iö —
lässigkeit. Er streifte jetzt seinen Rock ab, setzte sich pustend und sich streckend in Hemdsärmeln ihm gegenüber, z g eine kurze Pfeife und ledernen Tabaksbeutel aus seiner Tasche und stützte, sich lang ausstreckend, die Beine auf die Lehne des daneben stehenden Stuhls, während er langsam seine Pfeife in Brand brachte.
Dabei musterte er mit humoristischen Seitenblicken den noch immer verlegen und wortkarg dasitzenden Bruder in seiner knappen, zierlichen Unif rm mit dem gerade über der Stirn gescheitelten, sorgfältig frisierten Haar und den weißen, wohlgepflegten Händen.
„Na, wie geht's denn dem Onkel, dem alten Hagestolz?" fragte er. „H ffentlich stehst Du bei ihm in Gnaden, mein Junge, und Dein Blut rebelliert in keiner Weise gegen das seine. Ich hab' doch manchmal an ihn denken müssen, an seine steife, hagere Gestalt — ha! ha!"
Mr. White legte das eine Bein über das andere und nahm auf seinen Stühlen eine Stellung ein wie ein I ngleur. Sein Lachen klang rauh und absonderlich.
„Wenn ick da hinten in den Urwäldern Kaliforniens des Nachts den Puma heulen hörte und mein schlankes Roß, das zitternd die Nüstern blies, zur Ruhe streichelte, da dachte ich zuweilen an den eisernen Herrn auf Trautdorf. Wenn er einmal aus seinem weichen Bett und seiner vornehmen Abgeschlossenheit herausgerissen und an solch einen Platz versetzt würde, ob da seine strenge Gerechtigkeit und sein hochherrlicher Stolz wohl Stand hielten. In solcher Wildniseinsamkeit, entblößt v n allen Hilfsmitteln der Civilisation, im Kampf mit den wilden Tier- und Menschenbestien, da habe ich den Mutigsten und Stolzesten zu Kreuze kriechen sehen."
„Du sahst also den Onkel noch nicht?" schaltete Albert ein.
Der andere wandte jäh den Kopf. Der jüngere Bruder gewahrte zuerst, welch ein mächtig blitzendes Augenpaar der Heimgekommene besaß, und es überkam ihn der unbehagliche Gedanke, daß, diesem an einsamem Ort im bösen zu begegnen, keine angenehme Sache sein würde. Diese nervige Faust hatte wohl jede Waffe führen gelernt, und diese gebietenden Augen mochten auch das wilde Raubtier bändigen.
„Den Onkel? nein," scholl es jetzt hart aus der Kehle des Bruders. „Ich hab' auch einstweilen nicht die Absicht, ihn zu belästigen. Dich, Bruder, junges Blut,;rief ich an, dacht mir, eS lohne sich vielleicht der Mühe, Dich, den letzten der Meinen, kennen zu lernen."
Albert rückte auf seinem Sitz, der fremde Bruder war ihm unverständlich, ein wenig unheimlich. Er schob sein in starker Mischung gefülltes Glas, aus dem er schon ein paar kräftige Züge gethan, von sich. Die Geister des vorhin genosienen Weines wirbelten schon genug in seinem Hirn, ihm kam die Situation mehr und mehr wie ein spukhafter Traum vor.
„Was für Pläne hast Du denn für die Zukunft? Gedenkst Du im Lande zu bleiben?" stieß er hervor.
„Mein guter Junge, da fragst Du mich weit mehr, als ich selber weiß," entgegnete der andere. „Mr. White ist ein sehr ungebundener Mann, der sich vom Augenblick treiben läßt."
„Bruder," sagte Albert plötzlich, sein gutmütiges Herz regte sich, und die weinselige Stimmung kam dazu; er reichte dem Fremdling seine weiße Hand über den Tffch und blickte ihn zärtlich und mitleidig an, „wie erging es Dir drüben? Hattest Du ein hartes Leben?"
„Sieh, sieh! fragst Du mich wirklich, wie es mir Ausgestoßenem ergangen ist," lachte Mr. Wihte. „Brav von Dir, Brüderlein, wenn auch des Weines Geister ihr Teil dazu beitragen, Dich mitfühlend zu machen. Nun, wie es mir ergangen ist, will ich Dir ungefähr sagen. Ich war jung und hatte kein Körnchen Lebensklugheit in meinem tollen, übermütigen Kopf, als ich hier, ein flotter, lustiger Lieutenant, lebte, gerade wie Du jetzt. Wie stolz trug ich des Königs Rock und liebte mein Waffenhandwerk mit aller Glut meiner jungen Seele. Daß ich allerlei in meinem Blut geerbt, daß
mein Herr Vater einst ein wildes Leben durchgekostet, daß man ihn gewaltsam niedergezwungen, als man einen zahmen — feigen Mann aus ihm gemacht —" unter knirschenden Zähnen kam das Wort hervor.
Albert sprang empor. „Hans! Du sprichst von unserem Vater!" rief er entrüstet.
„Schweig, Knabe, was weiß Du davon zu sagen, unser Vater war ein guter Mann, Gott habe ihn selig, ich wußte damals nichts von seinen Kämpfen, von seinem Unterliegen, ich aber erbte sein Blut, und in meinen Adern rann es ebenso frei und ungezügelt. Ich verging mich schwer — ich handelte damals wie ein Toller — weißt Du es, was mich zum Ausgestoßenen gemacht hat?"
Albert stieg eine dunkle Röte in das Gesicht. Er blickte in sein Glas.
„Also Du weißt es," fuhr der andere fort, „als gemeinen Dieb hat man Dir den Bruder geschildert, und Du errötest heute noch über ihn. Ich will Dir jetzt sagen, was er war. Ein dummer, thörichter, unerfahrener Junge, der außer seinem heißen Blut ein albernes, überfließendes Herz besaß. Und dieser Junge hatte einen Freund, einen Blutsbruder, für den er Höll' und Teufel trotzte. Schöner, blühender Helmut, ich vermeinte ihn retten zu wollen und trieb ihn in den Tod, mich in — doch halt! nicht davon will ich reden."
Mr. White gab seine gewagte Stellung auf und setzte sich, die Arme aufstemmend, an den Tisch.
„Wir hatten eine tolle Nacht durchjubelt, es wurde gezecht und gespielt. Später erfuhr ich erst, in welch schlimme Gesellschaft wir geraten waren. Diese dunklen Ehrenmänner mit den alten, vornehmen Namen, die andere dunkle Ehrenmänner mit unbekannten Namen eingeführt hatten, fanden an uns Grünen eine prächtige Beute.
„Als wir am anderen Morgen zur Besinnung kamen, wußten wir wenig von dem, was geschehen war in der Nacht, nur die Ehrenschulden standen zu Buch — furchtbare Summen — die wir nicht herbeischaffen konnten binnen vierundzwanzig Stunden, wie die Vorschrift lautete. Helmut war der Sohn armer Eltern, ihm gab Niemand Kredit, ich, der künftige Erbe des Onkels, stak schon tief in Wuchererklauen. In diesem Fall konnte auch ich die wahnsinnige Summe nicht aufbringen, ich hatte mich Helmut gelobt mit Leib und Seele, und als er da mit der Pistole neben sich saß und seine Rechnung mit dem Leben abschloß, da faßte ich den Entschluß, ihn zu retten um jeden Preis. Mich würde der Onkel wohl herausreißen müssen — so meinte ich, ich mußte die ganze Schuld auf mein Konto nehmen, es gehe wie es wolle."
Albert sah starr in des Bruders Gesicht und horchte gespannt. „Der Onkel," stotterte er verwirrt, „er verweigerte es, und Du — man sagte mir — es seien Gelder des Onkels gewesen, dem Vater zur Obhut übergeben, und Du —"
„Ja, ich — ich nahm diese Gelder aus dcs Vaters Pult." Die Stimme des Erzählenden ward jetzt heiser und rauh — „Du wirst bleich, ja, schüttele Dich nur — ich that es in einem Augenblick verzweifelter N t. Es war, als ob die Teufel sich gegen mich verschworen hätten. Der Oheim, dem ich ehrlich mein Lage hatte entdecken w llen, war für mehrere Tage abwesend — das Geld, das ich bis Sonnenuntergang haben mußte, lag da, mir erreichbar, meinem erhitzten Hirn erschien es möglich, daß der Oheim die vorgreifende That verzeihen könne, wo die Stunde so gebieterisch drängte, daß er seinen Blutsverwandten und Erben nicht verderben würde."
Der Atem des Sprechers keuchte, er stürzte ein volles Glas Grog hinunter.
„Die drei Tage, welche folgten bis zu des Onkels Rückkehr, bargen Folterqualen, ich ließ mich nicht im Elternhause sehen, ich erfuhr nicht, was sich dort begab, ich erwartete den Onkel auf Trautdorf."
„Ha! Das Fehlen des Kapitals ward entdeckt, bevor Du dem Onkel gebeichtet hattest," rief Albert erregt, „ich erinnere mich jetzt, daß die Mutter mir das schwere Geheimnis anvertraute, und der Vater hatte bereits Anzeige


