Ausgabe 
5.1.1899
 
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er Schmerz, die Freude spielen nicht mit Bildern, Ein Blick, ein Wort genügt, um sie zu schildern, Und wo in Phrasen Schmerz und Freude spricht, Glaub' ich das eine und das andre nicht.

Bodenstedt.

Nachdruck verboten.

Gesühnte Schuld.

Roman von Alexander Römer.

(Fortsetzung.)

Albert von Trott schritt langsam die Stufen vor dem Gebäude hinab und versuchte hinter dem Pfeiler seine Zigarre in Brand zu bringen. Da legte sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich um und blickte beim hellen Schein der GaSlaterne in dasselbe Gesicht, das ihm vorhin schon aufge- fallen war. In hochmütiger Verwunderung trat er einen Schritt zurück, eine unwirsche Frage auf den Lippen.

Aber der Unbekannte, der sich ihm da so lästig in den Weg stellte, sah mit einem überlegenen Lächeln auf ihn herab. Lieutenant Albert v .n Trott," sagte er in einem Ton, der kaum noch eine Frage ausdrückte,es freut mich, daß ich Dich treffe; ich bin Dein Bruder HanS von Trott."

Der junge Lieutenant fuhr zusammen, ein deutliches Erschrecken malte sich auf seinen hübschen Zügen.

HanS! Hans von Trott! sein ältester, lange versch ollener Bruder, von dem man in der Familie nicht gern sprach. Er war in sehr jungen Jahren in der Heimat unmöglich geworden, in einen fremden Weltteil hinüber gegangen, man hatte nichts v n ihm erfahren, eS galt als sicher, daß er d-rt untergegangen war.

Abgerissene Erinnerungen irrten durch Alberts K Pf, Die Mutter hatte zuweilen unter Thränen von ihrem Aelteften geredet, heimlich, wenn niemand als ihr letzter Sohn es hörte. Nach ihren Schilderungen war der Ver­schollene ein lieber, frischer, gutmütiger Junge gewesen, frei­gebig, leichtherzig, ja leichtsinnig, so daß er ins Verderben geriet. Aus der ersten Zeit seiner Verbannung stammten noch herzzerreißende Briefe, als den Gemütvollen das Heim­weh mit furchtbarer Gewalt gepackt hatte, aber eS gab für ihn keine Wiederkehr. Die Ehre der Familie litt es nicht.

Wenn auch der Vater ihm hätte verzeihen wollen, er war selbst Zeit seines Lebens abhängig geblieben v n seinem ältesten Bruder, dem unbeweibten Maj ratSherrn auf Trautdorf.

Die Mutter war schon lange tot, der Vater war ihr vor einem Jahr gefolgt.

Albert antwortete st ckend und verwirrt.

Der andere schlug ein kurzes, spöttisch klingendes Lache« auf.Freust Dich natürlich wenig zu dem räudigen Schaf," sagte er,denn als ein solches, und ein ganz schwarzes, bin ich Dir ja geschildert. Hier, bei Euch zu Lande, ist es nicht Sitte, einem heimkehrenden, verlorenen Sohn ein fettes Kalb zu schlachten. Aber sei ohne Sorgen, zur Last falle ich keinem von Euch. Willst Du mit Mr. White, denn als solcher stehe ich hier im Fremdenbuch des Hotel Royal eingezeichnet, heut Abend einen Schoppen trinken, so sei mein Gast. Wir können dann unsere Lebensgeschichten auS- tauschen."

Mr. White, alias HanS von Trott, lehnte in nachlässiger Haltung an der Säule, es war so still und leer um sie her geworden. Albert starrte mit aufgeregten, peinlichen Em­pfindungen in daS gefurchte, sonnverbrannte Gesicht deS plötzlich aufgetauchten Bruders, in welches ein bewegtes Leben harte Linien gegraben.

Hans! Bruder HanS!" sagte er dann weich,bist Du es denn wirklich? Du weißt, ich war klein, alS Du sortgingst, zehn oder elf Jahre alt, denke ich, und Du bist mir eine sagenhafte Figur geblieben."

Ja, ja darum komm, der Wind pfeift hier eklig um die Ecken, wir können eS uns wohl etwas wärmer und behaglicher schaffen. Freilich warst Du ein kleiner Bursch, alS ich fortging, ich kannte Dein Gesicht doch wieder beim ersten Sehen, hab' Dich schon länger beobachtet. Ich erfuhr auch bereits, daß die Eltern tot, auch die Brüder, die mir im Alter näher standen, und daß Du allein auS unserem Hause übrig bist."

Sie schritten durch das Schneegestöber über den Platz in das nahe gelegene Hotel, wo Mr White seinen Gast in ein Separatzimmer führte und Rum, heißes Wasser und Zucker bestellte.

Hier erst im vollen Schein des Lichtes sah Albert, welch ein urkräftiger Mann mit wohlgebildeten Gliedern der Bruder war. Auch sah er ja, gottlob, nicht verkommen aus und schien über Geldmittel zu verfügen. Elegant war er freilich nicht, weder im Schnitt seiner Kleidung noch in seinen Manieren, in jeder Bewegung äußerte sich zwanglose Nach-