74
eine heftige Erkältung, eine stundenlange Fahrt in völlig durchnäßten Kleidern, hatte er sich einen Gelenkrheumatismus zugezogen, der einen bedenklichen Charakter anzunehmen begann. Die Fieber waren von Anfang an sehr hoch gewesen, die Herzthätigkeit schwach.
„Die Aufregungen, welche sich mit der Erkältung verbanden, haben ihren Teil dazu gethan, seinen Zustand zu verschlimmern," sagte Mr. White, „übrigens brauchen Sie sich nicht allein den Vorwurf zu machen, Mathilde, wenn Sie auch vielleicht besser gethan hätten, sich und ihm dieses Wiedersehen zu ersparen. Sie waren vorbereitet, er nicht, und Komtesse Hertha, die aus purer Neugierde diese Begegnung ins Werk setzte, trägt auch ihre Schuld an dem Ausgang."
„Was hatte denn Komteffe Herthas Neugierde mit der Sache zu thun?" fragte Mathilde aufmerkend. „Was wußte sie?"
„Nicht alles, aber manches. Sie sah Sie damals im Park zu Trautdorf und verschwört sich darauf, daß jenes Mädchen mit der Villany identisch sei."
Mathilde ward dunkelrot und sprang empor. „Das wußte ich nicht — und Sie — Sie hätten es mir [jagen müssen, bevor ich diese Einladung annahm."
Mr. White saß da mit zusammengezogenen Brauen und zuckte die Achseln. „Warum sollte ich den Dingen nicht ihren Lauf lassen, wenn sie sich einmal so schoben. Sie waren ja nun doch im Feuer gehärtet, und man soll jedem Sünder einmal Gelegenheit geben, seine Sache zu sühren. Ich war nicht dazu bestimmt, den Stein auf meinen Bruder zu werfen und ihn um jede Chance eines möglichen Glückes zu bringen."
„Mr. White! Haben Sie je gedacht, daß eine Aussöhnung zwischen uns möglich wäre?"
„Ich habe so viel erlebt, daß ich alles für möglich halte, Wendungen in Liebesaffairen nun erst recht. Was ist wohl so wandelbar, wie das Herz? Der arme Junge dauert mich übrigens jetzt, ich erfuhr seine Erkrankung zuerst durch einen seiner Kameraden, den Leutnant von Storm, und ging sofort zu ihm. Er erkannte mich nicht in seinen Delirien, redete aber so viel krauses Zeug durcheinander, das hin und wieder doch einen bedenklichen Sinn hatte, daß ich es ratsam hielt, einstweilen den Wärter fortzuschickeu, selber an seiner Statt zu bleiben und mich mit dem Arzt in Verbindung zu setzen."
„Haben Sie den alten Baron benachrichtigt?" fragte Mathilde tonlos.
„Noch nicht, wenn ernstliche Gefahr eintritt, muß es aber geschehen. Ich führte mich als nahen Freund ein, und man ließ mich dort.*
„WaS meinen Sie, drückt seine Seele? Er hat Schulden, ift Jn Verlegenheiten — er war es damals schon — nun sind Sie aufgetreten, er weiß, was ihm das bedeutet, meine Lieblosigkeit kam dazu — oh, es ist viel auf ihn eingestürmt." Mathilde fuhr mit dem Battisttuch über die Stirn und sah verzweifelt aus.
Mr. White machte ein merkwürdiges Gesicht und verzog den Mund zu einer Grimasse. So waren sie, die Weiber — diese hatte nun wirklich Courage und Standhaftigkeit bewiesen, aber sobald er ihr wieder vor die Augen kam — war das nun Größe oder war es Schwäche — der Albert war jedenfalls zu beneiden, wenn trotz alledem ein solches Geschöpf sich ihm noch wieder zuwandte.
„Hm — weht der Wind daher," sagte er trocken. „Ja, Schulden hat er, und außer Ihrem Namen und allerlei Liebsamem und Unliebsamem da herum spielte die drängende Epistel des Juden Ephraim eine bedenkliche Rolle in seinen Fieberphantasien. Es ist ja schier unglaublich, in welch toller und einfältiger Weise die jungen Herren hierzulande diesen Halsabschneidern in die Hände fallen. Da werden die Wechsel in einer fabelhaften Höhe ausgestellt, prolongiert, und die Summen wachsen und wachsen, weil der Schuldner
keine Courage hat und au der rechten Stelle zur rechten Zeit beichtet. Dieser Junge hatte ja guten Grund, auf sein Erbe zu spekulieren, er hat anwachsen lassen, immer nur in dem Bemühen, den Onkel nie die Sünden der Vergangenheit wissen zu lassen. Jetzt — wo die Perspektive sich ihm verschiebt —"
„Das ist es ja eben," sagte Mathilde, und ihre großen Augen sahen angstvoll zu dem Sprecher auf, „seit Sie als geladener Gast an der Mittagstafel zu Trautdorf saßen, weiß er, was für ihn verloren ist, und das ändert seine Lage gewaltig."
„Was die Erbfolge betrifft — von Onkels Gnade ist sie nicht abhängig, und ich taure nicht auf den Tod des Alten, Albert wäre auch besser daran, wenn er es nie gethan hätte. Das jüngste Ereignis auf Trautdorf, meine Tischsitzung dort, meine ich, hat nur eine Folge gehabt, die dem armen Albert das Messer an big Kehle setzt. Weiß der Henker, wo diese Manichäer ihre Spione haben, aber sie wittern die Geschichte, und das Gerücht hat sich, wenigstens in ihren Kreisen, verbreitet, es sei ein älterer Bruder vorhanden und noch am Leben."
Mathilde legte ihre Hand auf des Freundes Arm, sie war fieberheiß. „Da muß geholfen, das muß ihm abgenommen werden," sagte sie in heiserem, gepreßtem Ton, „ich erwarb ja Reichtümer — helfen Sie mir — kaufen Sie die Wechsel auf — lassen Sie mich die Sache aus der Welt schaffen."
Mr. White lehnte sich in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme. „Also solche Opfer wollten wir bringen — jetzt —" sagte er langsam.
„Geld — Mr. White," entgegnete sie bitter, „haben wir nicht beide entbehrt und gedarbt und in herber Gestalt den Kampf ums Dasein gekämpft, und sagen wir nicht beide, wertlos ist das Geld, nur Mittel zum Zweck, und der Zwecke gtebt es mannigfaltige."
„Ja — Sie haben recht, aber hier kommen Sie zu spät. Dieses Opfer lag nicht auf Ihrem Wege. Meine Ehre — wenn es mir je wieder einfallen sollte, als Hans von Trott aufzutreten, meine brüderlichen Gefühle kamen hier in Betracht. Die Wechsel find sämtlich in meinen Händen, es war eine artige Summe, und vielleicht muß ich den Almanzor verkaufen, aber einstweilen soll der Alte da draußen von dem Handel nichts wissen und nicht neuen Grund zur Klage über schwaches Blut im Geschlecht derer von Trott haben. Mag er feine Bahn bis zur Neige in Frieden wandeln, er ist ein eigen« tümlicher, aber ein großer Mann."
Des Redners Ton war ernst geworden, fast feierlich.
„Und Sie sind fein würdiger Erbe und Nachfolger," sagte Mathilde leise. „Albert paßt nie dazu."
„Was wissen Sie davon?" entgegnete Mr. White fast rauh. „Einstweilen handelt es sich darum, daß er erst wieder gesund wird. Ich hoffe, daß, sobald er dies erfahren kann, es Ruhe in seine Seele bringt. Wenn das nicht der Fall ist und sein Herz nach anderem verlangt, so kann ich ihm freilich nicht helfen."
Er erhob sich, um zu gehen. Mathilde drückte ihm dankbar die Hand. „Sie geben mir wettere Nachricht, nicht wahr? Und — brechen Sie nicht den Stab über mich, ich verstehe mich selbst nicht ganz."
„Geben Sie mir Ihre genaue Londoner Adresse," sagte Mr. White, sich in der Thür noch einmal umwendend. „Sie gehen doch morgen nach London?"
Mathilde faßte an ihre Schläfen. „Nach London — nein — ich fürchte, ich kann es nicht. Ich werde sofort telegraphieren — meine Seele ist krank, es ist mir unmöglich, zu spielen."
Mr. White trat auf sie zu, nahm ihre beiden Hände und sah ihr scharf in die Augen. „Aus dem Sattel geworfen?" sagte er rauh. „Fassen Sie sich zusammen, Sie müssen bleiben, was Sie waren. Ueberleqen Sie bei ruhigem Blut."


