Jahren vollständig außer Verkehr gewesen waren. Dann kamen die vielen Freude des Verstorbenen, Bekannte, die ihm geschäftlich oder gesellschaftlich nahe gestanden hatten- ein langer Trauerzug, der sich langsam durch die Gänge des Friedshofs bewegte.
Der Rechtsanwalt Ziel berichtete dem jungen Nanien von der traurigen Reise, auf der er Frau Andree begleitet hatte, und wie er es ihr gar nicht habe begreiflich machen können, daß sie nicht zu einem Kranken, sondern zu einem Toten führen. Sie sprachen ganz leise, dicht nebeneinander hingehend. Am Ende des Zuges sprach man schon lauter. Man lobte die Predigt- man wunderte sich, wie zahlreich die Versammlung sei zu einer Zeit, wo doch eigentlich alles auf Reisen wäre. Ein paar Herren waren direkt aus der Sommerfrische gekommen. Es ging wirklich nicht anders. Man war das dem Verstorbenen schuldig.
„Meine Frau wollte mich gar nicht fortlassen. Ich wäre meiner Erholung wegen im Bade, und da reise man nicht zu Begräbnissen. Ich habe ihr auch versprochen, mit dem Fünfuhrzuge zurückzufahren. Sind wir denn noch nicht bald da? Ich muß nachher gleich eine Droschke nehmen." —
„Ein furchtbarer Schlag für . die arme Dorothea," keuchte eine dicke Dame mit vor Hitze glänzendem Gesicht. „Sie vergötterte ihren Mann. Und ihn nun auf solche Weise zu verlieren! Mein Mann meinte, es sei eigentlich streng verboten, den Leuten soviel Morphium zu verabreichen, um einen Menschen damit zu vergiften. Ta muß wohl der Arzt oder der Apotheker eine Unvorsichtigkeit begangen haben."
(Fortsetzung folgt.)
(Nachdruck verboten.)
Die kleine Lulu.
Seeroman von Clark Russell.
(Fortsetzung.)
Ich hatte noch nicht Zeit, Miß Franklin zu besuchen, sondern eilte wieder auf Deck, wo ich fand, daß die Brigg gut segelte und Hardy sie vortrefflich steuerte. Das Langboot war weit hinter uns - es war nur noch ein so kleiner Fleck, daß ich kaum begreifen konnte, wie wir in der kurzen Zeit eine solche Entfernung zwischen uns gelegt hatten. Als ich es durch das Glas betrachtete, erkannte ich, daß sie das Segel niedergelassen hatten. Hieraus ersah ich, daß sie bemerkt hatten, wie wir davonfuhren und uns jetzt beobachteten, um zu sehen, was für einen Zweck wir damit verfolgten.
Noch konnten sie wohl kaum ahnen, daß sie verraten waren. Ich vermute, daß sie glaubten, wir hätten ein Kriegsschiff in Sicht bekommen. Sie mochten sich in schöner Angst befinden!
Ihre Gedanken waren mir indes jetzt ganz gleichgültig. Mit jeder Minute erschien uns die kleine Insel zarter und ätherischer auf der unbegrenzten blauen Fläche, und nach einer halben Stunde mußte das Langboot außer Bereich des Teleskops sein, selbst wenn ich dieses von der Mastspitze aus darauf gerichtet hätte.
Uebrigens waren die Leute durchaus nicht in grausamer Weise in die Welt hinaus gestoßen. Das Land war ihnen nahe, sie hatten Wasser und Brot, ein Boot, groß genug, um mit geringer Gefahr die Paumotu-Gruppe zu erreichen, falls es sich Herausstellen sollte, daß Teaph unbewohnt wäre.
Ich verbannte sie aus meinen Gedanken und wandte meine Aufmerksamkeit unserer eigenen Lage zu.
Banyard, welcher an der Schanzkleidung lehnte, rauchte seine Pfeife mit einem Gleichmut, der meinen Neid und meine Bewunderung erregte. Savings sah mich unverwandt an, und da es mir schien, als wünschte er mit mir zu sprechen, so ging ich zu ihm- er schlug indes sogleich die Augen nieder, und sein Gesicht nahm einen verstockten Ausdruck an.
„Du gehörst zu denen, die freiwillig an der Meuterei teil nahmen. Du bist mitschuldig an des Kapitäns Tod und mußt dich darauf gefaßt machen, wegen Morvs gehangen zu werden".
„Maken S' rasch dormit, un ft en S' verdammt!" antwortete er grimmig. „Aewer t’ wier stündlicher west, Sei had mi mit de annern weggahn laten. Twei sünn tau vel för ein'n, un ik hew Sei nicks Unrechts uich dahn, dat Sei nau mien Lew nahm' wulln".
„Was meinst du eigentlich?" rief ich. „Denkst du, ich will dich umbringen? Alles, was ich von dir fordere, ist dein Versprechen, mir zu helfen, die Brigg in einen Hafen zu führen. Wenn du das thurr willst, wollen wir uns die Hände schütteln und kein Wort soll am Lande darüber verlauten, daß du bei der Meuterei beteiligt warst. Das soll mein Versprechen sein, wenn du das Deine hältst".
Dies war etwas so gänzlich Verschiedenes von dem, was er erwartet hatte, daß er einige Augenblicke mich nur verblüfft anstarren konnte. Als er die Sprache wiederfand, schrie er:
„Wenn ’t wieder nicks is, wat Sei wulln, da iS dat en armer Sak, dünn maken Sei mi los, un denn süll'n Sei seihn, ob ik arbeiten will oder nich!"
Da ich jetzt verstand, daß seine meuterische Wildheit nur dem Glauben entsprungen war, daß Banyard und ich nach seinem Blut dürsteten, schnitt ich sogleich die Stricke an seinen Händen und Füßen durch- ich war der Meinung, daß es einen guten Eindruck auf ihn machen würde, wenn ich ihm sofort die Freiheit gäbe.
Er sprang auf, streckte sich, schwenkte seine Arme und rief: „Seggen Sei, wat nau sien füll, Sir".
„So is recht!" lobte Banyard, welcher jetzt herantrat und ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken gab. „Unner jedwerein Flagg' is Beter tau segeln as unner de swarze Flagg', Maat".
„Gut, Pendel", sagte ich, „sprechen Sie so weiter zu ihm, und wenn Savings Ihre Ansichten teilt, so wird keine rechtschaffenere Brigg auf dem Wasser'schwimmen als die ^kleine Lulu".
Ich ging hinunter und trat zu dem Koch, der auf dem Rücken lag so fest wie eine Mumie inmitten einer Pyramide. Er begann sogleich wieder in mich zu dringen, ihn in Freiheit zu setzen, beteuerte, daß seine Arme und Beine schon ganz blutlos wären und daß, wenn der Krampf seinen Magen ergriffe, wir ihn würden begraben müssen.
Um den Aermsten aus seiner Angst zu erlösen, schnitt ich die Bande an seinen Beinen und Handgelenken durch und erklärte ihm kurz und bündig, daß sein künftiges Schicksal von ihm allein abhinge, daß seine Führung entscheiden würde, ob er für den Mord von Kapitän Franklin und Mr. Sloe gehangen werden — oder straflos ausgehen sollte, um aufs neue wieder ein ehrliches Leben anfangen zu können. Ich gebot ihm dann, auf Deck zu gehen und Banyard und Savings zu sagen, daß er uns nach besten Kräften helfen wolle.
Er stolperte hinauf, so rasch seine noch ungelenken Beine es ihm erlaubten, und ich hörte durch das offene Oberlicht, wie er zu Banyard sagte, daß ich keinen Grund gehabt hätte, ihn niederzuschlagen und zu fesseln. Er wäre der Meuterei niemals übermäßig freundlich gesinnt gewesen und wäre herzlich froh, nun so leicht aus der kitzlichen Geschichte herausgekommen zu zu sein.
Savings erwiderte etwas, was ich nicht verstand, aber der Ton, in welchem beide sprachen, gab mir die lieber- zeugung, daß ich mich vorläufig auf sie verlassen könnte.
Voller Jubel und ohne meine körperliche Ermüdung zu achten, näherte ich mich Miß Franklins Kajüte. Sie kannte mein Klopfen, öffnete sogleich die Thür und sah mich in höchster Spannung mit angstvollen Augen an.
Ihr Anblick bewegte mich bis auf den tiefsten Grund meiner Seele. Die große Liebe, die ich für sie empfand,


