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f er Schmelz der Blume ist wohl bald dahin, Ihr süßer Duft wohl bald im Wind verweht, Und doch — es lebt in ihrem Kelch ein Geist, Der nicht vergeht.
Des Meeres Welle ist wohl bald versprüht, Im Dünensand verdunstet bald ihr Schaum, Und doch — ihr Rauschen lallt uns leise noch In Schlaf und Traum.
Des Lebens schönste Tage zieh'n dahin, Wie dieser kleine, schüchterne Gesang, Und doch — es klingt durch ihre Flucht ein Ton Von ew'gem Klang. Otto Frommel.
Nachdruck verboten.
Die Armenhausprinzesstn.
Roman von O. Elster.
(Fortsetzung.)
Elsie trat an den Flügel zurück, der Kapellmeister intonierte die Begleitung, und weich und sehnsüchtig perlten die Worte von den Lippen Elsies:
„Komm' aus der engen Stadt, damit die Felder blühen,
Blick auf den Dornenstrauch, damit die Rosen glühen,
Tritt in den weißen Schnee, damit die Knospen springen, Schau' diese Bäume an, damit die Vögel singen.
Blick auf das starre Eis, daß Leben werd' im Bache, Falte die Hände fromm, daß die Natur erwache.
Oh hauche sanft sie an, daß blüht und grünt die Erde —
Breit' Deine Arme aus, damit es Frühling werde!"--
Eine tiefe, atemlose Stille folgte dem Liede. Der Herzog hatte sich erhoben. Seine Hand hatte mit fast krampfhaftem Griff die Lehne seines Sessels umfaßt,- sein Antlitz war bleich geworden, seine Lippen schienen zu beben, sein loderndes Auge hing in schwärmerischem Blick an der Gestalt Elsies, die, das von den goldenen Locken umwallte Haupt tiefgebeugt, mit gesenktem Auge und heißen Wangen dastand, während die stürmischen Gefühle ihr Herz, ihre Brust zu zersprengen drohten.
Aufatmend trat der Herzog zu Elsie. „Sie sind eine gottbegnadete Künstlerin, Fräulein Elsie," sprach er mit tiefer Stimme, „und ich schätze mich glücklich, Ihnen die Wege des Ruhmes ebnen zu dürfen. Noch niemals hat mich dieses Lied so ergriffen, wie heute Abend — breit' Deine Arme
aus, damit es Frühling werde — — ich danke Ihnen von ganzem Herzen."
Er ergriff ihre Hand und drückte sie an die Lippen. Ihre Blickte begegneten sich, eine Weile ruhten sie ineinander, als wollten sie jedes in der Seele des anderen lesen — dann flog ein Erschauern durch die Gestalt Elsies, sie senkte die Augen — und der Herzog trat tief aufatmend zu Herrn und Frau von Hannecken zurück.
„Ich beglückwünsche Sie, Excellenz," sagte er, „daß Sie diese Perle gefunden haben. Sie wird unserem Hoftheater neuen Glanz nnd neuen Ruhm verleihen. Ihr Schützling soll sich doch der Bühne widmen — ich hoffe, sie sehr bald auf meiner Bühne begrüßen zu dürfen."
„Elsie ist noch sehr jung, Hoheit —"
„Aber bereits eine vollendete Künstlerin. Wie ist eS, Herr Kapellmeister, finden Sie nicht auch, daß das Fräulein bereits fertig für die Bühne ist?"
Der Kapellmeister trat mit tiefer Verbeugung näher. „Ich habe mit dem gnädigen Fräulein bereits die Partie der Leonore in Fidelio einstudiert und ich hoffe, Ew. Hoheit werden die junge Künstlerin bereits in einigen Wochen auf der Bühne sehen können."
„Das freut mich. — Sehen Sie, Excellenz, ich hatte recht. Fräulein Elsie muß ^hinaus in das Leben, in die Kunst — wir werden die Welt mit einem neuen Stern überraschen. — Excellenz," wandte er sich lachend an die Oberhofmeisterin Gräfin Bittenfeld, „Sie werden Ihrer Hoheit, meiner Mutter einen glänzenden Bericht erstatten können."
Die Oberhofmeisterin verneigte fich tief. „Ich werde nicht verfehlen, Hoheit!"
„Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Bewunderung zu Füßen lege, Armenhaus - Prinzessin," flüsterte Rittmeister von Hannecken Elsie zu.
Erschreckt sah sie zu ihm empor.
„Armenhaus-Prinzessin 1"
Wie ein häßlicher Ton aus längst entschwundener Zeit klang das spöttische Wort ihr ins Ohr und zerriß mit einem« male den goldig schimmernden Schleier, der ihr Leben, ihre Vergangenheit und Zukunft zu umweben schien. Armenhaus- Prinzessin! Dieses eine Wort schleuderte sie in die Tiefen des Lebens zurück, denen sie bereits entronnen zu sein glaubte, Armenhaus-Prinzessin! Dieses eine Wort zerstörte mit einemmale den goldenen Traum von Glück und Glanz und zeigte ihr die Welt und das Leben wiederum in dem fahlen Lichte der Wirklichkeit.


