(Nachdruck verboten)
Gesühnte Schuld.
Roman von Alexander Römer.
(Fortsetzung.)
Des Alten Stirn zog sich in tiefe Falten. „Der Mensch ist nie etwas anderes, als was er selbst darstellt. Die äußeren Verhältnisse, die möglichen Aussichten sind verschiebbare Dinge, auf die nie Verlaß ist, auch Albert muß sich auf sich stellen und das andere der Zukunft überlassen."
Hertha war sprachlos vor Staunen. Das war im Grunde Unsinn, wer konnte Albert das Majorat streitig machen. „Aber Onkelchen —" begann sie.
Der Alte blickte auf, sie verstummte. Gegen den Blick gab es keine Auflehnung.
„Er weiß das übrigens auch und hat sich ganz vernünftig benommen in der letzten Zeit," setzte Baron Jobst hinzu, und ihre maßlose Verwunderung und Verwirrung bemerkend, lächelte er. „Also Du willst ihn nicht, schade — ist denn Aussicht für mich alten Einsiedler, daß Du noch ein paarmal in das alte Nest zurückfliegst?"
Hertha sprang auf, sie war in sehr erregter Stimmung, es bedurfte kaum dieses Anstoßes, um ihr volles Herz überfließen zu machen. Sie schlang Plötzlich ihre Arme um den Hals des Unnahbaren und rief unter Weinen und Lachen: „Onkelchen, hast Du mich denn wirklich ein klein bischen lieb!"
Baron Jobst saß da starr und steif, mit einem ganz sonderbaren Gesicht. So lange er denken konnte, hatte ihm niemand Zärtlichkeit erwiesen, zwischen ihm und seinem Mündel war trotz Herthas Lebhaftigkeit stets ein formeller Ton herrschend geblieben, nun dieser Ausbruch . . .
„Kind, Kind!" sagte er stockend, „was ficht Dich an. Hältst Du denn in Deinem Herzen etwas von dem alten Griesgram?"
Hertha lag neben ihm auf den Knieen und schmiegte ihren Kopf an seinen Arm. „Ja, ja, Onkel. Ich fürchte Dich wie mein Gewissen, verehre Dich wie meinen guten Geist, und liebe Dich, ja, liebe Dich, wie ich meinen Vater
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menschlichen Geiste eine Richtung zu geben, die er Jahr- Hunderte lang bewahren soll, ist das seltene Borrecht weniger gebietender Geister.
Macaulay.
liebte. Und ich habe doch jetzt niemand zum lieben auf der Welt als Dich."
Es wurde ganz still in dem hohen Gemach, der alte Herr saß noch immer regungslos, dann streichelte seine Rechte leise ihre thränenfeuchte Wange, er beugte sich nieder und küßte ihre Stirn. „Ich danke Dir, Kind, das hatte ich nicht erwartet," sagte er in einem merkwürdig verschleierten Ton.
Vor seinem Geist stieg seine Jugend herauf und jene Hertha, die Mutter, von deren Lippen das Wort: „ich liebe dich" zu hören er sich einst so heiß gesehnt. Nun sagten es ihm diese jungen Lippen so viele, viele Jahre später in seinem Greisenalter, seine Hertha sandte ihm ihre Tochter, damit ihm ein Abglanz jenes Glückes doch nicht fehle, bevor er sein Leben vollendete.
Am anderen Morgen hielt die mit zwei prächtigen Braunen bespannte Kalesche vor dem Portal, und die beiden Damen verabschiedeten sich von dem Schloßherrn.
Baron Jobst dankte Mathilde für die Freude, die ste ihm mit ihrer Gegenwart und ihrer Kunst gegeben, in den verbindlichsten Ausdrücken, und Mathilde schied voll Verehrung für den alten Herrn. Hertha war ungewöhnlich bewegt.
Der Alte stand am Fenster und blickte dem dahinrollenden Wagen nach, dann ging er in seine Bibliothek, nahm eins seiner Lieblingswerke aus dem Regal, aber die Ruhe zum Lesen fehlte ihm heute morgen. Ihn fesselte und beschäftigte nicht mehr das Alte und das Gegenwärtige, sondern das Schicksal der Jungen, der Generation nach ihm.
Vierzehnt es Kapitel.
Mathildens erste Handlung, als ste in Berlin ankam, sich auf dem Bahnhof von Hertha getrennt und in den Katserhof gefahren war, war eine Botschaft an Mr. White, wann er in seiner Wohnung zu finden sei. Ste glaubte ihn in Berlin anwesend, konnte aber bet seinen Gewohnheiten nie sicher darüber sein, ob er auch da war, wo man ihn vermutete. Sie verlangte sehr danach, ihn zu sprechen. Sie wollte ihm ihre Unterredung mit Albert beichten, hoffte von ihm zu hören, wie es Albert ging. Es Peinigte ste eine geheime Unruhe und Angst um diesen, die ste selbst thöricht schalt, die sie aber dadurch nicht bannte.
Mr. White war da, und ihre Botschaft hatte ihn erreicht. Er kam noch spät am Abend. Sie brauchte ihm nichts mehr zu beichten, er wußte bereits alles.
Mathilde saß bleich und schweigsam in ihrer Sofaecke und horchte gespannt auf seinen Bericht.
Albert lag schwer krank im Militärhospital. Durch


