Ausgabe 
4.7.1899
 
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wandte das Gesicht ab/ ein sorgenschweres, kummervolles Gesicht.

Ich glaube, Ihre Mutter kommt/' sagte er, um ihr zu entgehen.

Ja, sie kommt. Und nun reisen Sie ab, alle beide, und lassen mich zurück in dieser entsetzlichen Ungewißheit. Nehmen Sie mich mit! Ich komme sofort, gleich, wie ich hier stehe!"

Er schüttelte den"Kopf.Nein, nein, wir können Sie dort nicht brauchen aber hier vielleicht, hier, wenn Anordnungen zu treffen wären für alle Fälle"

Die Mutter kehrte aus dem Schlafzimmer zurück, ein Reisetäschchen in der Hand.Gebt mir acht auf Lottchen," sagte sie,und vergeßt nicht, die Läden zu schließen." Dabei küßte sie die Kinder zum Abschied.

Komm' bald wieder"

Und grüße den Papa."

Ich lasse ihm recht gute Besserung wünschen."

Nur Martha sagte nichts. Sie preßte die Lippen aufeinander, um nicht aufzuschreien."

Vor dem Hause wartete die Droschke. Es war eine schöne, frische, sternenklare Nacht. Leonhard und Martha blieben stehen, bis das Rollen des Wagens in der Ferne verklungen war. Dann schloß Leonhard das Thor.

Plötzlich fiel ihm Martha um den Hals, und er fühlte ihre heiße Thränen auf seiner Wange.

Leonhard!" schluchzte sie.Täusche Dich nicht. Unser Vater ist tot!"

* *

*

Die beiden in der Droschke fuhren unterdes schwelgend nebeneinander her.

Wann werden wir in Karlsbad ankommen?" fragte Frau Andree endlich.

Er nannte ihr die Stunde.

O, so lange." Dann nach längerem Schweigen: Weiß mein Mann, daß wir kommen?"

Er antwortete nicht gleich.

Ich glaube nicht," kam es endlich zögernd über seine Lippen.

Aber er hat doch selbst telegraphiert?"

Nein, der Arzt hat es gethan."

Wieder eine Pause.

Warum er nur nicht an mich telegraphiert haben mag?"

Wohl um Sie nicht zu erschrecken, Frau Doktor."

Lassen Sie mich doch das Telegramm lesen."

Es ist zu dunkel hier. Später."

Wissen Sie nicht den Wortlaut auswendig?"

Nicht ganz. Ich war so aufgeregt, daß ich es nicht behalten habe. Ich fürchte jedoch, Frau Andree, daß wir uns gefaßt machen müssen, ihn recht schwer krank anzutreffen."

Vielleicht ohne Bewußtsein? Doch nicht lebens­gefährlich?" rief sie, zum erstenmale ernstlich aus ihrer Gemütsruhe aufgerüttelt.

Ich fürchte, auch das ist nicht ausgeschlossen," er­widerte er sehr ernst.

Ein ahnungsvoller Schauer durchlief sie. Sie blickte stumm in den Schoß. Endlich sagte sie:Ich möchte doch gern das Telegramm sehen."

Da ward es plötzlich hell und laut um sie. Die Lichter des Bahnhofes, Wagengeraffel, Lärm und eiliges Getriebe.

Wir sind etwas spät. Kommen Sie mit zum Billet­schalter und halten Sie sich immer fest an mich."

Geblendet von dem Lichte folgte sie seinen eiligen Schritten. Wenige Minuter später brauste der Zug mit ihnen in die.Nacht hinein,- eine endlose, schlaflose, traurige Nacht.

Das Telegramm, das der Rechtsanwalt Ziel in der Tasche trug, lautete:

Andree heute tot im Bett gefunden/ anscheinend Morphiumvergiftung. Kommen Sie sofort und benach­richtigen Sie Angehörige. Dr. Menzel."

III.

Drei Tage später. Ein warmer, fröhlicher, sonnen­glänzender Augusttag. Aus den Gärten weht süßer Blumen­duft. Von den Gräbern duftet es schwül, und betäubend duftet es in der hohen, weitgeöffneten Leichenhalle, wo unter Palmen und Kränzen der Sarg aufgebahrt ist, in dem die irdischen Ueberreste des Rechtsanwalts Leonhard Andree ruhen, gebettet unter Blumenberge, Kissen von dunkeln Stiefmütterchen, Lorbeerkränze, Palmenwedel mit mächtigen Bouquets von weißen Rosen. Selbst der Boden ist bedeckt mit Blumenspenden, die auf dem Sarge keinen Platz gefunden haben. Und im weiten Halbkreise ernste schwarzgekleidete Menschen. Die ganze Halle ist voll davon. In der vordersten Reihe die Witwe im langen, schwarzen Kreppschleier, das Gesicht verhüllt, gebrochen vor Schmerz. Kaum daß sie mit stummem, dankbarem Kopfnicken die Beileidsbezeugungen der zahlreichen Freunde, die eigentlich alle mehr die Freunde ihres Mannes gewesen sind, und die sie zum großen Teil nicht einmal kennt, beantworten kann. Um sie herum ihre fünf Kinder. Zwischen beiden Schwestern das kleine Lottchen, das sich mit großen, neugierigen Augen umsteht, und dem das Weinen nahe ist, weil es sich vor den vielen schwarzen Menschen fürchtet. Auch Sänger sind da/ der Chor des Gymnasiums, das Leonhard besucht.

Integer vitae, schallt es feierlich durch die hohe Halle. Dann beginnt der Geistliche seine Rede.

Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben mitten aus dem schaffensfreudigen Leben, aus dem trauten Kreise der Seinen hat Gott den Ver­storbenen abberufen, der das geliebte Oberhaupt der Familie, so vielen ein treuer Freund und guter Ratgeber war. Ab­gereist zur Kräftigung seiner Gesundheit, ward er eine Beute des Todes, fern von denen, die ihn liebten, einsam, uner­wartet, einem verhängnisvollen Versehen zum Opfer fallend. Aber Gott hat diese Prüfung den Seinen auferlegt, der Gott, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt/ dessen Wege, mögen sie auch oft dunkel sein, doch zum Lichte führen, zum Lichte seiner Gnade/ dessen Schickungen wir ohne Murren hinnehmen müssen, auch wenn sie dem Verstände unbegreiflich und hart erscheinen. Gott, der die Prüfung auferlegt, giebt auch die Kraft, sie zu tragen. Er wird die gebeugte Witwe trösten, er wird ihr Krast geben, für ihre Kinder zu leben, ihre Kinder zu erziehen in seinem, des Verstorbenen Sinne zu braven, tüchtigen Menschen. Dann pries er das schöne, innige Familienleben. Wie wenigen wird beschert, was sie reichlich genossen! Wie war der Frühverklärte in treuer Liebe ergeben gewesen dem Weibe seiner Wahl, wie hatte er zu ihr gestanden in guten und schlimmen Tagen! Er erinnerte an die Zeiten, da ihnen der Tod drei blühende Kinder entrissen. Zuletzt ermahnte er die Geschwister, auf den Wegen Gottes zu wandeln, wie ihr Vater es gethan/ und ihm treulich nachzueifern,. der ein Vorbild aller Tugenden war.

Bei diesen Worten nickten Leonhard und Martha un­willkürlich. Es war ein stilles Gelöbnis, daß sie der Mahnung eingedenk sein und ihr Leben darnach regeln wollten.

Nach Beendigung der Predigt stimmten die Sänger noch einen Choral an. Unter den verhallenden Tönen des­selben ward der Sarg hinausgetragen. Wankenden Schrittes folgte die Witwe, gestützt auf den Arm ihres ältesten Sohnes/ nach ihr Martha und Lottchen, Else und Konrad/ dicht hinter diesen der Rechtsanwalt Ziel und Olaf Nansen unv einige Vertreter des Verstorbeneu. Frau Andree hatte keine Verwandten. Ein alter Onkel, der einzige von den Ihrigen, der noch lebte, wohnte eine Tagereise entfernt/ sein hohes Alter entschuldigte sein Ausbleiben, umsomehr, als sie seit