498

ich das Recht habe, Dich gegen alles Ungemach zu schützen und in Vas Heim zu führen, das ich uns bereiten will".

Und mein Vater? Was soll aus ihm werden?"

Ich habe seiner nicht vergessen. Wir nehmen ihn mit uns und pflegen ihn gemeinschaftlich".

O Hans, Du bist gut, himmlisch gut!" rief sie, sich in seine Arme werfend, während heiße Thränen ihre jetzt blasien Wangen hinabrannen. Er drückte sie fest an sich, bedeckte Stirn, Augen und Mund mit seinen Küssen und schweigend und mit seligem, aber doch unsäglich traurigem Lächeln duldete sie seine Liebkosungen.

Noch heute spreche ich mit meinem Vater und überlege mit ihm, wie alles sich am schnellsten und am schicklichsten einrichten läßt", sagte er. Sie schnellte empor und rief rasch und beinahe heftig:

Nein, Hans! Das wirst Du nicht thun!"

Erstaunt, erschrocken blickte er sie an.Was heißt das?" Du wirst, Du darfst Deinem Vater eine solche Schwieger­tochter nicht bringen!"

Eine solche Schwiegertochter!" wiederholte er unmutig. Warst Du meinem Vater nicht sehr willkommen?"

Ich war ich war es", entgegnete sietrotz des Widerstrebens Deiner Stiefmutter- sollte jetzt unter den veränderten Verhältnissen ihr Einfluß so ganz wirkungslos bleiben?"

O, wie sehr verkennst Du meinen Vater, wie Unrecht thust Du ihm!" rief Hans vorwurfsvoll.Er ist"

Unser großmütiger Helfer in der Not!" siel Aurelie ein,aber deshalb eben darf ich auf deinen Vorschlag nicht eingehen, ich darf Dich nicht in Zwiespalt mit den Deinigen bringen."

Es handelt sich nur um meinen Vater, und der"

Ist abhängig von Deiner Stiefmutter. Er leidet schon viel unter ihren Launen, wir dürfen keinen neuen Grund zu Zwistigkeiten geben," unterbrach sie ihn wieder.

Du überschätzest doch die Macht dieser Frau," sagte er,sie kann mir nichts anhaben,- ich bin mündig und durch mein mütterliches Erbteil völlig unabhängig."

Nein, Ernst, das bist Du nicht, das ist niemals ein Mensch, so lange er noch einen Vater oder eine Mutter hat," entgegnete sie sanft und mit großer Festigkeit.Könntest Du es über Dich gewinnen, Dich gegen Deinen Vater auf- zulehuen? ich vermöchte Dir nicht zu folgen. Und handeltest Du mit seiner Zustimmung, so vermöchte ich es auch nicht."

Aurelie!"

Ich kann meinen Vater nicht verlassen!"

Aber er soll ja mit Dir gehen, Du sollst Dich nicht von ihm trennen."

Hans, verzeih', das kann ich nicht annehmen!"

Warum nicht?"

Weil ich nicht über meinen Vater verfügen darf. Ich kenne ihn sehr genau,- sein Stolz würde ihm nie gestattet haben, von seinem Schwiegersohn das Gnadenbrod anzu­nehmen !"

Nenne es nicht so!"

Ich muß, Hans! Warum vor dem Ausdruck zurück­schrecken, wo man die Thatsache will? Noch einmal, Hans, ich kann meinen Vater in seinem gegenwärtigen Zustande weder verlasien, noch ihn mit in Dein Haus nehmen."

Aber was soll geschehen? Willst Du mich mit diesem Ausspruch von Dir weisen?" fragte er traurig.

Mit einem Blick voll unsäglicher Liebe schaute sie zu ihm auf und sagte, seine beiden Hände ergreifend:

Nein, Hans, das hieße für mich Abschied nehmen von dem Tage, von der Sonne, vom Leben selbst! Wenn Du Dich nicht von mir abwendest!"

Statt aller Antwort drückte er sie an die Brust.

So bleibe ich Dir, so lange uns beiden das Leben bleibt," vollendete sie.Habe nur Geduld. Wir sind jung, wir können warten, die Prüfungszeit wird vorübergehen, ich glaube fest an eine bessere Zukunft."

Es leuchtete eine solche Zuversicht aus ihren Augen, daß er es nicht über sich vermochte, sie durch Einwürfe und Zweifel zu bekümmern. Später machte er es sich allerdings zum Vorwurf, dies nicht gethan zu haben und versuchte wiederholt, sie in ihrem Entschlüsse wankend zu machen.

Es war vergeblich. Mit derselben Sanftmut, aber auch mit der gleichen Unerschütterlichkeit beharrte sie bei ihrem einmal gefaßten Vorsatz, und er erreichte nichts, als daß sie das Zusammensein mit ihm auf ein immer geringeres Maß zu beschränken wußte. Wollte er ihrer lieben Nähe nicht ganz verlustig gehen, so mußte er sich fügen und schweigend zusehen, wie sie sich sorgte und abmühte, wie ihre Wangen schmaler und blässer, wie ihr Auge trüber ward.

Habe Geduld, laß Zeit vergehen!" lautete die stumme Bitte, die er in ihrem lieben Gesichte las so schwer es ihm auch wurde, er mußte ihr gehorchen!

VI.

Aurelie Sommer und Felicitas von Kreffen waren Schulfreundinnen und Nachbarsktnder, denn der verstorbene Major von Kressen hatte mehrere Jahre und bis zu seinem Tode eine Wohnung in der Friedrichstraße, nicht weit vom Sommer'schen Hause inne gehabt. Auf Sommers Empfehlung war Felicitas auch als Erzieherin zu der kleinen Hermine Helldorf gekommen, und die Frau Kommerzienrätin verfehlte, wenn sie in gereizter Stimmung gegen das junge Mädchen war, selten, anzügliche Bemerkungen über die Sommer'sche Familie und deren freundschaftliche Beziehungen zu Fräulein von Kressen zu machen.

Ihr Verhalten war noch weit gehässiger geworden, seit die Katastrophe über Sommer hcreingebrochen war. Es hatte ihr nicht verborgen bleiben können, daß ihr Mann für den Jugendfreund eingetreten war, und sie war empört darüber, obwohl sie den ganzen Umfang des gebrachten Opfers nichr kannte. So verschwenderisch sie für ihre eigene Person und für ihren geliebten Adalbert war, so engherzig zeigte sie sich, wenn es galt, anderen hilfreich beizuspringen, mit Aus­nahme solcher Gaben, für welche öffentlich in den Zeitungen quittiert ward.

Sie hatte ihrem Manne eine heftige Szene gemacht, seine Freigebigkeit gegen Sommer einen Raub an seinen Kindern genannt und von ihm verlangt, daß er dem Ver­hältnis zwischen Hans und Aurelie durch einen Machtspruch ein Ende bereite. (Fortsetzung folgt.)

Zwischen den Aehren.

Eine Liebesgeschichte von Luise Glaß.

------- (Nachdruck verboten.)

In Langewiesen läuteten die Sonntagsglocken und in Bucheck und Bornshain machten sich die Leute auf den Kirchweg. Auch Lieselotte, die Buchecker Rittergutstochter, nahm das Gesangbuch vom Bort, um dem Rufe zu folgen. Aber sie kam nicht in die Kirche. Sie hatte gewollt und sie wollte noch, und nun war sie kaum hundert Schritte die Straße entlang gegangen, da wußte sie auch, daß es ihr ganz unmöglich sein würde, heute etwas andres zu denken als an alte Zeiten, und über diese Gedanken, halb Er­innerungsfreude, halb Gegenwartszorn, wollte sie den guten alten Pfarrer nicht seine Liebes- und Segenspredigt halten lassen.

Also lenkte sie in den Feldweg ein, der nach der Grenz­linde führte, an deren Fuß sich die drei Güter berührten die drei Freunde die Hand reichten" sagte Ewald Friesen, der Bornshainer, worauf Bernd Wiedenhahn von Langewiesen hinzusetzte:Und sich immer und ewig reichen werden."

Immer und ewig? Jawohl! Ewald hatte schon damals gelacht über das immer und ewig, und die kleine Lieselotte, die zwischen den beiden Knaben unter der Linde saß, schalt ihn tüchtig aus für seine Zweifelsucht. Die große Lieselotte, über deren Haupte das Sonntagsgeläute