Ausgabe 
6.8.1899
 
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Nicht wahr, es war menschlich? Ein Engel war ich nicht und bin ich nicht. Und wenn sie alles gewußt hätte/' zu sich selbst hinzu,würde sie mich verstanden

XXI.

November war mit Sturm und Regen ins Land Es war kalt und unwirtlich auf den Straßen,

und "kalt und düster war es auch in der kleinen Hinterstube, die an dieBlumenhalle« grenzte. In dem eisernen Ofen brannte kein Feuer, teils aus Mangel an Kohlen, teils weil niemand da war, das Heizen zu übernehmen. Seit zwei Tagen konnte Frau Clarissa nicht mehr aufstehen. So lange hatte sie sich, von Husten und Atemnot geplagt, noch hingeschleppt- jetzt ging es nicht mehr. Vor einer Woche schon hatte Schmidt ihrem Sohne in der Kaserne sagen lassen, er möge einmal kommen- die Alte würde es nicht mehr lange treiben. Leo aber hatte sich nicht blicken lassen.

In der Kammer herrschte frostige, schlechte Luft. Auf dem Bette der Kranken waren Decken und Kleidungsstücke übereinander getürmt, denn Clarissa konnte sich nicht er­wärmen. Sie lag da mit brennenden Lippen, mit rotfleckigen Wangen, mit glühenden Händen, ihr Atem ging schnell- das Reden war ihr beinahe unmöglich, und doch wollte Schmidt, der an ihrem Bette stand, sie zu einer Antwort, die sie zu geben sich weigerte, zwingen. Immer dieselbe Frage, mit der er sie schon so oft gepeinigt hatte.

Krepierst hier im Elende," fuhr er sie an,während Du nur die Hand auszustrecken brauchtest, um für Dich und Leo und für mich zu sorgen. Dumme Gans! Aber wart' nur, Du sollst mir noch beichten!"

Er packte sie mit festem Griff um das Handgelenk. Sie stieß ein schmerzliches Stöhnen aus und sah sich ver- zwetflungsvoll nach Hilfe um. Niemand war nahe, nicht einmal das Lehrmädchen- denn es war Sonntagnach­mittag, und das Geschäft blieb geschloffen. Das Gefühl, daß sie ganz in die Gewalt dieses brutalen Menschen ge­geben sei, überwältigte die Kranke. Im Grunde galt es ihr gleich, ob das Geheimnis gewahrt blieb oder nicht, jetzt, da es mit ihr zu Ende ging, da Verschwiegenheit keinen klingenden Lohn mehr brachte- nur Haß gegen den Mann, der ihr soviel zu leide gethan, das süße Gefühl der Rache, die Erkenntnis, daß sie ihm durch ihr Schweigen alles hcim- zahle, was sie durch ihn gelitten, schloß ihr den Mund. Schmidt zog sie an den Armen in die Höhe und schüttelte den gebrechlichen Körper. Ein furchtbarer Hustenanfall folgte. Blut rann ihr aus dem Munde und befleckte den Aermel seines Rockes.

Pfui Teufel!" schrie er.Aber los kommst Du nicht. Erst will ich wissen, wer der Vater vom lieben Leon war!

Dabet versetzte er ihr noch einen Puff. Sie wandte sich vor Schmerz und blickte hilfesuchend ins Leere. Da öffnete sich die Thür, und Leo trat ein. Er hatte die letzten Worte Schmidts gehört.

Das geht Dich gar nichts an. Das geht mich an und die Mutter und keinen anderen. Und nun laß die Mutter in Ruhe!"

Er stieß Schmidt fort und drängte sich an Clariffens Bett. Diese war kraftlos in ihre Kissen zurückgesunken und nickte dem Sohne mit dankbarem Blicke zu.

Sieh zu, ob Du mehr Glück hast," lachte Schmidt roh. Hast Dich übrigens nicht sehr beeilt mit dem Herkommen, mein Junge."

Leo antwortete ihm nicht. Er beugte sich zur Mutter herab und flüsterte:Ich lag selbst im Lazarett, Mutter."

Sie schaute traurig zu ihm auf und streichelte seine Hände. Reden konnte sie nicht, und schneller und schneller ging ihr fiebernder Atem.

Im Angesicht ihrer kläglichen Lage übermannte den jungen Mann plötzlich eine lange nicht mehr gefühlte Weich­heit, Mitleid mit dem elenden Wesen, Erinnerung an das, was er ehemals für sie gefühlt: jenes seltsame Gemisch von

fügte er haben."

Der

sam ein Plan.

XXII.

Leo hatte Urlaub genommen, um dem Begräbnis beizu­wohnen- dann war er in die Kaserne zurückgekehrt. Er sprach nicht über den Todesfall und zeigte auch keine besondere Trauer, vielleicht, daß er ein wenig stiller war, als sonst. Weniger aus Schmerz, als weil ihn ein Gedanke ausschließlich beschäftigte, so sehr, daß er darüber fast vollständig

bewundernder Zärtlichkeit und knabenhafter Verehrung. Richtig lieb gehabt hatte er in seinem Leben nur zwei Menschen, seine Mutter und die Frau Oberlehrer Heilmann, seine zweite Mutter. Wie unermüdlich war sie bedacht gewesen, über sein Wohl zu wachen. Wenn er bei ihr hätte bleiben dürfen! Noch häufig, nachdem er längst ihr Haus verlassen, hatte sie ihn auf der Straße freundlich angesprochen und ihn aufgefordert, sie zu besuchen. Wie gerne wäre er der Aufforderung gefolgt- aber er schämte sich. Hätte er doch auch von Daheim und von den Seinigen von seinem Stief­vater! berichten müssen- und das widerstrebte ihm. So war er der Vielbeschäftigten aus den Augen gekommen und hatte sie ganz verloren. Und nun sollte ihm auch seine leibliche Mutter, die es bei all' ihren Fehlern doch immer so gut mit ihm gemeint hatte, entrissen werden. Er war nicht einmal sehr traurig darüber. Er wußte schon lange, daß sie bald sterben würde, und schade um das elende Leben, das sie führte, war es wahrlich nicht. Nachher würde er wenigstens nichts mehr mit jenem rohen Menschen zu schaffen haben, seinem Stiefvater.

Der stand breitbeinig am Kammerfenster und pfiff.

Willst Du was?« fragte Leo. Die Mutter war plötz­lich unruhig geworden und zerrte am Aermel seiner Uniform, als wünsche sie, daß Leo sich zu ihr hinabbeuge.Willst Lu mir was sagen? '

Sie nickte. Er legte sein Ohr dicht an ihren Mund. Sie öffnete die Lippen. Er hielt den Atem und lauschte, aber kein Laut ward vernehmbar, nur das Rascheln, mit dem sie nach Luft rang. Immer lauter und unheimlicher klang es durch das stille Gemach. Schmidt hörte auf zu pfeifen. Leo, der unbehaglichen Stellung müde, erhob sein Haupt wieder. Er hatte noch nie jemand sterben sehen, aber er ahnt, daß dies der Tod sei. Er bleibt auf der Bettkante sitzen, und die Mutter klammert sich fest an ihn mit ihren schweißigen Händen. Er friert jämmerlich. Auch Schmidt friert. Mit großen Schritten läuft er im Zimmer auf und ab und reibt sich die Hände, um sie zu erwärmen. Es dauert sehr lange. Leo überlegt, daß er kein Nacht­zeichen habe. Jetzt ist es allerdings erst um die siebente Stunde, aber es ist schon ganz dunkel.

Leo starrt stumpfsinnig hinaus. Er wartet. Nicht auf die Enthüllung, die sie ihm hat geben wollen- er ist nicht einmal neugierig: es gilt ihm ziemlich gleich, wem er sein elendes Leben verdankt. Aber er wartet. Er muß doch warten, bis sie tot ist- sie, die niemand auf der Welt hat außer ihm.

Immer tiefer sinkt die Nacht auf die Erde. Die Gegenstände verschwimmen in einander. Die Mutter kann er schon lange nicht mehr sehen, er hört nur ihr unheimliches Röcheln, und ihre Finger kleben auf seiner Hand.

Plötzlich fühlt er einen heftigen Ruck, zuckend versucht Clariffens schwacher Arm ihn herabzuziehen. Er folgt ihrer Bewegung- er hat verstanden, was sie will. Noch einmal will sie versuchen, zu sprechen, ehe Leben und Atem für immer entflohen. Er neigt sich zu ihr nieder. Unmöglich unverständlich ein paar pfeifende Laute endlich ein Name krampshaft hervorgestoßen dann wieder gurgelnde Töne doch er weiß genug.

Ein unbekanntes, sattes Gefühl der Befriedigung senkt sich auf nieder. Er ist jetzt ganz ruhig. Ohne Unge­duld, fast ohne Empfindung läßt er die Schrecken des langen Todeskampses an sich vorübergehen- nur in seinen Augen flackert ein seltsames Feuer, und in seiner Seele reift lang-