— 502
fest in sich beruhen und dabei so bescheiden bleiben könnte wie Du!"
„Das lernt sich, wenn man wie ich von früher Jugend an auf eigenen Füßen stehen und sogar noch für andere sorgen muß", lächelte Felicitas; „trotzdem Du früh die Mutter verloren, hat das Leben Dich bisher recht sanft angefaßt —"
„Um so rauher verfährt es nun mit mir", unterbrach sie fAurelie aufschluchzend, fügte dann aber hinzu: „Vergieb, ich muß Dir kindisch und selbstsüchtig erscheinen. Immer rede ich nur von unseren Angelegenheiten, ohne nach den Deinigen zu fragen".
„Sind denn Eure Angelegenheiten nicht die meinen?" entgegnete mit einem wunderschönen Lächeln Felicitas. „Gehöre ich nicht zu Euch? Wenn Ernst heute zu mir sagte: Ich bedarf Deiner, werde mein Weib, arbeite mit mir und für mich, ich würde mich keinen Augenblick bedenken und thun, was er wollte".
„Er kann das nicht sagen!" seufzte Aurelie, „und —"
„Deshalb bleibt uns nichts übrig, als zu warten!" fiel Felicitas ein, und ich schicke mich auch „darein".
„Und erträgst inzwischen Unsägliches im Helldorf'schen Hause!"
Ein Schatten flog über die klare Stirn des jungen Mädchens, aber mutig kämpfte sie die aufsteigende Traurigkeit nieder und sagte leichthin:
„Nun, wenn Frau Kommerzienrätin Helldorf es mir zu arg macht, so kann ich jederzeit gehen und mir eine andere Stellung suchen".
„Ich an Deiner Stelle hätte das längst gethan!" rief Aurelie. „Ost habe ich schon beklagt, daß der Vater Dich in das Haus gebracht hat".
„Das solltest Du doch nicht thun, entgegnete Felicitas in der ihr eigenen verständigen Weise. „Die Stellung bietet doch viel Annehmlichkeiten. Hermine liebt mich, der Kommerzienrat behandelt mich mit Achtung und Wohlwollen, Hans ist mir wie ein Bruder, und sogar Adalbert begegnet mir stets freundlich und höflich!"
„Du zählst alle Vorteile auf, aber —"
„Wo viel Licht, ist auch viel Schatten", fiel Felicitas ein, „und ich habe noch nicht einmal alles erwähnt, was schwer in die Wagschale fällt. Das Studium meines Bruders kostet viel Geld".
„Das ist des Pudels Kern!" rief Aurelie. „Deshalb läßt Du alles über Dich ergehen! Ernst hat wohl recht, wenn er sagt, daß cs mit sein schwerster Kummer sei, Dich auf unabsehbare Zeit in dieser Dienstbarkeit laffen zu müflen, daß er es eigentlich für ein Gebot der Ehre halte, Dich Deines Wortes zu entbinden".
„Aurelie, das — kannst Du mir sagen, nach allem was wir soeben mit einander gesprochen haben!" Sie war aufgesprungen und stand mit hocherhobenem Kopfe und blitzenden Augen vor der Freundin. „O, das solltest Du mir nicht anthun!"
Aurelie legte schmeichelnd den Arm um sie, zog sie wieder neben sich nieder und flüsterte ihr ins Ohr: „Felicitas, es heißt, r« könntest, wenn Du wolltest, der Abhängigkeit, in der Du lebst, mit einem Schlage ein Ende machen, ein sehr reicher Mann bewürbe sich um Dich".
Wie von einer Natter gestochen fuhr Felicitas auf. „Ist das Gerücht auch schon zu Euch gedrungen? Weiß Ernst darum?"
Aurelie neigte bejahend den Kopf.
Felicitas schlang die Hände ineinander und sagte mit einer durch Thränen leicht verschleierten Stimme: „Ich wollte es Euch ja so gern verschweigen!"
„Es ist al o wahr- Dr. Corbus bewirbt sich um Dich?"
„Er verfolgt mich mit seinen Anträgen!" schluchzte Felicitas auf, „und die Kommerzienrätin unterstützt ihn dabei".
„Ei, sieh, das hätte ich ihr nicht zugetraut!" rief
Aurelie überrascht. „Sie will Dir also doch zu einer guten Partie verhelfen, denn Dr. Corbus soll sehr reich sein".
„Besäße er alle Schätze Indiens und hätte ich Ernst nie mit meinen Augen erschaut, so möchte ich doch nicht die Gattin dieses Mannes werden- mir graut vor ihm!" rief Felicitas, und ein leichter Schauer schüttelte dabei ihre Glieder.
„Aber ich begreife Dich nicht!" rief Aurelie. „Dr. Corbus scheint mir ein interessanter, angenehmer Mann und hat sich gegen uns sehr großmütig bewiesen. Ich war gar nicht einverstanden mit Ernst, daß er sein Anerbieten so entschieden abgewiesen hat. Sollte da nicht etwas Eifersucht im Spiele gewesen sein?"
„Aus welchem Grunde es auch geschehen sein mag, er hat recht daran gethan. Obwohl niemand darüber spricht, so ist es mir doch, als teilten der Kommerzienrat und seine Söhne meine Empfindung. Hermine giebt sie ohne Rückhalt kund, denn sie flieht, wenn der „Onkel" mit ihr scherzen und schön thun will".
„Und die Kommerzienrätin?"
„Ach, aus der ist ja niemals klug zu werden!" seufzte Felicitas, „aber" — sie dämpfte ihre Stimme — „mich will es doch bedünken, als ob der Doktor einen geheimnisvollen Einfluß auf sie ausübe."
„Wieso?"
„Das läßt sich nicht so schildern. Aurelie, es ist mir schon öfter der Gedanke aufgestiegen, die Vergangenheit dieser Frau müsse irgend ein dunkles Geheimnis bergen. Ihr Benehmen ist doch gar zu unerklärlich und widerspruchsvoll. Corbus ist ihr Vetter und Jugendgenosse. Wie, wenn er darum wüßte?"
„Du machst mich ja ganz gruselig!-" sagte Aurelie sich schüttelnd. „Und Du meinst, deshalb sei sie seine Fürsprecherin bei Dir?"
„Es will mir so scheinen- dann wiederum habe ich Grund zu glauben, daß sie mich aus anderen Ursachen gern aus dem Hause entfernen möchte."
„Ich dächte, sie könnte froh sein, daß sie Dich darin hat!" warf Aurelie dazwischen.
„Solche Stunden kommen auch," entgegnete Felicitas mit einem Anfluge von Humor, „aber sie sind nur sporadisch."
„Nun, so mag sie Dir kündigen!"
„Dazu kann sie fick auch nicht entschließen. Ach, Du hast ja keine Ahnung, wovon diese Frau geplagt wird, und womit sie mich plagt. Ich schäme mich, es Dir einzugestehen"
Eine brennende Röte bedeckte das Gesicht des jungen Mädchens und war noch im Nacken bis zum reizvollen Ansatz der blonden Löckchen sichtbar, als sie den Kopf an die Schulter der Freundin lehnend flüsterte: „Sie ist eifersüchtig."
„Eifersüchtig?" wiederholte Aurelie. „Auf die Liebe ihrer Tochter zu Dir?"
„Auf diese, auf den Sohn, auf den Stiefsohn — vor allem aber auf den Mann!"
„Felicitas!"
„Sie verfolgt mich mit dem Argwohn, ich stünde mit ihrem Gatten im geheimen Einverständnis, mein Sinnen und Trachten gehe dahin, sie zu beseitigen und mich an ihre Stelle zu setzen. Meine Weigerung, den Antrag des Dr. Corbus anzunehmen, galt ihr als eine Bestätigung und hat sie ganz außer sich gebracht."
„Aber das ist ja heller Wahnsinn!"
„Man sollte es dafür halten - er ist periodisch. Sobald sie sich ausgetobt, bereut sie, was sie gethan und bittet um Verzeihung. So wie jetzt hat sie es aber noch nie getrieben."
„Arme, arme Felicitas," sagte Aurelie vom tiefsten Mitleid erfüllt. „Wie bin ich beschämt, daß ich Dir klage, wo Du selbst so schwer zu leiden hast. Wenn Du ihr nun sagtest —!"
„Daß mein Herz nicht mehr frei ist," unterbrach sie Felicitas, indem sie sich aufrichtete, „das habe ich gethan,


