufsaugt, als rohe Baumwolle, daß also neben den Kreppeffekten auch noch recht auffällige Farbcffekte auftreten. Wenn diese auch nicht als oirekte Farbveränderungen, sondern nur als Nüancierungen anzusprechen sind, so treten dieselben dennoch häufig so stark hervor, daß man gut von Zweifarbigkeit reden kann.
Doch nicht nur Baumwollgewebe lassen sich chemisch derart behandeln- auch die Wolle reagiert auf gewisse Chemikalien in diesem Sinne. Einige Stoffe haben die Eigentümlichkeit, das Zusammenlaufen, Filzen der Wolle stark zu beschleunigen, andere wieder das Gegenteil, sie verlangsamen oder verhindern dasselbe ganz. Besonders beschleunigend wirkt salpetersaures Quecksilber, während Chromsäure und besonders Chlor das Filzen sehr energisch verhindern^ Durch Bedrucken mit diesen Chemikalien läßt sich also auch in Wollwaren, besonders in leichten Mousselinen, ein dauerhafter Krepp erzielen.
Lsrrrnsristisches.
Auf der Sekundärbahn. Reisender: „Donnerwetter, der Zug fährt ja heute ordentlich schnell, Schaffner!" — Schaffner (geheimnisvoll): „Ja wissen S', wir haben nämlich einen Eilbrief im Postsackl" * * *
Vorbereitung. Wirt: „Ja, Seppel, was ist denn das, Du holst heut' schon die zehnte Maß, was ist denn los bei Euch daheim? — Seppel: „Ja, wissen S', der Vater hat morgen einen Trinkspruch auszubringen und da probiert er heut' das Austrinken auf einen Zug." (Negg. Bl.)
Lttterarifches.
8. von Pröpper's, Spczialkochbücherr 1. Kartoffelküche. (230 Rezeptes 2. Fischküche. (212 Rezepte). 3. Wildküche. (212 Rezepte). 4. Mehlspeisen. (295 Rezepte). Frankfurt a. M. Jaeger'sche Verlagsbuchhandlung. 1899. (Preis geb ä Mk 1.—). Bier reizende Bücher auf einmal, alles selbsterprobte Rezepte, bringen die auf diesem Gebiete weitberühmte Autorin und der ebenso bekannte Fachverlag Jaeger in Frankfurt a. M. Es sind wirklich kaum jemals ähnlich hübsche und praktische Bücher erschienen für die Küche. Und dazu soll, wie die Verlagsbuchhandlung uns mitteilt, diese Sammlung noch fortgesetzt werden. — Es ist eine Freude, dergleichen zu begegnen. Für den Inhalt garantiert uns Frau v. Pröpper, doch ersehen wir schon heute, daß sie die alten Schätze von Schloß- und Klosterküchen geplündert hat, um uns diese Rezepte zu übermitteln. In der „Fischküche" und in der „Wildküche" (Wild und Wildgeflügel) sind viele davon, ebenso in den „Mehlspeisen". Dabei sind alle 4 Bücher für Arm und Reich bestimmt. Jede Hausfrau findet darin was sie sucht, und was sie braucht, um ihrer Küche Abwechslung zu geben. — Man lasse sich die Bücher in den Buchhandlungen zeigen, sie werden sich gewiß rasch überall einbürgern, und wir wünschen der rührigen Verlagsbuchhandlung recht viel Glück mit den schönen Büchern, an denen nichts gespart ist, um sie für die intime Bibliothek der Hausfrau auch äußerlich recht hübsch zu gestalten.
8. v. Pröpper. Einfaches vegetarisches Kochbuch. 660 erpropte Rezepte. Frankfurt a. M. Jaeger'sche Verlagsbuchhandlung. (Preis geb. Mk. 1,60 . Die Zahl der wirklich brauchbaren vegetarischen Kochbücher ist eine geringe, trotzdem, daß die vegetarische Kost heutzutage — auch oft unbewußt, oft aus praktischer Sparsamkeit — immer mehr Anhänger findet. Frau v. Pröpper's Name bürgt für eine gediegene Arbeit, und die Rezepte Iaffen uns diese Annahme bestätigen. Auch für katholische Gegenden dürfte das Buch in der Fastenzeit von hohem Wert sein. Ist auch in den meisten Haushaltungen ein gutes Stück Fleisch immer noch der willkommenste Bissen, so schadet selbst in der opulentesten Küche ein fleischloser Tag in der Woche gar nichts, im Gegenteil! Und auch hier wird Frau v. Pröpper wie immer eine gute Ratgeberin sein.
Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


