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sie leise betend. Dann brach sie einen Epheuzweig, den wollte sie als Gruß der Mutter auf Walters Grab pflanzen. Noch einmal blickte sie im Abendschein über die beiden Gräber, in den alten Cypressen rauschte der Wind und trug vom nächsten Dorfe das Vespergeläut herüber- still ging sie hinaus, zurück in die Welt.
Am anderen Morgen reiste Renata ab, und es war ihr doch wie Heimatsgefühl, als sie ihr Zimmer wieder betrat und in Frau Pastor Noltes gutes, altes Gesichtchen blickte.
Frida kam bald, sie zu begrüßen und erzählte, der Großvater sei sehr schwach, er habe öfter nach Renata gefragt.
Max hatte mit Viktor eine Reise unternommen, die letzterer länger ausdehnen wollte, während Max in diesen Tagen schon wieder erwartet wurde.
Es war Renata lieb, daß sie Viktor so bald nicht wieder sah. Ob er sich mit Frida verständigt, erfuhr sie nicht, sie fand diese aber verändert, sie war stiller und nachdenklicher gewordene
Dem Pastor Nolte zeigte Renata noch am selben Abend den Zettel, den sie gefunden. Der Pfarrer war gleich nach ihr wieder bei seiner Mutter eingetroffen und wollte nicht lange Aufenthalt nehmen, sondern den nächsten Abend nach Hause reisen. Er erkannte sofort die Handschrift seines seligen Vaters, und auch die alte Dame rief nach einem flüchtigen Blick auf die wenigen Worte: „Gewiß, das hat mein seliger Mann geschrieben! und da steht noch Schwal . . ., das heißt Schwalenberg, und hier den Schnörkel habe ich schon unter seinen Bräutigamsbriefen!" Die gute alte Mama wurde ganz aufgeregt und mußte sich mehrmals die Augen wischen. Auch Lina überzeugte sich von der Richtigkeit der Sache und häkelte dann nachsinnend weiter.
Pastor Nolte drehte das Papier nach allen Seiten und Renata sah ihm mit heimlich banger Spannung zu. Er fragte sie noch einmal nach dem Mädchennamen ihrer Mutter. „Besinne dich doch, Mütterchen," sagte er dann zu Frau Pastor Nolte, die sich in Schmalenberger Erinnerungen ganz verloren hatte, aber sie schüttelte den Kopf.
„Wo lebten denn Ihre Eltern?" fragte der Pastor nach einer nachdenklichen Pause.
„Anfangs auf einem Gute, das wohl dem Onkel, dessen einziger Erbe mein Vater war, gehörte, später wurde es verkauft."
„Und das lag im Oesterretchischen?"
„Ja, soviel ich weiß."
„Schwalenberg liegt an der Grenze- eine kleine evangelische Gemeinde unter lauter Katholiken," sagte Nolte nachdenklich, „vielleicht kommt's mir über Nacht."
Und es kam. Am andern Morgen rief er vergnügt: „Ich hab's, Mütterchen!"
„Ach, das ist hübsch," entgegnete die Mutter, eifrig am Kaffeetisch hantierend.
„Du wirst Dich auch erinnern," fuhr der Geistliche lebhaft fort, „Lina war damals nicht zu Hause, als die interessante Geschichte passierte."
„Nun so erzähle doch!" drängte die alte Dame, dem Sohne eine Tasse Kaffe einschenkend.
„Es war zu der Zeit, als ich nach meinem ersten Examen den Vater im Amte unterstützte, da begehrte eines Tages ein ganz fremdes Brautpaar, in Begleitung eines älteren Herrn, getraut zu werden. Entsinnst Du Dich nicht?"
Die Mutter faßte sich an die Stirn und verneinte.
„Vielleicht fällt es Dir noch ein. Also, das Paar war ganz fremd, ebenso der alte, in der äußeren Erscheinung auffallende Herr. Der Bräutigam sah entschieden vornehm aus und hatte eine Haltung wie ein Offizier in Zivil. Die Braut war eine reizende Erscheinung. Ich war damals ganz hingerissen von der geheimnisvollen Sache und vermutete in dem jungen Manne mindestens einen Prinzen, der eine unebenbürtige Heirat schlösse. Der selige Vater amüsierte sich über meine jugendliche Romantik und fand die Geschichte, da sie an der Grenze passierte, gar nicht so wunderbar."
„Ja, jawohl, Karl!" rief jetzt Frau Pastor Nolte mit lebhafter Gebärde, „jetzt weiß ich's! Die Braut hatte mein ganzes Herz gewönne», aber sie weinte herzbrechend, und der Bräutigam sah sehr finster dabei aus. Ach Gott, in Deines Vaters Zimmer setzte ich ihr den Myrtenkranz auf und ging dann mit ihr in die Kirche. Dabei weinte ich immerfort und wußte doch nicht warum."
„Du meinst also, dies Paar sind die Eltern der Renata gewesen?" ließ sich jetzt Lina vernehmen.
„Ich zweifle nicht daran," erwiderte der Bruder, „und jetzt weiß ich auch, daß das junge Mädchen dem jungen Mann frappant ähnlich steht."
„Um der Sache auf den Grund zu kommen, brauchst Du nur im Kirchenbuche von Schwalenberg, das ja garnicht so weit von Eurem Wohnorte liegt, nachzusehen" bemerkte die praktische Lina, indem sie aufstand und das Kaffeegeschirr zusammensetzte.
„Du hast recht, wenn dem Fräulein damit gedient ist- sie scheint merkwürdig wenig von ihren Eltern zu wissen. Die Geschichte ist zwanzig oder ein Jahr darüber her, und das würde ja mit dem Alter der jungen Dame stimmen. Es ist mir nur nicht erinnerlich, daß der junge Mann auch Wendelin, wie der alte, hieß, ich meine, sein Name lautete anders."
„Am Ende war's doch ein Prinz," sagte Lina trocken, die Renata fleht schon danach aus," mit diesen Worten trug sie das Kaffeegeschirr hinaus.
Mit tiefer Bewegung hörte Renata von dem freundlichen Herrn das Ergebnis seines Nachdenkens. Auch sie setzte keinen Zweifel mehr darein, daß jenes Paar ihre Eltern gewesen. Wehmütig hörte sie von der guten Frau Prediger ihre Mutter als reizende, jugendliche Braut schildern- daß sie so viel geweint, verschwieg die Dame taktvoll. Es wunderte Renaten auch nicht, daß ihre Eltern sich in einem fremden Orte hatten trauen lassen, der Onkel war katholisch gewesen und für ein Paar Waisen war es ja gleich, wo sie getraut wurden.
„Wirklich, zu merkwürdig," sagte Frau Nolte, „daß Sie nun gerade hierher zu uns kommen mußten, ich habe Sie nun doppelt lieb."
Renata blickte gerührt in die freundlichen, so leicht über- fließenden Augen der kleinen, guten Frau. Ach, und doch that es ihrem Kinderherzen weh, nicht mehr zu wissen, erst durch fremde Menschen erfahren zu müssen, woher ihre Eltern gekommen.
Frau Pastor Nolte entsann sich auch noch, daß ihr Mann an die Herrschaften später einen Brief geschrieben hatte und zwar nach einem Gute, dessen Namen sie jedoch vergeffen hatte. (Fortsetzung folgt.)
3n der Schuhfabrik.
Bon Arthur Rehbein.
—-— Nachdruck verboten.
Ob sich Hans Sachs, der ehrsame Nürnberger Schusterpoet, oder jeder andere seiner damaligen Zunftgenossen das wohl hätte träumen lassen, daß einst an Stelle ihrer engen Werkstatt, in der sie mit einem Gesellen und einem oder zwei Lehrbuben schafften, und in der sie, wenn's hoch kam, vier Paar Schuhe oder Stiefel den Tag über zuwege brachten, einst große Fabriken treten würden, in denen ein paar hundert Menschen und fast ebensoviel Maschinen thätig sind, und wo Tag für Tag 800 Paar Schuhe fertig werden?
800 Paar — das ist tatsächlich die Durchschnitts- Tagesleistung einer mittleren Schuhfabrik. Man bekommt eine Vorstellung von der Bedeutung dieses Zweiges deutscher Gewerbthätigkeit, wenn mann bedenkt, daß in einer solchen Fabrik jedes Jahr durchschnittlich für Va Million Mark Leder verarbeitet wird!
Einen sehr beträchtlichen Wert stellt schon der jeweilige Lagerbestand dar. Wieviel Häute liegen hier dicht auf


