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reicher. Sie berichtete ihm, daß sie schon ziemlich lange zu Besuch bei einer Freundin hier weile, daß es ihr sehr gut hier gefiele, und fie fich gar nicht nach ihrer Heimat zurück­sehne. Sie wäre zum erstenmal in ihrem Leben auf einem Maskenball, und hätte nicht gedacht, daß sie sich so gut amüsieren würde.

Die beiden tanzten viel zusammen und setzten sich dann wieder in ein stilles Eckchen, um zu scherzen und zu plaudern miteinander, und der feuerfarbene Domino, der zuerst etwas schüchtern gewesen war, schaute jetzt immer wieder in die dunklen, strahlenden Augen, die ihn unter der Maske so lustig anblitzten.

Er hatte die Maske schon mehrmals gebeten, ihm doch wenigstens für einen Augenblick in einem der Nebenzimmer ihr Gesicht zu enthüllen, aber sie hatte ihn stets ausgelacht und ihn auf nachher vertröstet.

Es mochte kurz vor zwölf Uhr sein, als sie den roten Domino bat, ihr ein Glas reines Brunnenwasser zu holen.

Aber als er mit dem Verlangten zurückkehrte, war der grünseidne Domino verschwunden und nicht wieder aufzu­finden, so eifrig er das ganze Gewühl auch durchforschte und durchsuchte.

Nachdem er sich die bald erfolgende Demaskierung von oben angesehen, verließ auch der rote Domino kurz darauf das Fest, innerlich wütend über das vorzeitige, plötzliche Ver­schwinden der schönen, unbekannten Maske.---

Helene Shdow hatte mit ihrer Freundin ausgemacht, daß jede allein ihr Heim aufsuchen sollte.

Sie war denn auch in einer Droschke glücklich nach Hause gekommen, und kein Mensch, der sie gesehen, hätte ver­mutet, sie kehre von einem Maskenballe zurück, denn sie hatte sich ihres Domino's wohlweislich schon in der Garderobe entledigt und sich in einen weiten Abendmantel gehüllt.

Lange noch saß die junge Frau in ihrem Zimmer und grübelte über die Person des roten f omino's nach. So viel sie gesehen, war es eine hohe, elegante üigur gewesen, die sich unter der schützenden Hülle des Domino's verbarg und die lebhaft blickenden, blauen Augen erinnerten sie dunkel an rin anderes Augenpaar, das sie kannte.

Es war doch wunderschön gewesen, sie hatte fich herrlich amüsiert und mit der ungelösten Frage auf den Lippen, wer der Unbekannte wohl gewesen sein mochte, schlief sie endlich ein.--

Am andern Morgen packte sie Domino und Maske gut ein und trug beides eigenhändig, dicht verschleiert, wieder in die Leihanstalt.

Um zwölf Uhr kehrte der Baumeister von seiner Reise zurück. Er brachte seiner kleinen Frau ein für so kurze Abwesenheit eigentlich viel zu kostbares Geschenk mit, einen schmalen, goldnen Armreif mit Türkisen besetzt, einen schon lange gehegten Wunsch Frau Helenens damit erfüllend.

Nun schlug der jungen Frau doch das Gewisien und mehrmals war sie im Begriff, ihm alles zu gestehen aber Max war heute so verändert, sie wollte lieber noch einige Zeit warten. Er war furchtbar zerstreut ohne Zweifel, gab mehrmals verkehrte Antworten, und sah sie manchmal so von der Seite an, daß ihr ganz angst wurde. Dann aber war er wieder außerordentlich zärtlich, entschuldigte seine Zerstreut­heit mit vielen Arbeiten in seinem Beruf, bei denen er bald hier, bald dort sein sollte rc.

Die junge Frau machte sich währenddem innerliche Vor würfe, daß sie ihrem Vergnügen nachgegangen sei, während ihr armer Mann so angestrengt hatte arbeiten müffen.

Während der nächsten Tage gingen die beiden Ehegatten sich zwar unauffällig, aber doch so viel als möglich aus dem Wege, indem er sehr viel Arbeit, sie starke, anhaltende Kopf­schmerzen vorschützte.

Vier Tage nach dem Ball las die junge Frau eines abends folgendes Inserat in der Zeitung:

Der grünseidne Domino mit goldnen Sternen, der auf dem Maskenball imgroßen Saalbau", so plötzlich verschwunden ist, wird gebeten, so fern auch ihm etwas daran gelegen ist, seinen Kavalier wtederzusehen, sich Freitag abend 8 Uhr am Kaiserdenkmal am . . . platz etnzufinden. Diskretion Ehrensache. Der rote Domino."

Helenens Herz köpfte stürmisch. Er wollte sie Wieder­sehen, war das nicht ein famoser Ulk? Natürlich hielt er sie für ein junges Mädchen und war gespannt auf ihr Aeußeres

Sie war natürlich nicht weniger neugierig, aber durfte sie denn gehen? Wenn Max etwas merkte? Und wenn er morgen abend gerade zufällig zu Hause blieb, wie sollte sie dann fortkommen. Es war doch ein unschuldiger Fastnachts scherz und gewiß nicht schlimm, wenn sie ging, entschied sie dann; warum auch hatte Max nicht mit ihr auf einen Masken ball gehen wollen!

Beim Abendessen war Frau Helene ziemlich einsilbig, bis ihr Gatte ihr mitteilte, er hätte morgen abend eine Vereinssitzung mitzumachen, die wohl von 7 bis 10 Uhr dauern werde. Sie möge also mit dem Essen nicht auf ihn warten. Nun wurde die junge Frau gesprächiger, indes Max nun verstummte, als ob sie die Rollen vertauscht hätten.

Am andern Tage war Frau Helene in einiger Auf­regung, aber auch der Baumeister schien zerstreut und mit seinen Gedanken öfters abwesend zu sein, was seine Frau natürlich übersah. Am Abend machte Max äußerst sorg­fältig Toilette, was bei sonstigen Sitzungen nicht geschehen war. Helene sah ihn mit einiger Verwunderung an, sagte aber nichts.

Kurz vor 7 Uhr verabschiedete er sich eilends von ihr und ging. Nun begann auch Frau Helene sich für den Ausgang anzukleiden. Sie hatte ein einfaches, dunkles Kostüm gewählt, das sie aber vorzüglich kleidete. Jetzt noch einen dichten, schwarzen Schleier, und sie war fertig.---

Es hatte soeben auf einem der vielen Türme 8 Uhr geschlagen, als eine hohe, in einen weiten Havelock gehüllte Männergestalt, den Hut tief in die Stirne gedrückt, fich der hinteren Seite des Kaiserdenkmals näherte.

Einen Augenblick darnach schritt von der anderen Seite eine Dame auf denselben Platz zu.

In der Mitte stießen sie zusammen. Das Licht einer Laterne fiel hell auf die Beiden und ein Doppelschrei ertönte Plötzlich.

Max!"--

Helene!"--

Und wie zu Bildsäulen erstarrt, standen sich die Ehe­gatten gegenüber.

Helene, als kluge Evastochter, faßte sich zuerst, denn es fuhr ihr sofort durch den Sinn, daß Max ihr nichts anhaben könne, nachdem er auf demselben Verbrechen ertappt worden war. Sie brach daher jetzt in ein leises Lachen aus, und während sie ihren Arm in den des noch immer regungs­los dastehenden Gatten legte, langsam mit ihm weiterschlenderte, flüsterte sie ihm zu:Aber Maxel, so inkonsequent? Kein anständiger Mensch geht doch aus den Maskenball einer Großstadt. Nun stimmte auch der Baumeister in das lustige Kichern seiner kleinen Frau ein.

Als man sich nachher in einem seinen Restaurant in einer gemütlichen Ecke bei einem ausgesuchten kleinen Souper und einer Flasche Sekt gegenüber saß, wurde in äußerst heiterer Stimmung die gegenseitige Beichte entgegengenommen und mit wirklicher Großmut Absolution erteilt; Frau Helene wußte außerdem das Eisen zu schmieden, so lange es warm war. Max mußte ihr versprechen und zwar feierlich, das nächste Jahr sich nicht erst wieder von feinem Freunde über­reden und verführen zu lassen, sondern aus freien Stücken, hübsch offiziell und in persona mit feiner Gattin einen Maskenball zu besuchen.

Redaktion: E. Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Sielndruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.