Sie wandte sich ab und winkte mit der Hand. „Lassen Sie mich, gewiß, es geht vorüber."
Mr. White schritt langsam durch die Straßen. Um seinen Mund spielte ein bitterer Zug. So also standen die Dinge, und er — nun, er ward bald überflüssig hier.
Wenn Albert genaß — bei seiner Jugend mußte man es ja hoffen — so kam die Sache zwischen ihm und seiner Liebsten bald zu solchem Ende, wie es damals geplant worden. Freilich, auf anderen Wegen, aber doch zu demselben Ziel. Sie hatte sich selbst eingeführt bei dem Alten auf Trautdorf und glänzend gesiegt, er mochte manches durchlitten haben — jetzt fiel ihm die Krone ohne sein Zuthun in den Schoß. Es war doch ein wunderlich Ding um die Liebe.
Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich. Er hatte damals versprochen, zu verzichten, wenn Albert die Unebenbürtige heimführe, sein Versprechen hielt er unter allen Umständen. Wenn auch eine andere als damals, wenn auch heute die berühmte Künstlerin, eine Unebenbürtige blieb Mathilde dem Onkel doch.
Vor vier Jahren waren seine Gefühle anders, er selbst noch ein anderer. Heute fiel ihm der Verzicht schwerer als damals. Er hatte sich hier eingelebt, er hing wieder an der Heimatscholle. Würde Albert dort je leisten, was er sich zu leisten getraute ? Doch das waren Sophismen, am Manneswort läßt sich nicht rütteln.
Während er so in tiefen Gedanken weiter schritt, tauchte ihm noch ein anderes Bild empor. Hertha, die Frische, Lebensfrohe. War es ihm nicht mitunter gewesen, als nehme sie besonderen Teil an ihm, als redeten ihre Augen eine Sprache . . .
Tolle Vermessenheit, er, der bald dem Alter sich zuneigende, schicksalgehärtete Mann, der Abenteurer, wie man ihn hierzulande nennen würde, wüßte man um seine Vergangenheit, und sie, das jugendliche, hochgeborene Mädchen, das die Wahl hatte unter den Besten in ihrem Kreise. War es denkbar, daß ihm, nach all dem, was er erlebt hatte, noch ein Weib den Sinn verwirren konnte? Es war alles möglich in dieser wunderbaren Welt, aber nicht jedem ward es so, wie seinem Bruder, dem nach verspieltem Spiel noch der Treffer zustel.
(Fortsetzung folgt.)
Unter der Maske.
Eine Faschingsgeschichte von Thea Lowe.
Der junge Baumeister Max Sydow lebte i» glücklichster Ehe mit seiner hübschen, kleinen Frau.
Sie waren jetzt drei Jahre verheiratet und hatten keine Kinder, ein Mangel, der von beiden nicht besonders tief empfunden wurde. Sie hatten in der großen Stadt viele Bekannte gefunden, mit denen man sich öfters traf und angenehmen Verkehr Pflegte.
Auch einige Schulfreundinnen von Frau Helene waren in F. verheiratet, so daß die junge Frau, wenn ihr Mann in seinem Berufe oft auswärts war, immer jemand hatte, der ihr die Einsamkeit verkürzen half.
Sydow's, die in guten Verhältnissen lebten, machten viel mit, was Theater, Konzerte und sonstige Amüsements der Großstadt betraf.
Nun aber war die lustige Faschingszeit wiedergekommen, und alle Tagesblätter wimmelten von verlockenden Maskenballanzeigen.
Frau Helene bestürmte ihren Max mit Bitten und Liebkosungen, doch auch einmal einen Maskenball mit ihr zu besuchen.
Aber der Herr Baumeister, der sonst so ziemlich jeden Wunsch seiner kleinen, kapriziösen Frau erfüllte, schlug ihr diesen rundweg ab mit der etwas kühnen Behauptung: „Kein anständiger Mensch geht auf den Maskenball einer Großstadt". Mochte er nun gehört haben, daß es ein undankbares Geschäft sei, mit einer hiibschen, jungen Frau auf
einen Maskenball zu gehen, indem erIdann entweder immer auf seine getreue Ehehälfte achtgeben müßte, und so um sein eigenes Vergnügen käme, oder daß umgekehrt auf ihn achtgegeben würde, was auf dasselbe hinausliefe,- kurz, aller Bitten seiner Gattin ungeachtet, blieb er bet seiner Weigerung.
Als die junge Frau sah, daß nichts zu machen sei, warf sie trotzig das schöne Köpfchen in den Nacken.
Alle ihre Freundinnen waren schon auf Maskenbällen gewesen und schwärmten davon — sie wollte dieses Vergnügen auch kennen lernen. —
Am Abend las Frau Helene in der Zeitung von einer glänzenden Maskenredoute, die in drei Tagen im „großen Saalbau" stattstnden sollte.
Dies schien ihr etwas Passendes zu sein, und sie las die Anzeige mehrmals genau durch, um sich ihren Inhalt einzuprägen.
Am andern Tage erzählte ihr Gatte ihr, daß er übermorgen mittag in Geschäften in die Provinz reisen müßte und erst am andern Tage zurückkäme.
Helene hätte jubeln mögen, das war ja gerade der „kritische Tag" des Balles,- jede Frage schien sich von selbst lösen zu wollen. Auf den Vorschlag ihres Mannes, ihr den alten „Onkel Schmitt", einen sogenannten „Allerweltsonkel", der jedoch zufällig Maxen's richtiger Onkel war, zur Gesellschaft für den einsamen Abend kommen zu lassen, erklärte sie, daß sie den Abend lieber bei ihrer besten Freundin, Grete Werner, zubringen wolle, und arglos ging Max auch darauf ein.
Nach zärtlichem Abschied hatte der Baumeister sich an dem bewußten Tage von seiner Frau getrennt und war abgereist. Ganz gegen seine Gewohnheit hatte er diesmal die Begleitung Helenens abgelehnt, was diese nicht wenig in Erstaunen setzte, da sie ihn sonst immer zur Bahn brachte. —
Die junge Frau verspürte nun doch einige Gewissensbisse, ihren ahnungslosen Gatten so zu hintergehen,- allein ihre Freundin hatte sie ausgelacht und beruhigt, und sie hatten darauf alles genau verabredet.
Gretens Mann war schon vier Wochen in Geschäften abwesend, und diese war somit ganz Herrin ihrer selbst.
Helene Sydow hatte ihrem Mädchen erlaubt, am Abend auszugehen und sich zu amüsieren- sie selbst werde den Abend bei einer Freundin verbringen.---
Im großen Saale des „Saalbaues“ und den angrenzenden Gemächern wogte gegen neun Uhr ein buntes Maskengetriebe.
Hauptsächlich Domino's in allen Farben, aber auch schon einzelne Kostüme waren zu sehen.
In den Logen saßen die Zuschauer dicht gedrängt und blickten spähend und forschend in das Gewühl hinab. Und dazwischen klangen rauschende Walzermelodieen und elektrisierten das farbenreiche Bild.
In dem Gedränge fielen zwei weibliche, Arm in Arm wandelnde Domino's auf; ein großer, schlanker, rosa Domino und ein kleiner, zierlicher, grünseidner mit goldnen Sternen.
Unter öer Maske des letzteren blitzten ein Paar lebhaft sprühende Augen so schwarz wie Kohle hervor, und ein zartes, meisterhaft verstelltes Sümmchen wies keck die allzu dreisten Annäherungen zurück.
Plötzlich wurden die beiden Domino's getrennt, und der Grünseidne stand einen Augenblick allein. Im gleichen Augenblick löste sich ein hochroter Domino von der Säule los, an der er gestanden und gesellte sich zu den- kleinen Grünen.
„Darf ich Dich begleiten, schöne Maske?"
„Ach ja, bitte", lispelte diese.
Nach und nach kamen beide in ein lebhaftes Gespräch, das sie mit vollkommen verstellter Stimme führten. Er erzählte ihr unter anderem, daß er ein alter Junggeselle sei und in der Nähe von F. wohne. Er habe sich auch einmal einen großartigen Maskenball ansehen wollen, und wenn er nun nach Hause zurückkehre, sei er um eine schöne Erinnerung


