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klang, seufzte schwer: Recht hatte er doch behalten, denn heute schon war es vorbei, heute schon waren sie sich fremd und fern, als trennten die Güter mächtige Felsenrücken anstatt der Rasennarben zwischen den duftenden Aehren.
Lieselotte schritt an einem Kleefeld vorbei, den blonden Kopf tief geneigt, als wolle sie das Vierblätter-Glück suchen, aber sie sah weder die grünen Blätter, noch die roten Honigkelche, sie sah in weite, weite Fernen: — Recht hatte Ewald immer gehabt, aber das ist unbequem für die andern, selbst wenn der Rechthaber dann nicht mit einem Siehstdu- wohl! hinterdrein fährt. — Bernd war ganz anders gewesen — viel bequemer, viel liebenswürdiger. Bernd hatte immer nachgegeben, Bernd hatte ihr wie ein kleiner Rittersmann seiner Dame gehuldigt.
Lieselotte sah sich mit ihren Puppen an der Jasminhecke spielen; die Knaben, ihrem Hauslehrer entronnen, stürmten heran. Bernd baute ihr das Puppennest unter dem Vogelnest gerade, wie sie es wollte, Ewald schalt, sie würden die Vögel vertreiben. Natürlich: die Zaunkönige verschwanden, Lieselotte weinte ihren Lieblingen vergeblich Reuethränen nach. — Lieselotte sah sich unter der Linde mit dem sehnsüchtigen Verlangen: da hinauf ins wogende Blätterdach, wo sich die Knaben so manches Mal von Ast zu Ast schwangen! — Von dem Bänkchen aus konnte man die unterste Gabel erreichen und sich hinauf schwingen. Ich auch, bettelte die kleine Lieselotte, ich auch. „Nein", sagte Ewald, „Du fällst oder kannst nicht wieder herunter." Aber Bernd streckte ihr die Arme entgegen und half ihr hinauf. — Ein bischen schwindlig war ihr da oben, aber sie sagte es nicht, schön sei es, log sie und merkte doch vor lauter Angst nichts von der Schönheit. Und als die Mittagsglocken läuteten, weinte sie bitterlich, denn sie fürchtete sich vor dem Abstieg, Ewald hatte recht behalten — freilich half er ihr herunter, wie er ihr immer half, wenn Bernds Kraft und Geschick versagten, aber er war ja auch der Große und Starke. — Und Lieselotte sah sich zwischen den Aehren Kornblumenkränze winden — Bernd trug ihr die Blumen zu, mochten sie noch so tief im Getreide stehn, Ewald schnitzte Pfeifen, pfiff und schalt dazwischen über die zertretenen Halme. Er hatte natürlich recht — zu Hause gabs ein kräftiges Donnerwetter über den Unfug, der Rain wurde den Kindern verboten, aber sie schlichen sich doch immer wieder zur Linde — auch Ewald kam — es war zu schön zwischen den Aehren.
Zwischen den Aehren — Lieselotte meinte, ihr ganzes Schicksal habe sich zwischen den Aehren abgesponnen. — Sie ging auch jetzt jenen Rain entlang, eine schmale Rasenrinne lief er zwischen manneshohem Korn dahin, zu beiden Seiten überragten die schwankenden Mauern das blonde Mädchen; kräftiger Duft entströmte den Aehren, es surrte und summte im Grunde, grünes Unkraut kroch in der goldenen Dämmerung über den Acker, Mohn und Rade leuchteten aus der Tiefe — gerade voraus stand die alte Linde, hoch und schwarz vor dem blauen Himmel.
Lieselotte sah die Linde, und ihre Füße zitterten, wie ihr Herz zitterte seit heute morgen, wo der Knecht von Bornshain vorbeigeritten war und über den Zaun gerufen hatte: „Unser Herr kommt heim!"
Ewald Friesen zurück! — Wie das auf sie einstürmte von lieben und bösen Erinnerungen: Kindheit — Jugendzeit, Frühlings- und Sommerwonne: zwischen den Aehren.
Als sie Ewald vor fünf Jahren dort unter der Linde zum letzten Mal gesehen hatte, sagte er: „Wenn ich zurückkomme, übernehme ich das Gut, und dann wirst Du meine Frau, ich habe Dich lieb."
Lieselotte sah ihn vor sich stehen, roch den Lindenduft von damals wieder und sah die Felder sich in leichten grünen Wellen bewegen. Wie sie erschrocken war damals, als er das sagte, und ihm dann hastig zur Antwort gab: „Bernd will mich auch haben, Ewald, Bernd hat mir gestern dasselbe gesagt, und ich Habs ihm versprochen."
Eine Flamme war in Ewalds Gesicht emporgestiegen und dann war er jäh erblaßt. Es hatte geraume Zeit gedauert, ehe er wieder zu sprechen vermochte, und Lieselotten war angst geworden, atembeklemmend angst. Endlich hatte er gesagt: „Bernd liebt nicht Dich, sondern Bucheck — leb wohl, Lieselotte, besinn Dich eines Bessern."
So war er gegangen und war fern geblieben ohne Brief oder Gruß, verschollen für Bucheck und Langewiesen — fünf Jahre hatte es gedauert, aber nun kam er zurück, sie würde ihn Wiedersehen, ihn, den sie haßte, denn er hatte wieder und wiederum Recht gehabt: Bernd Wiedenhahn liebte nur Bucheck.
Kurz nach jenen Tagen, in denen die Spielgefährten zu Freiern geworden waren, nahm sich Lieselottes Vater eine zweite Frau. Als Bernd das nächste Mal seine Eltern besuchte, lag Schnee; er kam nicht nach Bucheck: er erhaschte sich Lieselotten beim Weihnachtskirchgang.
„Sei mir nicht böse, Schatz, wenn ich den schuldigen Besuch diesmal versäume, und nimm mirs nicht übel; aber das ist ja ein entsetzlicher Streich von Deinem Vater, nochmal zu heiraten."
Hatte seine Stimme wirklich so ganz anders geklungen wie sonst? Oder bildete sie sich das ein ? Der Zorn stieg ihr in die Stirn und sie antwortete tapfer: „Wir sind die Wirtschafterinnen los, und es ist Frieden im Haus — für mich ist der entsetzliche Streich eine Wohlthat."
„So? — na, dann genieß Dein Glück."
Das war wieder der seltsame Ton gewesen, den Lieselotte nicht vergessen konnte und der wie Reif auf das zarte Liebespflänzchen in ihrem Herzen fiel. Was Bernd dann noch gesagt hatte, wußte sie nicht mehr, verweht war, was bei den spärlichen späteren Besuchen geredet, bei denen er ein Alleinsein mit ihr sorgfältig vermied. Seit sie zwei Brüder hatte, liebe, kleine, stramme Gesellen, war Bernd überhaupt nicht mehr nach Hause gekommen, und im Früh- ’ fahr zeigte er seine Verlobung mit einer reichen Braut an — er hatte Bucheck geliebt, nicht die blonde Lieselotte.
Nun stand sie unter der Linde, der alten Linde, die mit jedem Zweig ein Erinnerungslied rauschte. — Hatte Bernds Untreue ihr weh gethan? — Sie deckte die Augen mit den Händen und lauschte, als ob der Baum antworten könne. — Nicht im tiefsten Herzen — aber ihr Stolz litt, ihr Selbstgefühl war verwundet. Um die Ernte sollten sie zur Hilfe der alten Eltern in Langewiesen einziehen — dann mußte sie der Frau gegenübertreten, die sie verdrängt hatte — und wenn es zehnmal 'mit Hilfe des Reichtums geschehen war — die Ueberwundene blieb sie doch.
Und daneben würde Ewald stehen und sie mit den tiefen ruhigen Augen ansehen wie damals, als die Vögel das Nest verließen — er hatte recht gehabt — immer recht — und wenn er auch kein Wort sagte, wenn er gelassen seine Straße ging, ohne sie zu beachten — er mußte sie doch in seinem Herzen verspotten und verachten ob ihrer Thorheit. — Oder wenn er gar nicht allein käme? Wenn er Eine mitbrächte? Ein Weib — sein Weib? — Das Säuseln der Linde schien zum Brausen zu werden, Lieselottens Herz klopfte laut und hart — Ewalds Weib!
„Lieselotte!" klangs ihr da plötzlich in den Ohren wie zur alten Zeit, und doch anders, denn der Ton war nicht fest und sicher, wie Ewalds Stimme und auch nicht schmeichelnd oder kühl, wie Bernd mit ihr geredet hatte, und doch stand Bernd hinter ihr auf dem Langewiesener Raine.
„Lieselotte."
Sie machte eine Bewegung der Abwehr, aber Bernd stand mit einem Schritte neben ihr. „Lieselotte", flüsterte er heiß und hastig, „wenn ich mit meiner Frau zu Euch komme, sei gut! — Begrüße mich wie den alten Freund, der Dir nichts zu leide gethan hat." — Und als Lieselotte unwillkürlich vor ihm zurückwich, faßte er sie am Handgelenk und seine Worte stürmten über sie hin: „Lieselotte,


