Ausgabe 
3.8.1899
 
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plötzlich klang vor meinem Ohre das niedliche

Gedicht:

Sie kennen

Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh; Wir krochen ins Hühnerhäuschen, Versteckten uns unter das Stroh. eS?"

5?^ ®inma[ vorübergehend für Heine geschwärmt hat? ES ist wie eine Kinderkrankheit."

Zum erstenmale während des Essens beteiligte sie sich an dem Gespräche. a ' '

"dlch so! Du bist ja auch da,"'meinte Else, um sie wegen ihrer Teilnahmlosigkeit zu necken.Das hatte ich ganz vergessen." y

Martha nickte. Er hatte sie nicht erwähnt, und doch wußte sie, daß seine Worte nur ihr, ihr allein galten.

Vorbei sind die Kinderspiele,

Und alles rollt vorbei, Das Geld und die Welt und die Zeiten Und Glaube und Liebe und Treu'.

Auch vor ihrem Innern stiegen jene Zeiten wieder lebendig auf. Sie sah alles wieder, wie er es gesehen nur mehr noch, sie selbst und ihn an ihrer Seite. Sie wandelten durch die blühenden Büsche und hatten einander soviel zu sagen. Die ganze Welt war nur da, ihnen von ihrer Liebe zu erzählen, die Sterne am Himmelszelt, die Blumen am Wege- und vor ihren Augen glühte das rote Nelkenbeet.

UndWelch' schönen Nelkenstock Sie da haben!" sagte Olaf zu Else, auf einen Blumentopf am Fenster deutend Ihre Gedanken waren wieder denselben Weg gegangen, wie sie es früher so oft gethan. Sie wußte das so bestimmt, als wenn er sie ganz direkt gefragt hätte, ob sie sich jenes letzten glücklichen Abends am Nelkenbeet entsinne. Und er wußte auch, daß sie daran dachte. Sie waren zu sehr gewohnt gewesen, einander auf die leiseste Andeutung zu

In diesem Augenblicke schienen auch ihm die Jahre wie ausgelöscht. Er hatte keine neue Liebe inzwischen ge­funden. Nicht," daß er oft an Martha gedacht hätte. Er hatte nur der Arbeit gelebt. Die Erinnerung an Martha war ihm zuerst unangenehm gewesen, wie alles, was mit Andrees und der Vergangenheit zusammenhing. Dann, mit der Zeit hatte sich Haß und Liebe verwischt. Martha war ihm gleichgültig geworden. Und nur selten einmal huschte eine dunkle Mädchengestalt mit ernsten Augen in kurzen Mußestunden an ihm vorüber. Aber er hielt das Bild nicht fest. Erst jetzt, da er eS in Fleisch und Blut vor sich sah, lebte eS wieder in ihm auf, hold und liebenswert wie

ich habe es sogar für ein großes Glück gehalten, daß ich die Stelle in Rumelien bekam, bald nachdem ich meine Studien beendet hatte. In Deutschland bot sich mir nichts Da ist immer viel Andrang. Wer verheiratet ist, oder wer Angehörige hat, die er nicht gern verlassen will, zieht die Stellen im Inland vor, auch wenn sie schlechter bezahlt sind. Wir verdienen dort bedeutend mehr."

Das spielt bet Ihnen doch keine Rolle," warf Else sein. 1

Meinen Sie? Vielleicht doch. Jedenfalls hielt mich nichts in Deutschland zurück, und so ergriff ich mit tausend Freuden die Gelegenheit, ein Srück Welt kennen zu lernen."

Martha saß da, die Augen auf ihren Teller gesenkt, stumm und bleich. Es hielt ihn nichts in Deutschland zurück- sie hatte es ja schon lange gewußt, und doch ging ihr das Wort wie ein Messerstich durchs Herz.

Und Sie haben eS nicht bereut?" fragte Else, die die Schwester während des Essens noch kaum mit dem Blicke gestreift hatte.

O tausendmal!" entgegnete Olaf.Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles oder, wie es in diesem Falle heißen muß, entwöhnt man sich von allem, und schließlich lebt man sich so ein, daß man dieses eigentümliche, kultur­fremde, eintönige und doch aufregende Leben gar nicht mehr missen möchte." i

Sie werden wieder nach der Türkei zurückkehren?" erkundigte sich Ziel. y

Ich denke wohl," antwortete Olaf.Ich bin nicht mehr heimisch hier. ES erscheint mir alles so beengt. Man kann nicht frei atmen. Dort bin ich mein eigener Herr, hier gießt es deren so viele. Aber bestimmt ist noch nichts, ^ch kann jederzeit wieder eintreten. Es wird demnächst eine neue Linie begonnen, die sich mit der großen Hauptlinie KonstantinopelParis vereinigen soll. Man nimmt dazu gern Männer, die eingearbeitet sind, Land und Leute kennen und mit der Sprache vertraut sind."

,..it Ohrw sich einer Uebertreibung schuldig zu machen, hatte er noch hinzufügen dürfen, daß er sich sowohl durch sein Können, als durch seine Energie und Geschicklichkeit in jenen Gegenden bereits eines solchen Rufes erfreue, daß ihm jede Stelle, um die er sich bewarb, von vornherein sicher sei.

Sie können wohl türkisch sprechen?" fragte Else, an seine Bemerkung anknüpfend.

r .. "®in wenig, und ein bischen neugriechisch, ein bischen serbisch, em bischen von allem Möglichen. Dort stoßen die Sprachgrenzen so hart aneinander, und von aller Herren Lander strömen Arbeiter herzu. Da muß man allerlei Sprachen lernen- natürlich nur ein paar Brocken, was man für den täglichen Verkehr braucht. Eine elegante Konversation zu fuhren, dürfte mir schwer fallen, und an türkische Gedichte möchte ich mich auch nicht wagen."

Giebt es denn türkische Gedichte?" fragte Konrad, und:

Lesen Sie überhaupt noch Gedichte wie früher?" i forschte Else.

2Bte früher?" meinte Olaf verwundert.

Ja, wie früher," bestätigte Else.

Sie und Martha konnten ja alle Dichter auswendig, deutsche, französische und englische. Die Gedichtbücher lagen nur so herum. Sogar abends im Bett las Martha noch darin. Ich dachte natürlich, eS wären verbotene Romane und wollte heimlich mitlesen!"

br°^te feiner mit dem Finger.Ei, ei, Eischen! Was man da nachträglich erfährt."

rr "Das machen alle jungen Mädchen so," beruhigte ihn Bartha nicht," verbesserte sie sich schnell.

Natürlich nicht. Die war immer ein Tugendspiegel. Und I w°s sie da in stiller Nacht las, waren bloß Gedichte. Ich glaube, der Heine gehört sogar Ihnen, Herr Nansen?" I

SBirnid)? Wie gut Sie sich das gemerkt haben."

Besser als ich," meinte Martha.Die Jugend ist I ßte Zeit der Lyrik. Und finden Sie nicht, daß fast jeder I

! Awl kam seinem Gaste mit der Antwort zuvor.Ich bin verschont geblieben von den poetischen Masern," erklärte er.Ich war von jeher durch und durch prosaisch."

Um so besser für mich. Wenn man älter wird, ver­liert sich diese Schwärmerei von selbst."

Wie vorgeschritten Sie in der Großstadt sind!" sagte Olaf mit einem leichten Anflug von Spott.Ich in meiner Abgeschiedenheit von der Kultur bin meinen Jugend­traditionen treuer geblieben. Viel Muße zum lesen habe ich nicht, aber zuweilen nehme ich meinen alten Freund noch recht gern zur Hand. Und häufig in den verschiedensten Lebenslagen kommen mir ein paar Verse in den Sinn, die so recht zu meiner augenblicklichen Stimmung paffen und mui , c öett ganzen Tag nicht mehr los werde. Zum Befiel heute vormittag. Ich ging an dem Hause vorüber, we ches Sie damals bewohnten. Ich blieb stehen, ganz in Erinnerung versunken und bevölkerte die wohlbekannten Plätzchen mit den Gestalten von ehemals. Da war die Laube, Leos Lieblingsplatz- dort der alte Geröllschuppen, Konrads Ritterburg- daneben Lottchens Kaninchenstall. Dann sah ich Sie" das war an Else gerichtet,mit den blonden Zöpfen auf dem Rücken durch den Garten laufen, und plötzlich klang vor meinem Ohre das niedliche