Ausgabe 
3.10.1899
 
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icht immer ist's ein bitt'reS Leiden, Läßt uns des Nächsten Schatz nicht Ruh, Es gibt ein liebendes Beneiden, Das sagt: Ich möchte sein wie im!

_________________ Frida Schanz.

Nachdruck verboten.

Der Gylfmhof.

Eine Erzählung von P. D i t f u r t h.

(Fortsetzung.)

II.

Die Wochen vergingen im Fluge- dem sonnigen Oktober folgte ein trüber, naßkalter November. Aber die Geschwister ließen sich durch ihn ihre täglichen Spaziergänge nicht ver­leiden. Die gute Frau Nolte hätte es auch schon nicht anders gelitten, die Ausflüge waren Renatas einzige Erholung, sonst sah sie gar nichts von der Außenwelt, nach der sie auch nicht im geringsten begehrte. Sie lebte sich mehr und mehr bet Noltes ein und lernte die beiden Damen wirklich schätzen.

Eben steckte Walter den reizenden braunen Lockenkopf zur Thür hinein:Renata, gehen wir nun?«

Gewiß, mein Liebling,- erwiderte diese sich erhebend und rüstete sich selbst und den Kleinen zum Ausgehen.

Nun, wo wollen wir heute hin?'' fragte sie lächelnd den Bruder.

Ach, Renata, bitte nach dem alten Hause, weißt Du, wo das Täubchen ist," meinte Walter-

Sie ging freundlich darauf ein, und bald waren sie wieder in der stillen Brunnenstraße. Prüfend glitten beider Augen über das Haus, aber kein Täubchen zeigte sich hinter der geschlossenen Fensterreihe.

Der Wind pfiff, und drohende Wolken verdunkelten den trüben Tag noch mehr. Die Geschwister gingen weiter, aber Walter sprach noch viel von dem Täubchen, er hatte vor Jahren ein ähnliches besessen, und Renata hatte die stille Absicht, wenn es irgend möglich sei, das Brüderchen zu Weihnachten mit einem solchen Tierchen zu überraschen.

Jetzt begann es zu regnen, und Renata kehrte um. Neugierig streckte Walter sein Köpfchen vor, als sie wieder an dem grauen Hause vorüberkamen,- er hatte sogar nicht übel Lust, stehen zu bleiben, aber seine Schwester zog ihn weiter, denn die Tropfen fielen immer stärker und dichter, und sie mußten eilen, das schützende Heim zu erreichen.

Auf dem Markte schlug ihnen der sturmgepeitschte Regen ins Gesicht. Renata versuchte den Schirm aufzuspannen- es war kaum möglich.

Ein eleganter Wagen rollte daher, mit zwei wilden Pferden bespannt.Walter!" rief Renata ängstlich und griff nach der losgelassenen Hand des Kleinen. Gehen konnte sie kaum, der Schleier wurde ihr vor den Augen hin und her getrieben, und entgegenkommende Menschen drängten das Kind vom Trottoir.

Walter!" rief sie noch einmal. Das Rollen des Wagens dröhnte erschütternd an ihr Ohr, dazu das Heulen des Sturmes und gleich darauf ein markdurchdringender Schrei, der sich hundertfach wiederholte. Erstarrt stand Renata und blickte wie geistesabwesend auf das Furchtbare.

Wohl waren die scheugewordenen Pferde von starken Männerhänden gebändigt, doch was half das nun? Der liebe kleine Walter lag in den Armen eines fremden Herrn toten­bleich und ganz still. Schlaff hingen die kleinen Glieder herab, und am Kopfe rann das Blut unter den Locken hervor.

Renatas Kniee wankten, aber sie sank nicht zusammen, und ihr Mund blieb stumm. Nur ein Gedanke kreiste in ihrem Kopfe:O, daß ich träumte!" Boll Mitleid wurde sie von dem Fremden und der Menge angesehen, aber sie wußte nichts davon.

So kamen sie an, ein langer Zug, vor Frau Noltes Wohnung. Boll Entsetzen stürzten die beiden Frauen heraus, und erst ihr lautes Wehklagen brachte Renata wieder zur Besinnung.

Walter wurde auf das Bett niedergelegt, und mit einem qualvollen Stöhnen sank die arme Schwester vor demselben aufs Knie, während die hilfreichen Frauen das Kind ent­kleideten und nach dem Arzt sandten. Der fremde Herr, der Walter ausgenommen und hergetragen, war längst gegangen, niemand hatte ihm gedankt, man hatte ihn kaum beachtet.

Der Arzt kam und untersuchte den armen Kleinen. Walter war nicht tot, aber innerlich schwer verletzt- die Wunde am Kopf war nicht bedeutend und das Blut bald gestillt.

Renata lehnte am Bettpfosten und hörte mit heißen, thränenlosen Augen dem Berichte zu.

Dann hat er noch viel zu leiden?" fragte sie mit ton­loser Stimme und rang die Hände krampfhaft ineinander. Boll Erbarmen sah der Arzt in ihr versteinertes Gesicht.

Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen, daß Ihr armes Brüderchen noch viel Schmerzen haben wird- viel helfen kann